Aktualisiert 12.01.2013 08:57

«Time-Out»Stars kommen und gehen - der SCB bleibt bestehen

Die grosse, mächtige Hockeymaschine SC Bern hat auch «netto» Fribourg-Gottéron überrollt. Kann sich Gottéron von dieser Demütigung erholen?

von
Klaus Zaugg
Berns Topscorer Byron Ritchie jubelt nach seinem Tor zum 0:1.

Berns Topscorer Byron Ritchie jubelt nach seinem Tor zum 0:1.

Gottérons Cheftrainer Hans Kossmann nahm dieses 0:6 zumindest äusserlich gelassen hin. «Ich bin gar nicht so unglücklich, dass es so ausgegangen ist. Nun weiss bei uns jeder, was es geschlagen hat.» Seine Jungs seien nicht bereit gewesen. Bei jedem Zweikampf einen Schritt zu spät. «Wir sind Leader. Es geht nicht, wenn wir nur halbpatzig («demi-tarif») bei der Sache sind.» Kurzum: Er sieht dieses 0:6 als heilsame Niederlage.

Wen sich der tüchtige Bandengeneral da nur nicht täuscht. Natürlich ist es nur eine Niederlage in einem von 50 Qualifikationsspielen. Im Januar gibt es keine Titel zu gewinnen.

Aber dieses 0:6 ist so ungewöhnlich, dass wir uns sogar die Frage stellen, ob nun die Geschichte neu geschrieben werden sollte. Mit den NHL-Helden Mark Streit, Roman Josi und John Tavares hat der SC Bern diese Saison in Fribourg zweimal verloren: 1:3 am 2. Oktober und 3:4 am 2. Dezember 2012.

Besser ohne NHL-Stars?

Nun spielte der SCB erstmals wieder «netto». Also ohne seine NHL-Stars. Franco Collenberg und Flurin Randegger ersetzten in der Verteidigung Mark Streit und Roman Josi. Vorne nahm Jaroslaw Bednar den Platz von John Tavares ein. Und der SCB gewann erstmals in dieser Saison in Fribourg. Mehr noch: Gottéron war bei dieser 0:6-Pleite völlig chancenlos. Da ist die Frage berechtigt, ob wir nun die Geschichte umschreiben sollten. Sind Randegger und Collenberg besser als Streit und Josi und damit reif für die NHL? Ist Bednar besser als Tavares? Ist die NHL am Ende eine Operetten-Liga? Nein. Solche polemischen Behauptungen könnten zwar mit dem jüngsten Resultat theoretisch gestützt werden. Aber sie wären der bare Unsinn.

Woran liegt es dann? Fribourg musste zwar auch erstmals wieder ohne seinen NHL-Star antreten (Center David Desharnais). Aber mit dem Ausgang des Spiels hat diese Absenz nichts zu tun.

Zu welsch

Die Erklärung liegt auf einer anderen Ebene. Wir dürfen wieder einmal ein altes Vorurteil aktivieren: Gottéron war zu welsch. Diese Niederlage vom 11. Januar 2013 mahnt an den 11. April 1992. An die bitterste Gottéron-Pleite aller Zeiten. Damals holte der SCB im 5. Finalspiel durch ein 4:1 in Fribourg den Meistertitel. Im genau gleichen Stil wie beim 6:0 am Freitagabend.

Der SCB hat den Verlust seiner NHL-Stars dank der Breite im Kader kompensiert und wird weiterhin dazu in der Lage sein. Alle vier Linien dominierten das Spiel. Sechs verschiedene Spieler erzielten ein Tor, insgesamt zwölf verschiedene Spieler produzierten mindestens einen Skorerpunkt. Der erste Sturm tanzte (Bednar dürfte die erhoffte Offensiv-Wirkung entfalten) und in den drei übrigen Formationen sorgte je ein Rumpelstürmer (Neuenschwander, Schwerwey und Alain Berger) für ständige Lufthoheit in den Zweikämpfen. Der Stürmer Flurin Randegger spielte erstmals seit seinem Transfer von Servette zum SCB als Verteidiger. Mit seiner Schnelligkeit und einer erstaunlichen Spielintelligenz machte er mit einem Tor und einem Assist sogar Mark Streit vergessen. Obwohl sein Lohn tiefer ist als der Bankzins auf Streits Jahressalär. NHL-Stars kommen und gehen, der SCB aber bleibt bestehen.

Folgenschwere Pleite

Natürlich war die SCB-Spielanlage defensiv bis destruktiv und damit wenig attraktiv. Aber genau diese Taktik brachte Gottérons offensive Schmetterlinge zur Verzweiflung. Sie fanden keinen Raum und keine Zeit für ihre Kunststücke. Mit welscher Eleganz lässt sich die SCB-Abwehr nicht austanzen. Nur mit Wucht, Kraft und Geradlinigkeit wäre das Eindringen in die SCB-Abwehrzone möglich gewesen. Und in der Abwehr waren Tore durch die «welsche Raumdeckung» nicht zu verhindern. Zumindest rund ums Tor wäre schon «Manndeckung» notwendig gewesen. Aber dazu war dieses weiche, ängstliche Gottéron so wenig in der Lage wie damals am 11. April 1992.

Dieses 0:6 eine heilsame Niederlage? Nein, es ist eine folgenschwere Pleite. Auch wenn Gottéron gleich eine starke Reaktion gelingt – etwas wird bleiben. Die beiden Teams liegen auf den Plätzen eins und zwei in der Tabelle. An und für sich funktioniert Gottéron in dieser Saison. Ja, an einem guten Abend ist Gottéron durchaus eine welsche Antwort auf den SCB: Eine gut funktionierende, gut ausbalancierte «Hockeymaschine» mit vier Linien und Spielern, die auch austeilen und einstecken können. Wir haben in dieser Saison schon einige Male ein meisterliches Gottéron gesehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich der SC Bern und Gottéron erstmals seit 1992 wieder im Finale begegnen, ist zumindest statistisch aufgrund des bisherigen Verlaufes der Qualifikation nach wie vor hoch.

Schmach bleibt

Im Hinblick auf einen möglichen «Showdown» zwischen Gottéron und dem SCB in den Playoffs gilt es für beide Teams, das Terrain zu markieren. Die psychologische Wirkung der absoluten Chancenlosigkeit ist für Gottéron nicht heilsam. Sondern verheerend. So gesehen, kann der SCB-Sieg gar nicht hoch genug bewertet werden. Und so gesehen muss Gottéron alles daran setzen, am nächsten Samstag (19. Januar) beim «Rückspiel» in Bern, ein Zeichen zu setzen.

Aber eben: Wenn da nur dieses 0:6 nicht wäre. Bandengeneral Hans Kossmann kann künftig sagen, was er will – in den Köpfen der Spieler bleibt diese 0:6-Schmach präsent. Jeder weiss: Wir haben, wenn es wirklich zählt, gegen diesen SCB doch keine Chance. Die Geister des 11. April 1992 haben Gottéron wieder heimgesucht.

Der SC Bern ist nach einem 3:2 n.P. in Zürich, einem 4:1 gegen Davos, einem 4:0 und Zug und einem 6:0 in Fribourg nicht mehr nur der klare, sondern der haushohe Favorit auf den Qualifikationssieg. Die Frage werden wir noch oft wiederholen: Was, ausser Überheblichkeit, kann diesen SCB stoppen?

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.