Styling für Arbeitslose: «Steuergelder für neuen Haarschnitt sind absurd»
Aktualisiert

Styling für Arbeitslose«Steuergelder für neuen Haarschnitt sind absurd»

Ist es richtig, dass die Sozialhilfe auch ein Stilcoaching bezahlt? Reine Geldverschwendung, finden die einen, während andere Politiker von einer «innovativen Idee» sprechen.

von
D. Waldmeier
Mit diesen Styling-Beispielen wirbt die Stilberaterin Coralie Andrey auf ihrer Website coaching-osmose.ch.

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Man wolle Sozialhilfeempfängern nach Kräften helfen, wieder einen Job zu finden, lautet die Devise im Kanton Freiburg. Dabei setzt man auch auf ungewöhnliche Eingliederungsmassnahmen. So bezahlen der Kanton und die Gemeinden in Einzelfällen auch einen Theaterkurs - oder ein Umstyling mit einer Image-Beraterin. Das Stiltraining mit Schminktipps und neuer Frisur dauert mehrere Stunden und kostet 785 Franken. Mit einem adretten Äusseren sollen die Arbeitssuchenden ihr Selbstwertgefühl steigern - und dadurch einfacher einen Job finden.

Job nach Aknebehandlung

Politiker sind sich uneins, ob die Massnahme schlicht genial oder widersinnig ist. SVP-Nationalrat Gregor Rutz etwa kann nur den Kopf schütteln: «Es ist absurd, wenn Steuergelder für einen neuen Haarschnitt eingesetzt werden. Eine Image-Beratung ist sicher keine Staatsaufgabe.» Rutz stört sich vor allem daran, dass in den letzten Jahren eine ganze Industrie entstanden sei, die vom Sozialbereich lebe. «Die Leute sollten selbst mehr Verantwortung übernehmen. Schmink-Anleitungen findet man auch auf Youtube - und zwar günstiger.»

SP-Nationalrätin Bea Heim dagegen befürwortet die «innovative Idee»: «Ich kenne selbst ein Beispiel einer jungen Arbeitslosen, die stark an Akne litt. Erst nachdem ihr eine Politikerin eine Kosmetikbehandlung bezahlt hatte, fand sie einen Job.» So sei der Frau geholfen und das Gemeinde-Budget entlastet worden. Menschen reagierten halt sehr stark auf den ersten Eindruck. «Wenn das Umstyling zu einer Arbeitsstelle führt, haben wir eine Win-win-Situation», sagt Heim. Einzig der Preis erscheine ihr etwas sehr hoch.

«Seltenes Angebot»

Den Ball flach halten will der Verband Arbeitsintegration Schweiz, der Organisationen vertritt, die Stellensuchenden bei der Rückkehr in die Arbeitswelt helfen. «Solche Massnahmen werden höchst selten angeboten. Meist geht es darum, dass Sozialhilfebezügern eine sinnvolle Beschäftigung geboten werden, ergänzt von Weiterbildungskursen und Unterstützung bei Bewerbungen», sagt Geschäftsleiterin Prisca D'Alessandro.

Im Einzelfall könne aber gerade bei jungen Menschen auch eine Massnahme wie in Freiburg sinnvoll sein. Es gehe ja nicht um die letzte Mode, sondern um eine Vorbereitung auf einen selbstbewussten Auftritt bei einem Vorstellungsgespräch. «Die Massnahme kann sich lohnen.»

Bei der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe SKOS hat man keine Kenntnis von den Schminkkursen. «Grundsätzlich ist es aber wichtig, dass auch Integrationsprojekte kontrolliert werden. Sie müssen eine Wirkung erzielen», so Geschäftsführerin Dorothee Guggisberg.

Mitarbeit: Jacqueline Büchi

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