Steigende Zahlen: Stehen Grossanlässe schon wieder vor dem Aus?
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Steigende ZahlenStehen Grossanlässe schon wieder vor dem Aus?

Der Bund meldet übers Wochenende über 1500 Neuansteckungen. Für eine Epidemiologin könnte auch das kältere Wetter eine Rolle spielen.

von
Leo Hurni
Pascal Michel
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Fürs Wochenende meldeten die Kantone verschiedene Ansteckungs-Cluster.

Fürs Wochenende meldeten die Kantone verschiedene Ansteckungs-Cluster.

Foto: Keystone
Generell stiegen die Corona-Zahlen wieder. Der Bund meldete am Montag 1548 Fälle.

Generell stiegen die Corona-Zahlen wieder. Der Bund meldete am Montag 1548 Fälle.

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Epidemiologin Hodcroft erklärt sich dies auch mit den kälteren Temperaturen.

Epidemiologin Hodcroft erklärt sich dies auch mit den kälteren Temperaturen.

Foto: Neherlab

Darum gehts

  • Das BAG meldete am Montag 1548 neue Infektionen mit dem Coronavirus.
  • Die Positivitätsrate lag bei sechs Prozent – so hoch wie lange nicht.
  • Die Kantone melden Cluster. Angesteckt hatten sich Personen an Apéros, Festen oder beim Tanzen.
  • Eine Epidemiologin glaubt, dass auch das Wetter eine Rolle spiele.
  • Die Gesundheitsdirektoren schauen nun bei Grossveranstaltungen genau hin.

Nach einem Taucher Ende September steigen die Corona-Fallzahlen wieder an: Am Montag meldete das Bundesamt für Gesundheit (BAG) für die letzten 72 Stunden 1548 neue Fälle. Die Positivitätsrate ist mit sechs Prozent so hoch wie lange nicht mehr.

Wo die neuen Ansteckungen stattgefunden haben, darüber verfügt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) keine Zahlen. Der Kanton Zürich erklärt, es habe bei den Neuinfizierten am Wochenende verschiedene Cluster gegeben: an einem Geschäftsapéro, in einem Asylzentrum sowie an Salsa-Tanzveranstaltungen. Solche Fallzahlen könne das Contact-Tracing aber noch bewältigen.

Das sind die Viren-Nester

Am Montag bekannt gewordene Fälle zeigen, dass besonders Freizeitaktivitäten Ansteckungsherde sind: In Moutier BE wurden 17 Gäste einer Geburtstagsparty positiv getestet, in Thun und Steffisburg waren Gebetstage einer hinduistischen Glaubensgemeinschaft ein Hotspot. Und die Contact-Tracer im Kanton Zürich zählten seit Mitte September in verschiedenen Salsa-Clubs über 60 Ansteckungen, weshalb der Kanton nun Tanzveranstaltungen verboten hat.

Auf Anfrage erklärt die Gesundheitsdirektorenkonferenz (GDK), die Lage sei «nach wie vor instabil». «Wir müssen weiterhin sehr aufmerksam sein und in erster Linie darauf achten, Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten.» Die Konferenz hat Empfehlungen an Kantone, die etwa die Risikoschwelle von 60 Neuinfektionen pro 100’000 Einwohner in den letzten zwei Wochen überschritten haben, definiert. Risikogebiet wären demnach schon acht Kantone:



Diesen empfiehlt die GDK: Maskenpflicht in Läden und öffentlichen Innenräumen, Auflagen für Grossveranstaltungen, Personenobergrenzen bei Privatveranstaltungen und in Ausgehlokalen oder gar notfalls Schliessung von Nachtclubs und Diskotheken.

Epidemiologin Emma Hodcroft schreibt zur aktuellen Entwicklung auf Twitter: «Die Zahlen gehen wieder besorgniserregend hoch.» Jetzt sei nicht die Zeit, Massnahmen zu lockern, sondern die bestehenden Regeln wieder zu betonen.

Welche Rolle spielt das Wetter?

Auf Anfrage von 20 Minuten führt sie aus: «In den letzten anderthalb Wochen sind die Temperaturen deutlich gesunken. Es würde mich nicht wundern, wenn sich dadurch das Verhalten der Menschen geändert hat: Man trifft vermehrt Freunde drinnen, schliesst die Fenster und heizt die Innenräume. All dies könnte zu mehr Ansteckungsrisiko führen.» Sie appelliert daran, dass jetzt jeder seinen Teil beitragen müsse: «Bleiben Sie zu Hause, wenn Sie krank sind, tragen Sie eine Maske, halten Sie Abstand und meiden Sie überfüllte Innenräume.»

Dass seit dem 1. Oktober wieder Grossveranstaltungen stattfinden, stösst auch bei der Gesundheitsdirektorenkonferenz auf Skepsis. In Bern beispielsweise drängten sich am Wochenende Hunderte Menschen vor dem Stadion Wankdorf.

Die GDK schreibt generell zu Grossveranstaltungen: «Sie stellen eine grosse Herausforderung dar.» Die kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren fühlten sich angesichts der instabilen Lage einem sorgfältigen Umgang mit den Bewilligungsgesuchen verpflichtet. «Es ist auch möglich, dass die Kantone eine bereits erteilte Bewilligung unter bestimmten Umständen widerrufen oder einschränken – etwa wenn sich die epidemiologische Lage zwischen der Bewilligungserteilung und der Durchführung massgeblich verschlechtert.»

«Von Massnahmen ermüdet»

Marcel Tanner, Mitglied der Corona-Taskforce des Bundes, bleibt trotz steigenden Zahlen optimistisch. «Man muss den Anstieg der Zahlen durchaus ernst nehmen, aber darf sicher nicht dramatisieren.» Den Anstieg erklärt sich Tanner unter anderem dadurch, dass die Leute mittlerweile von den Massnahmen ermüdet sind. «Die Leute haben immer mehr Mühe mit dem konsequenten Einhalten der Massnahmen. Zudem sind die Mobilität und besonders während der Herbstferien die Reiseaktivität auch im Lande selbst der Leute gestiegen.»

Weitere schweizweite Regulierungen und Verbote hält Tanner aber derzeit für nicht richtig. Es müsse je nach Kanton, Region und Veranstaltung eingeschätzt werden, welche Massnahmen sinnvoll seien. Denn: «Wir können nicht erwarten, dass im Dorfladen im Kanton Uri die gleichen Beschränkungen gelten wie im Einkaufszentrum im Kanton Zürich.» Tanner lobt die Kantone dafür, dass sie aktiv Massnahmen ergreifen und auch das Contact-Tracing trotz grossen Lasten leisten.

Das BAG schreibt auf Anfrage: «Die Zeitreihe ist zu kurz, um überhaupt von einem Trend zu sprechen.»

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