Grosser Praxistest: Stiehlt Nokias Windows-Phone allen die Show?
Aktualisiert

Grosser PraxistestStiehlt Nokias Windows-Phone allen die Show?

Der einstige Handy-Gigant Nokia steckt im Verkaufstief. Nun soll das Lumia 900 abgesprungene Kunden zurückgewinnen. Ob das gelingt? Wir haben das finnische Windows-Phone getestet.

von
Oliver Wietlisbach

Nokia will zurück auf den Handy-Thron. Das Flaggschiff der Lumia-Reihe soll den Finnen den Weg dahin ebnen. Doch wie realistisch ist das? Kann das Lumia 900 dem iPhone und den Android-Handys das Wasser reichen?

Optisch hat Nokia erstmal wenig unternommen. Warum auch? Das erste Windows-Phone von Nokia – das etwas kleinere Lumia 800 – wurde von den Lesern von 20 Minuten Online zum schönsten Smartphone gewählt und räumte international diverse Design-Awards ab. Für die Finnen bestand somit wenig Anlass, am optischen Erscheinungsbild zu feilen. Geblieben ist das robuste Unibody-Gehäuse aus Polycarbonat und das schlichte Design.

Nokia kopiert sich selbst

Auf dern ersten Blick eine Kopie des Vorgängers, weist das Lumia 900 auf den zweiten einen deutlich grösseren 4,3-Zoll-Display auf(entspricht dem Samsung Galaxy S2). Der Bildschirm liefert satte Farben, ist kratzfest und besteht sogar den Hammer-Test, wie der Designer der Lumia-Phones im Interview bekräftigte.

Zu den wichtigsten Verbesserungen unter der Haube zählen die schnellere Internetverbindung (bis zu 42 Mbit/Sekunde), die Frontkamera für Videotelefonie und der stärkere Akku, der im Praxistest überzeugen konnte.

Windows Phone ist anders

Beim Betriebssystem setzen die Finnen neuerdings auf Windows Phone 7.5 (WP) von Microsoft – nicht zu Verwechseln mit dem alten Windows Mobile.

WP 7.5 ist genauso minimalistisch gehalten wie das Gehäuse des Lumia. Es gibt einen Startbildschirm, auf dem man seine wichtigsten Apps nach dem eigenen Gusto anordnet, sowie einen zweiten Bildschirm mit einer alphabetischen Auflistung aller Applikationen. Die zuletzt verwendeten Apps können durch längeres Drücken der Zurück-Taste aufgerufen werden. Mehr gibts nicht zu verstehen. Keine verschachtelten Einstellungen, keine Ordner, keine zusätzlichen Home-Screens. WP ist leicht verständlich, schnell und vor allem übersichtlich.

Vor allem iPhone-Nutzer sollten einen Blick über den Tellerrand wagen. WP ist ähnlich einfach zu bedienen wie iOS, kommt aber mit einer moderneren Benutzeroberfläche daher. Android- oder Bada-Fans dürfte WP hingegen kaum überzeugen.

Live Tiles statt Icons

Microsofts Betriebssystem hebt sich deutlich von den App-lastigen Oberflächen von iPhone und Android-Handys ab. An die Stelle von unzähligen Icons oder statischen Ordnern treten interaktive Live Tiles. Apps erscheinen nicht als Icons, sondern als aktive Kacheln, die bereits vor dem Starten der Anwendung eine Vorschau auf den Inhalt gewähren. Beispielsweise zeigt die Live Tile der SBB-App die Abfahrtszeit der zuletzt gesuchten Verbindung direkt auf der Live Tile an – ohne dass die App nochmals geöffnet oder ein Widget installiert werden muss.

Entgegen der oft gehörten Kritik lässt sich WP gut personalisieren. So ziemlich alle Inhalte lassen sich als Live Tile auf dem Home-Bildschirm ablegen: Häufig genutzte Kontakte, Musik-Playlists, Fotoalben, Webseiten und und und. Wer vor allem die Sport-Nachrichten von 20 Minuten Online liest, kann in der News-App beispielsweise die Sport-Rubrik als neue Live Tile definieren und gelangt so direkt zu den News aus der Sportwelt.

So funktionieren Live Tiles

Quelle: YouTube/Nokia

Das gefällt besonders

Während bei Android und iPhone die Kommunikation über verschiedene Applikationen stattfindet, ist sie bei Windows Phone Nutzer-basiert. Das heisst, dass mit einem Freund ausgetauschte Nachrichten per E-Mail, SMS, Facebook, Twitter oder Windows Live Messenger in der Kontakte-App «gesammelt» und chronologisch in einem Diskussionsfaden dargestellt werden (siehe Diashow). Der zentrale Kommunikations-Hub spielt seine Stärken aus, wenn man mit seinen Freunden oft über verschiedene Kanäle kommuniziert.

An der Software-Front punktet Nokia mit Gratis-Apps wie Nokia Maps oder Nokia Navigation. Hervorzuheben ist zudem der neue Musikstreaming-Dienst Mix Radio, der rund 15 Millionen Songs bereitstellt.

So funktioniert Mix Radio

Quelle: YouTube/Nokia

Das gefällt nicht

So schnell und flüssig Windows Phone und die Microsoft-Anwendungen laufen, so deutlich zeigen sich Verzögerungen beim Starten von Anwendungen von Drittanbietern – selbst die Nokia-Apps laden mit spürbarer Verzögerung.

Die Kamera verbleibt zudem auf dem Niveau des Lumia 800. Wer auf eine gute Handy-Kamera wartet, muss sich somit gedulden bis zum Verkaufsstart des 41-Megapixel-Monsters Nokia 808, das wir bereits ausführlich testen konnten.

Windows-Phone-Apps sind oft einfacher zu bedienen und sehen nicht selten besser aus als ihre Pendants bei Android und dem iPhone, allerdings erscheinen sie meist erst Monate später. Wer (zurück) zu Nokia wechselt, sollte vorgängig prüfen, ob seine Lieblings-Apps im Windows Phone Marketplace bereits verfügbar sind. Da WP noch wenig verbreitet ist, wird das Gros der Applikationen zuerst für iOS und Android programmiert.

Das Fazit

Das Lumia 900 ist ein gelungenes Update, es fehlt jedoch das Killer-Feature, vor dem sich die Konkurrenz fürchten müsste. Nach drei Wochen Härtetest im Alltag wird offensichtlich, dass Nokia den Vorgänger zwar nur punktuell, aber mit einem stärkeren Akku, schnellerer Internetverbindung und der Frontkamera sinnvoll verbessert hat.

Im Vergleich zu Android und dem iPhone fehlen gewisse Funktionen, dafür ist das Lumia mit WP leicht verständlich, schnell und übersichtlich, was es zu einer guten Wahl für Smartphone-Einsteiger macht. Wer bei Begriffen wie NFC und DLNA-Streaming nur Bahnhof versteht und Sprachassistenten wie Siri und S-Voice auf dem iPhone oder Galaxy nie genutzt hat, wird mit dem neuen Nokia-Phone vermutlich glücklich werden und nichts vermissen.

Deine Meinung