Wladimir Makei: Steckt Russland hinter dem Tod des Aussenministers von Belarus?

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«Plötzlich gestorben»Steckt Russland hinter dem Tod des belarussischen Aussenministers? 

Der «plötzliche Tod» von Wladimir Makei wirft viele Frage auf. Für Experte Alexander Dubowy liegt eine Beteiligung Moskaus am Tod des prowestlichen Kriegsgegners auf der Hand.  

von
Daniel Graf
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Wladimir Makei (rechts) war ein langjähriger und enger Berater des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko. Am Samstag ist er «plötzlich und unerwartet» gestorben. 

Wladimir Makei (rechts) war ein langjähriger und enger Berater des belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko. Am Samstag ist er «plötzlich und unerwartet» gestorben. 

imago/Russian Look
Makei war laut Experte Alexander Dubowy massgeblich an der zeitweisen Annäherung von Belarus an den Westen beteiligt. 

Makei war laut Experte Alexander Dubowy massgeblich an der zeitweisen Annäherung von Belarus an den Westen beteiligt. 

AFP
Für Dubowy liegt eine Beteiligung Moskaus an seinem Tod nahe. 

Für Dubowy liegt eine Beteiligung Moskaus an seinem Tod nahe. 

via REUTERS

Darum gehts

  • Wladimir Makei, Aussenminister von Belarus, ist am Samstag «plötzlich und unerwartet» gestorben. 

  • Laut Experte Alexander Dubowy übt Moskau Druck auf Belarus aus, sich am Krieg in der Ukraine zu beteiligen.

  • Makei habe sich dagegen gewehrt und sei auch für eine zeitweise Annäherung Belarus’ an den Westen mitverantwortlich gewesen. 

  • «Eine Beteiligung Russlands an Makeis Tod scheint deshalb naheliegend», sagt der Experte. 

Am Samstag vermeldete die staatliche Nachrichtenagentur von Belarus den «plötzlichen Tod» des 64-jährigen Aussenministers Wladimir Makei. Über die genauen Umstände ist nichts bekannt. Makei hatte sich vor den Massenprotesten 2020 für eine Verbesserung der Beziehungen seines Landes zum Westen eingesetzt und Russland kritisiert. Sein unerwarteter Tod zum jetzigen Zeitpunkt wirft viele Fragen auf. Alexander Dubowy, Politikanalyst mit Fokus auf Osteuropa und Russland, ordnet ein. 

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie vom «plötzlichen Tod» von Wladimir Makei gehört haben?

Wir wissen zum aktuellen Zeitpunkt so gut wie nichts über die Umstände seines Todes. Eine Beteiligung Russlands ist allerdings naheliegend. Makei war seit über zwanzig Jahren ein enger Vertrauter Lukaschenkos, entscheidend an der teilweisen Annäherung Belarus’ an den Westen beteiligt und inoffiziell ein Gegner einer direkten Beteiligung am Krieg in der Ukraine. 

«Russland strebt de facto die Aufgabe der belarussischen Souveränität an.»

Alexander Dubowy, Russland- und Osteuropa-Experte 

Wie wahrscheinlich ist es, dass Moskau hinter dem Tod steckt?

Auch wenn wir keine Beweise haben, ist die Wahrscheinlichkeit hoch. Russland will, dass Belarus den Unionsstaat mit Russland vertieft, was de facto die Aufgabe der Souveränität bedeuten würde. Und dass Belarus in die Ukraine einmarschiert. Diesen Zielen ist Moskau mit dem Tod Makeis nähergekommen, weil er sich als einflussreicher Berater Lukaschenkos gegen beides gewehrt hatte. Auch führte Makei die inoffiziellen Verhandlungen mit dem Westen. Sein Tod schwächt Alexander Lukaschenko, stärkt Russlands Einfluss auf Belarus und ist eine reale Gefahr für die belarussische Unabhängigkeit.

Inwiefern hilft das Russland?

Russland will Belarus wenn nötig mit Gewalt in der eigenen Einflusssphäre behalten. Belarus ist für Putin viel wichtiger, als die Ukraine es je sein könnte. Wenn wirklich Moskau für seinen Tod verantwortlich ist, ist das eine klare Warnung an Lukaschenko, dass sowohl seine zurückhaltende Position als auch seine Person nicht mehr geduldet wird.

Wie wird Lukaschenko reagieren?

Ich gehe nicht davon aus, dass Lukaschenko Moskau offiziell beschuldigen wird. Er hat aber kaum Handlungsoptionen, da sein Land komplett von Russland abhängig ist. Seit dem 24. Februar 2022 wird die Ukraine von Belarus aus beschossen. Völkerrechtlich würde es somit kaum einen Unterschied machen, wenn Belarus in die Ukraine einmarschieren würde. Denn Belarus ist längst Kriegspartei. Machtpolitisch und militärisch hätte ein offizieller Kriegseintritt der belarussischen Streitkräfte einen grossen Einfluss.

«Ein Einmarsch Belarus’ in die Ukraine könnte einen entscheidenden Einfluss auf den Kriegsverlauf haben.»

Alexander Dubowy, Russland- und Osteuropa-Experte 

Inwiefern?

Eine weitere Frontlinie zu verteidigen, wäre eine riesige Herausforderung für die Ukraine. Das könnte entscheidenden Einfluss haben. Und Putin könnte damit Zeit gewinnen. Längerfristig dürfte Russland gegenüber den Nato-Staaten einen gewissen Vorteil haben.  

Welchen?

Die russische Wirtschaft kann schneller auf Kriegswirtschaft umgestellt werden, als die westlicher Nationen. Russland soll mit Teheran im Hintergrund ein Abkommen abgeschlossen haben, um die iranischen Kamikaze-Drohnen im eigenen Land herstellen zu können.

Kann die Ukraine, unterstützt von den Nato-Staaten, dagegenhalten?

Es gibt Anzeichen dafür, dass die Waffenkammern der Nato-Staaten sich langsam leeren. Die USA haben schon 20 Milliarden Dollar in diesen Krieg investiert. Angesichts innenpolitischer Spannungen und einer drohenden Wirtschaftskrise ist fraglich, wie lange die USA die Unterstützung für die Ukraine noch aufrechterhalten können und wollen. Deshalb ist im Moment jeder ukrainische Sieg wichtig. Nur, wenn die ukrainischen Streitkräfte rechtzeitig vor Beginn neuer russischer Offensiven eine militärische Überlegenheit erreichen können, sind ehrliche Friedensverhandlungen mit Moskau möglich.

«Knickt Lukaschenko ein und gelingt es Putin, in Kasachstan eine prorussische Regierung zu installieren, kann er innenpolitisch die Wiedergeburt des Russischen Reiches feiern.»

Alexander Dubowy, Russland- und Osteuropa-Experte 

Ist es denkbar, dass Lukaschenko einknickt, die Ukraine angreift und Belarus sogar Teil Russlands wird?

Das wäre das ideale Szenario für Putin. Aktuell kursieren Gerüchte, dass Moskau Lukaschenko absetzen und durch einen klar prorussischen Kandidaten ersetzen möchte. Gelingt es Putin dann noch, in Kasachstan eine prorussische Regierung zu installieren, kann er innenpolitisch die Wiedergeburt des Russischen Reiches feiern und von den Misserfolgen in der Ukraine ablenken. 

Russlands Beziehungen mit Belarus

Russland und Belarus bilden einen sogenannten Unionsstaat, der auf einer Reihe von Verträgen basiert. Am 21. Februar 1995 ist in Minsk der «Vertrag über Freundschaft, gute Nachbarschaft und Zusammenarbeit zwischen der Russischen Föderation und der Republik Belarus» unterzeichnet worden. Laut Dubowy existiert der Unionsstaat vor allem auf dem Papier. «Trotzdem hat er zu engen Verflechtungen zwischen den zwei Ländern geführt. Jetzt drängt Russland darauf, diese weiter zu vertiefen.»

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