16.06.2017 14:00

Lehrstellensuche

Stellen Firmen nur Schüler mit guten Noten ein?

Viele Jugendliche auf Lehrstellensuche klagen, dass Firmen zu stark auf die Noten schauen und nur die besten Schüler einstellen. 20 Minuten hat bei einem Lehrbetrieb nachgehakt.

von
V. Blank
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«Nur gute Noten und Zeugnisse wollen sie sehen»: So lautet der Vorwurf vieler Schüler an die Lehrbetriebe.

«Nur gute Noten und Zeugnisse wollen sie sehen»: So lautet der Vorwurf vieler Schüler an die Lehrbetriebe.

AP/Felix Kaestle
Auch eine Mutter, deren Sohn aufgrund der Schulzeugnisse nur Absagen erhält, klagt: «Ohne gute Noten haben Jugendlich keine Chance.»

Auch eine Mutter, deren Sohn aufgrund der Schulzeugnisse nur Absagen erhält, klagt: «Ohne gute Noten haben Jugendlich keine Chance.»

Katarzynabialasiewicz
Franz Aebli, CEO von Landis Bau sagt zu 20 Minuten: «Natürlich stellen wir auch gern diejenigen Lehrlinge ein, die in der Schule super sind.» Aber er betont: «Auch die Mittelmässigen dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.»

Franz Aebli, CEO von Landis Bau sagt zu 20 Minuten: «Natürlich stellen wir auch gern diejenigen Lehrlinge ein, die in der Schule super sind.» Aber er betont: «Auch die Mittelmässigen dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.»

FAGAGNINI FOTOGRAFIE

Schlechte Noten, keine Lehrstelle? Dieser Meinung sind zumindest viele 20-Minuten-Leser. Zu der Meldung über das Überangebot an Lehrstellen in der Schweiz schrieb etwa Leser Mr. X an die Adresse der Lehrbetriebe: «Nur gute Noten und Zeugnisse wollen sie sehen.» Eine Mutter, deren Sohn aufgrund der Schulzeugnisse nur Absagen erhält, klagt: «Ohne gute Noten haben Jugendliche keine Chance.» Leserin Nozomi hat auch die Erfahrung gemacht, dass die Betriebe auf ein gutes Zeugnis achten – ihr hingegen haben ihre guten Noten geholfen: «Ich bekam nach nur einer Bewerbung eine KV-Lehrstelle. Aber ich hatte auch nur 5er und 6er im Zeugnis.»

«Wir brauchen nicht nur Superstars»

Ob es stimmt, dass die Schweizer Firmen stark auf die Zeugnisse der potenziellen Lehrlinge fixiert sind, wollte 20 Minuten von Franz Aebli wissen. Er ist Chef des Bauunternehmens Landis Bau in Zug – und räumt ein: «Natürlich stellen wir auch gern diejenigen Lehrlinge ein, die in der Schule super sind.»

Das Zuger Unternehmen beschäftigt rund 250 Mitarbeitende. Der 48-jährige CEO schaut sich jede Bewerbung auf eine Lehrstelle persönlich an. Dieses Sommer fangen sieben Jugendliche bei Landis Bau ihre Lehre an – sie lernen Maurer, Strassenbauer, Bauwerktrenner oder Kaufmann. Nicht alle von ihnen seien «Superstars» in der Schule, betont Aebli: «Auch die Mittelmässigen dürfen wir nicht aus den Augen verlieren.» Schliesslich wolle oder könne nicht jeder später Polier oder Bauführer werden.

«Absenzen sprechen für schlechte Motivation»

Wenn Bewerbungen für eine Lehrstelle auf dem Tisch des Chefs landen, fällt dessen Blick nicht zuerst auf die Noten, sondern auf die «Kreuzchen daneben», wie er sagt. Eine gute Beurteilung von Verhalten und Umgang sei für Jobs auf dem Bau wichtiger als die schulische Leistung. «Ich will jemanden, der im Team arbeiten kann», so Aebli.

Die Alarmglocken schrillen beim Chef hingegen, wenn im Zeugnis viele unentschuldigte Absenzen vermerkt sind. Das spreche oft für eine schlechte Motivation der Jugendlichen. «Wenn jemand oft in der Schule gefehlt hat, ist das für mich viel schlimmer als die Note 3,5 in Deutsch.»

«Auch wir haben Fehler gemacht»

Landis Bau ist eine der ältesten Baufirmen in der Schweiz. Den Nachwuchs selbst auszubilden, ist Geschäftsführer Aebli wichtig. «Und das müssen wir auch, wenn es uns weiterhin geben soll», sagt er. In den letzten paar Jahren sei es gut gelungen, passende Lehrlinge zu finden – aber auch nur, weil man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt habe.

«Wir haben uns Mühe gegeben, für die Jungen als Arbeitgeber attraktiver zu werden, etwa durch einen eigenen Lehrlingschef, der Zeit hat für die jungen Menschen.» Weitere Massnahmen der Firma waren Schulbesuche mit dem Infomobil des Baumeisterverbandes, schöne Arbeitskleidung oder Sponsorings von Festen und Vereinen in der Region. «Trotzdem ist es aus Unternehmersicht immer noch ein langer Weg, passende Lehrlinge zu finden», so Aebli.

Den ersten Teil der 20-Minuten-Serie «Deine Lehre» finden Sie hier, den zweiten hier.

Serie «Deine Lehre»

In der Schweiz sind hochgerechnet 23'500 Lehrstellen noch nicht besetzt. 20 Minuten widmet dem Thema eine mehrteilige Serie und lässt

verschiedene Akteure zu Wort kommen – vom Lehrmeister, der vergeblich nach passenden Kandidaten sucht bis zum Jugendlichen, der trotz des Überangebots an Ausbildungsplätzen keine Stelle findet.

Ratschläge KV Schweiz

Der Experte Michael Kraft, Jugendberater beim Kaufmännischen Verband, gibt Tipps, wenn es mit der Lehrstelle aufgrund der Noten nicht klappt:

Die Situation analysieren: Bei der Suche sollte man sich fragen: Entspricht der gewählte Beruf meinen Interessen und meinen Fähigkeiten? Sind meine Bewerbungsunterlagen tipptopp in Ordnung?

Die Fähigkeiten unter Beweis stellen: Schulnoten sind wichtig. Doch jeder kann sicher noch mehr. «Erwähne in der Bewerbung, wenn du Trainerin im Unihockeyclub oder Leiter in der Pfadi bist», rät Experte Kraft.

Einen Plan B bereit halten: Gibt es einen Beruf, in dem die schlechten Noten in einem Fach weniger dramatisch sind, dafür die Stärken besser zur Geltung kommen? Kraft sagt: «Bleibt offen für Alternativen und fixiert euch nicht zu stark auf einen Beruf.»

Ein Berufsvorbereitungsjahr besuchen: Ein Brückenangebot kann helfen, die Lücken zu schliessen und sich auf die Berufswahl vorzubereiten, um dann nach einem Schuljahr neu durchzustarten.

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