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Geringe Impfbereitschaft«Strafen alle, nur weil Senioren und Pflegende die Impfung ablehnen»

In manchen Altersheimen will sich nur ein Bruchteil des Pflegepersonals gegen Corona impfen lassen. Die Politik will nun handeln – auch eine Impfpflicht wird zum Thema.

von
Daniel Waldmeier
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SVP-Nationalrätin Therese Schläpfer will mit den Impfskeptikern unter den Senioren «ein ernstes Wörtchen reden». 

SVP-Nationalrätin Therese Schläpfer will mit den Impfskeptikern unter den Senioren «ein ernstes Wörtchen reden».

Marc Dahinden / Tamedia
Die Hoffnungen, die auf den Corona-Impfstoffen ruhen, sind gross.

Die Hoffnungen, die auf den Corona-Impfstoffen ruhen, sind gross.

Tass
Die Schweiz hat drei Millionen Dosen bei Pfizer/Biontech bestellt. Derzeit überpüft Swissmedic die Zulassung des Moderna-Impfstoffes.

Die Schweiz hat drei Millionen Dosen bei Pfizer/Biontech bestellt. Derzeit überpüft Swissmedic die Zulassung des Moderna-Impfstoffes.

Reuters

Darum gehts

  • «Es gibt ein Recht darauf, krank zu werden, aber keines, andere anzustecken», sagt Mitte-Nationalrat Lorenz Hess.

  • Er spricht sich für eine Impfpflicht für das Pflegepersonal aus.

  • Andere betonen, die Impfbereitschaft sei zentral, wolle man aus dem Lockdown ausbrechen.

Die Hoffnung ist gross, dass die Corona-Impfung nicht nur die geimpfte Person schützt, sondern auch die Verbreitung des Virus bremst (siehe Box unten). Doch jetzt zeigt sich: Bei Personal und Bewohnern von Alters- und Pflegeheimen sind viele nicht bereit, sich impfen zu lassen – obwohl das Gros der Todesfälle Personen ab 70 Jahren betrifft und etwa im Baselbiet eine asymptomatische Pflegerin in einem Altersheim Dutzende Bewohner angesteckt haben soll.

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Impfskepsis trotz Teil-Lockdown

Die grosse Impfskepsis überrascht die Politik: «Ich hatte die Hoffnung, dass die drastischen Corona-Massnahmen Motivation genug wären, dass sich das Betreuungspersonal impfen lässt.», sagt etwa Mitte-Nationalrat Philipp Matthias Bregy. Die Impfskepsis ausgerechnet an den neuralgischen Stellen sei nicht nachvollziehbar, sagt er. Sie vertrage sich auch nicht mit den dramatischen Hilferufen der Spitäler in den letzten Wochen.

Fatal sei, dass es ausserdem am Impfstoff mangle: «So kann jeder sagen, er lasse beim Impfen lieber anderen den Vortritt.» Doch es gehe nun darum, verletzliche Personen zu schützen, um in die Normalität zurückkehren zu können. Das sieht auch SVP-Nationalrätin Therese Schläpfer so. «Gerade Pflegende in Spitälern und Altersheimen müssten sich bewusst sein, dass sie das Virus weitertragen. Dass sie sich trotzdem nicht impfen lassen wollen, ist unverständlich.»

Schläpfer meint, man müsse auch mit den Impfskeptikern unter den Senioren ein ernstes Wort sprechen. «Es geht nicht nur um den Schutz der verletzlichen Personen. Wir können nicht ewig in den Lockdown und alle anderen strafen, nur weil sich Senioren und Pflegende nicht impfen lassen wollen.» So komme man aus dem Lockdown nicht mehr heraus.

Ruf nach einem Obligatorium

Der Bundesrat hätte gemäss Epidemiengesetz die Möglichkeit, ein Impf-Obligatorium für bestimmte Personengruppen zu erlassen. Das verlangt Nationalrat Lorenz Hess (BDP/Mitte): «Ein Obligatorium für das Pflegepersonal ist ernsthaft ins Auge zu fassen. Es gibt ein Recht darauf, krank zu werden, aber keines, andere anzustecken.»

Eine Impfpflicht für alle werde es zwar nicht geben, sagt Hess. Aber er geht davon aus, dass der Druck, sich impfen zu lassen, ohnehin steigen werde, weil man nur noch mit dem Impfausweis ein Fussballspiel oder ein Konzert werde besuchen können.

Andere setzen weiterhin auf Freiwilligkeit. SP-Nationalrätin Martina Munz sagt, Gesundheitsinstitutionen könnten eine Impfpflicht allenfalls als letztes Mittel ergreifen. Doch statt auf ein Obligatorium zu setzen, müsse man nun verstärkt darüber aufklären, dass der Impfstoff sicher sei und Swissmedic die Sicherheit des Impfstoffs zwar schnell, aber nicht weniger seriös geprüft habe.

SVP-Nationalrätin Schläpfer befürchtet derweil, dass ein Impf-Obligatorium dazu führen könnte, dass sich Pflegende einen neuen Job suchen würden. «Das ist dann nicht zielführend.» Sie hofft, dass mit dem Impfstoff von AstraZeneca, der nicht auf der mRNA-Technologie aufbaut, die Impfskepsis zurückgehe.

Können Geimpfte noch ansteckend sein?

Die Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) verweist darauf, dass gemäss der Science Task Force noch nicht definitiv klar ist, wie die Impfung die Übertragung einschränke und damit andere Personen schütze. «Insofern ist gerade beim Personal nicht bestätigt, ob sie bei einer Impfung hauptsächlich sich selber oder auch andere Personen schützen würden. Diese Information würde aber selbstverständlich die Impfbereitschaft auch beeinflussen.», sagt Generalsekretär Michael Jordi.

Es dürfe auch angenommen werden, dass negative Erfahrungen mit der Krankheit ein Umdenken bewirkten und bereits bewirkt hätten, so Jordi. Ein Faktor für die Impfskepsis dürfte auch noch unzureichende Information sein. «Letztlich ist die Skepsis aber insbesondere bei den Pflegenden mit ihrer Ausbildung und ihrem Fachwissen aber nicht recht nachvollziehbar.» Die Pflegenden könnten zudem die angespannte Personallage und die Belastung von Arbeitskolleginnen und -kollegen in den Heimen und Spitälern mit dem eigenen Impfschutz durch weniger Ausfälle stark mildern.

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