Selbstversuch: Start-up hilft männlichen Shopping-Muffeln

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SelbstversuchStart-up hilft männlichen Shopping-Muffeln

Das neue Shopping-Portal «Outfittery.ch» will Schweizer Männer laut Werbung «von der Qual des Shoppings befreien». 20 Minuten wagte den Selbstversuch.

von
Samuel Hufschmid

Ich mach's einfach nicht gerne: Egal ob im Shopping-Center oder auf Onlineportalen, immer überfordert mich die schier unendliche Auswahl an Farben, Schnitten und Kleidergrössen. So gesehen passe ich perfekt in die Zielgruppe von outfittery.ch, dem nach eigenen Angaben ersten «kuratierten» Shopping-Portal der Schweiz.

«Wir haben einen klaren Auftrag: die Befreiung der Männerwelt von der Qual des Shoppings!», schreibt das Start-up-Unternehmen in einer Pressemitteilung. Ohne mich als Journalist auszugeben, teste ich das Angebot. Nach der Registriereung muss ich zehn einfache Fragen zu meinem Kleidungsstil beantworten, zum Beispiel ob ich eher in der Migros oder bei Coop einkaufe (Migros). Zusätzlich werde ich aufgefordert, ein aktuelles Foto von mir hochzuladen, damit sich Stefanie, meine persönliche Stilberaterin, ein Bild von mir machen könne.

Stilberaterin Stefanie meldet sich

Am nächsten Tag, pünktlich um 11 Uhr, klingelt das Handy. Stefanie ist am Apparat und begrüsst mich freundlich. Zuvor hat sie mir schon mehrere (automatisierte) E-Mails geschrieben und vorgeschlagen, dass wir Facebook-Freunde werden könnten. «Beschreibe dich doch mal, was du so machst und in welchen Kleidern du dich wohlfühlst» lautet ihre erste Frage. Ich beschreibe mich als sportlichen Typ, der in der Medienbranche arbeitet - dass ich Journalist bin und recherchiere, verschweige ich natürlich. Nach 10 Minuten ist das Gespräch vorbei und meine Stilberaterin verspricht, mir in den nächsten Tagen eine Box mit für mich persönlich ausgewählten Kleidern zu schicken.

Tatsächlich trifft wenige Tage später eine grosse Kartonschachtel bei mir ein, gefüllt mit Hosen, T-Shirts, Pullovern, einer Winterjacke und einem Paar Schuhe. Gleichzeitig meldet sich Stefanie wieder per (automatisiertem?) E-Mail bei mir. «Lieber Samuel, mittlerweile dürfte Deine Outfittery Box Dich erreicht haben und ich hoffe die Winterjacke gefällt Dir genau so gut wie mir.» Was mir nicht gefalle, könne ich zurückschicken - falls etwas nicht passe, schicke sie es mir gerne nochmals in einer anderen Grösse.

Vernichtendes Urteil aus der Fashion-Redaktion

Beim Öffnen der Box verspüre ich eine grosse Zufriedenheit: So viele Kleider und ich musste praktisch nichts tun dafür. Mich weder mit Ärmellängen noch mit Kragenschnitten auseinandersetzen. 12 Kleidungsstücke, die mir tatsächlich passen, ziemlich chic daherkommen, preislich zwischen 26 (T-Shirt) und 260 Franken (Jacke) liegen - Beratung und Porto fürs Zurückschicken inklusive. Doch dann der Schock beim Vorführen: «Alles viel zu konservativ. Jede Verkäuferin in einem Warenhaus stellt dir in 20 Minuten eine bessere Auswahl zusammen», kommentiert 20 Minuten-Fashion-Redaktorin Yolanda Di Mambro die Lieferung. Besonders schrecklich sei die Jacke mit falschem Pelz, die «zusammen mit dem Haarschopf des Reporters eine unvorteilhafte Kombination» ergebe.

Ganz so kritisch wie unsere Fashion-Redaktorin sind die Schweizer Männer offenbar nicht, denn der Shoppingdienst ist hierzulande sehr gut angelaufen. «Seit wir im September in der Schweiz starteten, haben wir schon über 1000 Kunden beliefert», freut sich Gründerin Julia Bösch. Ob die Schweizer weniger kritisch sind als die Deutschen und entsprechend weniger Kleider zurückschicken, kann Bösch noch nicht sagen. «Sicher ist aber, dass sie mehr wert auf Qualität legen als die Deutschen.»

«Frauen sind einfach zu kompliziert»

Dass sich Outfittery ausschliesslich auf Männer spezialisiert hat, liegt gemäss der Gründerin an den Frauen. «Wenns ums Shoppen geht, sind Frauen einfach zu kompliziert.» In den USA würden sich mittlerweile nicht nur Stars, sondern auch erfolgreiche Business-Männer einen persönlichen Shopping-Berater leisten, der für sie einkaufe. «Diesen Service wollten wir allen zugänglich machen, die Shoppping nicht mögen oder keine Zeit haben und trotzdem gerne gut gekleidet sind.»

Ob ich nach meinen Selbstversuch weiterhin Kunde bei Outfittery bleibe, ist noch offen. Auf jeden Fall behalte ich die Sneakers, und vielleicht auch die grüne Hose, auch wenn sie laut Fashion-Redaktorin «in einem Geschäft durch das Anprobieren optimaler ausgesucht werden könnte». Aber dafür müsste ich ja ins Geschäft, und irgendwie fehlt mir dazu gerade sowohl die Zeit als auch die Lust.

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