Aktualisiert 10.06.2015 06:10

SP-ForderungStipendien statt Sozialhilfe für Jugendliche

Im Kanton Waadt bekommen Junge nur Geld vom Staat, wenn sie eine Lehre machen. Der Bundesrat soll nun prüfen, ob das Modell schweizweit Anwendung finden könnte.

von
J. Büchi
Bei Minderjährigen ist die Sozialhilfequote deutlich höher als bei Erwachsenen.

Bei Minderjährigen ist die Sozialhilfequote deutlich höher als bei Erwachsenen.

In der Schweiz beziehen 3,2 Prozent der Bevölkerung Sozialhilfe. Bei Minderjährigen (5,2%) und jungen Erwachsenen (4%) ist diese Quote deutlich höher. Sie haben damit von allen Altersgruppen das grösste Risiko, sozialhilfeabhängig zu sein. Das Parlament will dies ändern. Nach dem Nationalrat hat auch der Ständerat den Bundesrat dazu aufgefordert, einen Masterplan mit möglichen Massnahmen aufzustellen. Er hat eine entsprechende Motion der SP-Fraktion überwiesen.

Die Sozialdemokraten verweisen in ihrem Vorstoss insbesondere auf ein Modell aus dem Kanton Waadt: Seit rund fünf Jahren erhalten 16- bis 25-Jährige dort Stipendien statt Sozialhilfe. Bedingung ist, dass sie mit dem Kanton einen Vertrag unterzeichnen, in dem sie sich verpflichten, eine Berufslehre zu absolvieren. Der Staat ist dafür verantwortlich, eine passende Lehrstelle zu finden.

«Armut vorbeugen»

Dorothee Guggisberg, die Geschäftsführerin der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, würde es begrüssen, wenn sich dieses Modell in der ganzen Schweiz durchsetzen würde. «Eine Ausbildung ist der beste Weg, um Armut vorzubeugen.» Mittels Stipendien könne verhindert werden, dass Leute schon in jungem Alter in die Sozialhilfe abrutschen.

Doch worin besteht genau der Unterschied? Schliesslich bekommen die Betroffenen in beiden Fällen Beiträge von der öffentlichen Hand, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. «Die Sozialhilfe ist nicht zuständig für die Bezahlung von Ausbildungen. Hier muss das Bildungswesen greifen», so Guggisberg. «Bildung erhöht die Chancen auf ein finanziell unabhängiges Leben. Das soll allen jungen Menschen gleichermassen zustehen.»

«Weder Stipendien noch Sozialhilfe für Junge»

SVP-Nationalrat Alfred Heer hält «gar nichts» von diesem System. «Junge, die von sich aus eine Lehre suchen, wären die gelackmeierten.» Sie müssten Steuern auf ihren Lehrlingslohn bezahlen, während andere den ganzen Lebensunterhalt finanziert bekämen. «Zudem würde es für sie schwieriger, eine Lehrstelle zu finden, weil der Staat die Plätze für Sozialhilfebezüger braucht.»

Heer fordert: «Unter 25-Jährige sollten weder Sozialhilfe noch Stipendien bekommen.» Wenn Jugendliche keine staatliche Unterstützung erhielten, würden sie automatisch arbeiten gehen. «Eine Lehre muss man aus eigenem Antrieb machen, und nicht weil einem der Staat ködert.»

Berset: «Gute Sache»

Guggisberg widerspricht. «Es gibt Jugendliche, die professionelle Unterstützung brauchen, um auf eigenen Beinen stehen können.» Wichtig sei in diesem Zusammenhang vor allem auch die Betreuung beim Übergang von der Schule zur Ausbildung. «Wenn wir hier sparen, wird am Ende die Allgemeinheit die Rechnung dafür zahlen.» Denn eine höhere Arbeitslosigkeit bedeute volkswirtschaftlich höhere Kosten.

Bundesrat Alain Berset (SP) verwies im Ständerat darauf, dass der Bund schon heute viel unternehme, um die Sozialhilfequote bei Jugendlichen zu reduzieren. Als Beispiel nannte er das vor zwei Jahren lancierte Nationale Programm zur Prävention und Bekämpfung von Armut. Der Innenminister anerkannte aber, dass die Anstrengungen noch verstärkt und besser koordiniert werden könnten. Die Ausarbeitung eines Masterplans scheine ihm deshalb «eine gute Sache».

Sind Sie zwischen 16 und 25 und beziehen Sozialhilfe? Erzählen Sie uns von Ihrer Situation und schreiben Sie uns unter feedback@20minuten.ch

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