Libanon: Stellvertreter-Krieg der Sunniten und Alawiten
Aktualisiert

LibanonStellvertreter-Krieg der Sunniten und Alawiten

Es ist viel die Rede von einem Übergreifen des syrischen Bürgerkriegs auf den Libanon. Dabei zeigen sich hier längst dieselben Konfliktlinien zwischen Sunniten und Alawiten.

von
Karin Laub
AP

Die Menschen von Bab Tabbane behelfen sich in ihrer Not mit Pragmatismus. Wenn die Heckenschützen aus dem Nachbarviertel Dschabal Mohsen mal wieder zuschlagen, spannen sie grosse Laken über die Strassenkreuzung - um die Sicht zu verdecken. Und wenn die Kämpfe in ihrer Nähe allzu schlimm werden, verlassen sie vorübergehend ihre Wohnungen und schlafen in Hauseingängen, um den Mörsergranaten zu entgehen.

Der blutige Konflikt zwischen den beiden Stadtteilen von Tripoli, der zweitgrössten Stadt des Libanons, ist schon fast Normalität, zumal die Ursprünge bis in die Anfänge des libanesischen Bürgerkriegs vor 40 Jahren zurückgehen. Doch seit Ausbruch des Aufstands im benachbarten Syrien hat er sich merklich verschärft. Allein vergangene Woche wurden in den Gefechten zwischen beiden Vierteln 28 Menschen getötet und mehr als 200 verletzt.

Eine Art Stellvertreterkrieg

Als am Wochenende der Chef der Hisbollah-Miliz im Libanon seine Waffenbrüderschaft mit dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad beschwor und erstmals seit 2011 Raketen in Hisbollah-Vierteln in Beirut einschlugen, war viel vom Übergreifen des syrischen Bürgerkriegs auf das Nachbarland die Rede. Dabei hat der Konflikt den Libanon längst erreicht.

Denn die Kämpfe zwischen Bab Tabbane und Dschabal Mohsen sind auch eine Art Stellvertreterkrieg entlang derselben Trennlinien wie in Syrien: Bab Tabbane ist weitgehend sunnitisch, Dschabal Mohsen ist das Viertel der Alawiten, einer Seitenlinie des schiitischen Islams, der auch die Regierenden um Baschar al-Assad in Damaskus angehören. Für einige der Kämpfer in Bab Tabbane erklärt das schon alles. «Sie fürchten Gott nicht, sie sind schlechte Menschen», sagt ein 18-Jähriger mit schwarzem Bartflaum und einer Kalaschnikow über die Menschen im Nachbarviertel Dschabal Mohsen.

Einschusslöcher in der Zimmertür

Viele in Bab Tabbane sind sich aber durchaus bewusst, dass sich der in der ganzen Region ausgetragene Machtkampf zwischen Sunniten und Schiiten in ihrer kleinen Welt wie im Brennglas verdichtet. «Ihre Probleme werden hier ausgefochten», sagt der 53-jährige Mohamed Buchari, ein Bewohner des Viertels.

Seine Wohnung im ersten Stock liegt genau gegenüber von Dschabal Mohsen. Die Entfernung beträgt nur ein paar Dutzend Meter. Als am 19. Mai die Kämpfe wieder ausbrachen, zog Mohamed mit seiner Frau, den fünf Kindern und den beiden Enkelkindern in eine leere Wohnung auf der vom Nachbarviertel abgewandten Seite. «Meine Wohnung ist sehr gefährlich», sagt er zur Erklärung. Und deutet auf Einschusslöcher in einem Schrank und einer Zimmertür.

Gekämpft wird nach Sonnenuntergang

Dschabal Mohsen liegt an einem Hang oberhalb von Bab Tabbane. Die libanesische Armee hat rund um das alawitische Viertel Kontrollpunkte errichtet. Über das Wochenende hat sie zudem zwei gepanzerte Fahrzeuge am Eingang des Viertels postiert. Allerdings ist dies wohl eher als symbolische Geste gedacht.

Bei einem Besuch am Freitag jedenfalls führen die örtlichen Bewaffneten das Regiment auf den Strassen. Einige von ihnen sitzen auf Plastikstühlen auf dem Gehweg der Syrien-Strasse, die nur einen Strassenblock von Dschabal Mohsen entfernt liegt. Sie rauchen, reden, ruhen sich aus. Denn gekämpft wird meist nach Sonnenuntergang, wenn die Gegner mit Maschinenpistolen, Mörsern und raketenbetriebenen Granaten aufeinander feuern.

Kämpfer ohne Ziel

Die Männer nennen ganz unterschiedliche Gründe für diese blutige Fehde gegen ihre Nachbarn. Einige sprechen von Rache für früheres Unrecht, andere wollen es Assad und der Hisbollah mal so richtig heimzahlen. Aber jenseits des Motivs, beim Gegner möglichst viel Leid und Schaden anzurichten, ist kein klares Ziel der Kämpfe erkennbar.

Die hohe Arbeitslosigkeit und die Armut in Bab Tabbane trügen zu den Spannungen bei, sagt Chaed Schascheer, ein 42-jähriger Taxifahrer im Tarnanzug. Zwei seiner Kameraden, die lieber ihren Namen nicht nennen wollen, sprechen von «alten Rechnungen», um die es hier gehe. In den Vierteln wurde schon im 15-jährigen libanesischen Bürgerkrieg bis 1990 gekämpft und dann noch einmal 2008. Ein junger Heckenschütze - im richtigen Leben eigentlich Geldwechsler - erzählt, dass schon sein Grossvater in Kämpfen mit Leuten aus Dschabal Mohsen 1979 getötet wurde.

Alawiten «haben auch Kinder»

Die Alawiten allerdings sehen den Konflikt etwas anders - grundsätzlicher. «Gegen die Alawiten läuft eine organisierte Kampagne, die darauf zielt, sie auf allen Ebenen zu eliminieren», sagte einer ihrer örtlichen Anführer, Ali Fedda, vor einigen Wochen. Im Libanon stellt die kleine Religionsgruppe gerade mal zwei Prozent der Bevölkerung, und auch in Tripoli steht sie einer grossen Mehrheit von Sunniten gegenüber.

In Bab Tabbane versuchen zumindest einige, sich in die Lage der alawitischen Nachbarn hineinzuversetzen. «Die haben auch Kinder», sagt die 45-jährige Hausfrau Sahar Aschrafije. Doch auch ihre eigenen Probleme sind offensichtlich. In ihren Balkon und in die Schlafzimmerwand sind Kugeln eingeschlagen. Weil die Küche in der Schussbahn liegt, ist es gefährlich für Sahar, für ihre neunköpfige Familie zu kochen.

1985 war die Familie aus dem Viertel geflohen, nachdem Sahars Mann einen Schuss ins Bein abbekommen hatte. Die Familie lebte zeitweise in Deutschland, 1992 kam sie zurück. Eine Entscheidung, die ihr Mann inzwischen bitter bereue, sagt Sahar.

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