Ist die Grippe schuld?: Sterbewelle – Krematorien stossen an ihre Grenzen
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Ist die Grippe schuld?Sterbewelle – Krematorien stossen an ihre Grenzen

Bestatter hatten in den letzten Wochen viel Arbeit. Krematorien stiessen an ihre Kapazitätsgrenzen. Die Häufung der Todesfälle könnte mit der Grippe zu tun haben.

von
ann
Im Januar starben in der Schweiz aussergewöhnlich viele Menschen.

Im Januar starben in der Schweiz aussergewöhnlich viele Menschen.

Die Mitarbeiter des Krematoriums Nordheim in Zürich müssen derzeit häufig länger arbeiten als üblich: Es gibt so viele Todesfälle wie schon lange nicht mehr. «Im Januar kremierten wir an einem Tag 49 Personen, das ist eine ungewöhnlich hohe Zahl», sagt Rolf Steinmann, Leiter Bestattungs- und Friedhofsamt der Stadt Zürich. Normalerweise seien es 20 bis 35 Personen pro Tag. Steinmann sagt denn auch, dass man im Januar 2015 im Krematorium Nordheim 14 Prozent mehr Feuerbestattungen vollzogen habe als im Januar-Durchschnitt der Jahre 2011 bis 2014.

Doch es wurden nicht nur mehr Leute kremiert. In der Stadt Zürich wurden insgesamt im Januar 2015 mehr Leute bestattet als im selben Monat der letzten Jahre. «Rund acht Prozent mehr», sagt Steinmann. Er geht daher davon aus, dass im Januar aussergewöhnlich viele Leute verstorben sind.

Steinmann ist damit nicht allein:«Der Monat Januar 2015 war ausserordentlich», sagt Silvana Pletscher, Geschäftsführerin der Bernischen Genossenschaft für Feuerbestattung. Deutlich mehr Todesfälle als sonst in einem Januar melden auch Luzern und Chur. Und: Es zeichne sich ab, dass der Februar genauso schlimm sei. Gemäss unbestätigten Meldungen sollen mehrere Krematorien in der Schweiz ihre Kapazitätsgrenze erreicht haben.

«Zusammenhang zu Grippe plausibel»

Die Vermutung liegt nahe, dass die Todeswelle mit der derzeit grassierenden Grippe zusammenhängt. Mediziner wollen dies weder bestätigen noch ausschliessen. «Ein direkter Zusammenhang zwischen der Häufung von Todesfällen und der Grippe lässt sich nicht nachweisen, ist aber subjektiv betrachtet plausibel», sagt André Haas, Sprecher des Kantonsspitals Winterthur.

Jeden Winter behandle man im Spital Patienten, die im Nachgang zur Grippe Komplikationen entwickelten. Dies bestätigt auch das Inselspital in Bern: Ein Zusammenhang sei «wissenschaftlich nicht belegt, aber rein theoretisch möglich».

Sterbewelle in Altersheimen

Beim Bundesamt für Gesundheit heisst es, gemäss einer Studie würden durchschnittlich mehrere hundert Personen jährlich an der Grippe sterben. Die Studie gehe aber davon aus, dass die Zahl zwei- bis dreimal höher sein könnte, weil bei vielen Todesfällen die Grippe einer von mehreren Faktoren sei und nur eine Todesursache angegeben werde.

Besonders betroffen von den vielen Todesfällen wegen der Grippe sind Alters- und Pflegeheime. Viele wollen offiziell keine Stellung nehmen, bestätigen dies aber anonym. Stefanie Bollag, Direktorin des Alterspflegezentrums Humanitas in Riehen BS, sagt offen: «Wir haben derzeit eine Sterbewelle.» Bollag kann sich gut vorstellen, dass diese mit der Grippe zusammenhängt, weil die Impfung nicht gegen alle Erregerstämme wirke. «Die Grippe ist dieses Jahr viel heftiger.»

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