Aktualisiert 19.12.2006 19:36

Strafminderung wegen «Blick»-Kampagne

Weil die Boulevard-Presse eine Hetzkampagne gegen den 42-jährigen Hundehalter geführt habe, lautet der Strafantrag im Pitbull-Prozess nur zweieinhalb Jahre Gefängnis. Die Eltern fordern je 100 000 Franken Schadenersatz vom Hundehalter.

Der 42-jährige Pitbull-Halter soll für den Tod eines sechsjährigen Knaben in Oberglatt ZH nur 18 Monate Gefängnis erhalten, wie sein Verteidiger vor Gericht forderte. Dagegen verlangte die Staatsanwaltschaft zweieinhalb Jahre Gefängnis.

Das mildere Strafmass begründete der Verteidiger damit, dass der Angeklagte ein Geständnis abgelegt und eine schwierige Lebensgeschichte gehabt habe. Ausserdem sei er nicht ganz zurechnungsfähig gewesen und nach der Tat durch die Berichterstattung in den Medien krass vorverurteilt worden.

Die Staatsanwältin hatte am Dienstag vor dem Bezirksgericht in Zürich eine Gefängnisstrafe von zweieinhalb Jahren gefordert. Damit blieb sie unter der für fahrlässige Tötung möglichen Höchststrafe von drei Jahren Gefängnis. Sie begründete dies mit der «medialen Hetzkampagne» der Boulevard-Medien gegen den Angeklagten.

Faulheit und Verantwortungslosigkeit

Im Übrigen richtete sie harte Vorwürfe gegen den Hundehalter. Obwohl die Pitbulls nicht erzogen und sozialisiert worden seien, habe er sich nicht um die Aufsicht der Hunde gekümmert.

Sein Desinteresse sei auch der Grund für die Tragödie am 1. Dezember 2005 in Oberglatt ZH gewesen, als drei Pitbulls den sechsjährigen Knaben zerfleischten. Der Angeklagte habe es aber nicht für nötig befunden, die entrissenen Hunde einzufangen.

Die gefährlichen Tiere seien 15 bis 20 Minuten im Quartier, wo eine Schule und einen Kindergarten gibt, frei herum gerannt. Der schreckliche Tod des Kindergärtlers hätte vermieden werden können, wären die Angeklagten nicht faul und verantwortungslos gewesen.

Freisprüche für Mitangeklagte verlangt

Nicht gehandelt zu haben, warf die Staatsanwältin auch der damaligen 29-jährigen Freundin des Hundehalters vor, ebenfalls dem 39-jährigen Mann, in dessen Wohnung in Oberglatt ZH das Paar mit sechs Pitbulls gewohnt hatte. Für die Mitangeklagten forderte die Staatsanwältin 16 respektive 14 Monate Gefängnis bedingt.

Deren Verteidiger plädierten auf Freispruch vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung. Die Freundin des Pitbull-Halters habe zu keinem Zeitpunkt wissen können, dass die Junghunde zu Killerbestien mutieren könnten. Dies habe auch ein nachträgliches kynologischen Gutachten gezeigt. Die Tragödie sei nicht voraussehbar gewesen.

Ähnlich argumentierte der Verteidiger des Wohnungsmieters, der für die Unterbringung der Hunde einen behelfsmässigen Unterstand gebaut hatte. Er habe nichts vom Vorleben der Hunde gewusst, die in erbärmlichen Verhältnissen aufgewachsenen waren. In dieser Sache habe der Angeklagte als unselbstständige Hilfsperson gehandelt. Die Aufsicht über die Tiere sei Sache des Pitbull-Halters gewesen.

Entschuldigung nicht angenommen

Am zweiten Prozesstag kamen auch die Anwälte der Geschädigten zu Wort. So forderte die Anwältin der Eltern des getöteten Knaben eine Genugtuung von je 100 000 Franken sowie einen nicht definitiv bezifferbaren Schadenersatz für Verdienstausfälle, Therapie- und weitere Kosten im Zusammenhang mit dem Tod des Kindergärtlers.

Der Anwalt der seit der Pitbull-Attacke psychisch angeschlagenen Frau verlangte die Verschärfung der Anklage auf eventualvorsätzliche Tötung, wie bei Raserunfällen und der Weiterverbreitung von Aids. Für die Frau forderte er 100.000 Franken Schmerzensgeld. Je 100.000 Franken für die Eltern forderte deren Anwältin.

Im Schlusswort wollte sich der Hauptangeklagte bei der Familie des Sechsjährigen entschuldigen, doch lehnte der Vater dies vehement ab. Das Urteil wird am Freitag eröffnet.

(AP/SDA)

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