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Ein Land im DilemmaStehen bald Pipelines vor Kroatiens Traumstränden?

Die kroatische Regierung will in der Adria nach Öl bohren lassen. Umweltschützer und die Tourismusbranche sind alarmiert.

von
D. Stojanovic und D. Bandic
AP
Kroatiens berühmtester Strand Zlatni Rat auf der Insel Brac.

Kroatiens berühmtester Strand Zlatni Rat auf der Insel Brac.

Keystone/AP/Sheila Norman-culp

Unberührte Küsten, frischer Fisch und freundliche Gastgeber: Wie so viele Touristen hat sich auch der Deutsche Peter Fries (60) in Kroatien verliebt. Doch nun kommen dem Unternehmer Zweifel, ob er seinen Urlaubsort nicht bald wechseln muss, denn Kroatien will in der Adria nach Öl bohren lassen.

«Das ist ein grosses Risiko», meint Fries. «Niemand will in einem Meer mit Pipelines, Ölplattformen und Tankern schwimmen.»

Trotz wachsender Opposition im Land ist die kroatische Regierung entschlossen, aus den Ölvorkommen Kapital zu schlagen. Lizenzen für ausländische Energiekonzerne sollen helfen, die Finanzen des Staates aufzubessern.

Gespaltene Gesellschaft

Die Entscheidung hat die 4,3 Millionen Einwohner des jüngsten EU-Mitgliedstaates gespalten. In Umfragen sprachen sich 45 Prozent der Kroaten gegen eine Ölförderung in der Adria aus. 40 Prozent waren dafür, wobei die meisten von ihnen fern der Küste leben.

Gegner führen an, die Bohrungen zerstörten nicht nur die spektakuläre Landschaft, sondern stellten auch eine gewaltige Bedrohung für die Umwelt dar. Eine Ölpest könnte den Tourismus zugrunderichten — die wichtigste Einkommensquelle des Landes.

Das Juwel beschützen

«Die Adria ist ein Juwel, das nicht angefasst werden darf», sagt Hotel-Besitzer Ivo Lorencin. «Wenn das Meer zerstört ist, sind wir alle erledigt.»

Die kroatische Tourismusbranche lag schon einmal am Boden, während des Jugoslawienkrieges. 2012 kamen dann wieder rund elf Millionen Touristen pro Jahr und damit etwa so viele wie vor dem Krieg. Dabei half eine Medienkampagne mit dem Slogan: «Das Mittelmeer wie es einmal war.»

Den Energiemarkt aufmischen

Die Anhänger der Idee erklären dagegen, das Öl könnte Milliarden Dollar in die Kassen der angeschlagenen Wirtschaft spülen, die seit Jahren in der Rezession steckt. Europa könnte mit einer Ölförderung in Kroatien auch seine Abhängigkeit von Russland reduzieren.

Die Regierung glaubt fest daran, dass Kroatien mit seiner strategischen Position zwischen dem westlichen und dem östlichen Europa zu einem regionalen Schwergewicht auf dem Energiemarkt werden kann, ähnlich wie es Norwegen in der Nordsee ist.

Im Juni gehts los

«Kroatien wird dann zum Energieexporteur, das stärkt die Energiesicherheit in der Region», erklärt Wirtschaftsminister Ivan Vrdoljak. Die Risiken für die Umwelt seien minimal, weil europäische Sicherheitsstandards eingehalten würden. Die meisten Plattformen seien von der Küste aus nicht zu sehen.

Die ersten Probebohrungen in der Adria sollen schon im Juni beginnen. In fünf Jahren könnte dann die kommerzielle Ölförderung aufgenommen werden.

Und die erneubare Energien?

Die kroatischen Grünen sind von den Zusicherungen der Regierung nicht überzeugt. Sie haben eine Kampagne gestartet unter dem Motto «Nein zu Öl in der Adria, Ja zu nachhaltigem Wachstum».

«Die Alternativen sind erneuerbare Energien wie Solarenergie, Windräder und kleine Wasserkraftwerke», sagt Mirela Holy, Vorsitzende der ORaH, einer kleinen Umweltpartei.

160 Millionen vs. 7,5 Milliarden

Die Kritiker der Ölpläne haben ein weiteres starkes Argument auf ihrer Seite: das Geld. Die Tourismusindustrie bringe dem Land pro Jahr rund 7,5 Milliarden Euro ein — deutlich mehr, als die 160 Millionen Euro, die die Regierung mit der Vergabe von Lizenzen veranschlagt.

«Im Fall eines Unglücks sind die Einnahmen aus dem Tourismus komplett verloren», sagt Monica Frassoni, Kovorsitzende der Europäischen Grünen. «Also warum das Risiko?»

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