WM in Brasilien: Strassenkinder werden wie Tiere eingefangen
Aktualisiert

WM in BrasilienStrassenkinder werden wie Tiere eingefangen

Während der Fussball-WM will sich Brasilien der Welt von der besten Seite zeigen. Deshalb werden Strassenkinder jetzt scharenweise weggesperrt.

von
K. Leuthold
Buenos Aires

Caritas Schweiz unterstützt ein Strassenkinderprojekt in Rio de Janeiro und hat im Vorfeld der WM einen kurzen Film dazu gedreht. (Video: Caritas)

Die Fussball-WM steht vor der Tür. Bis dahin muss alles perfekt sein für die Hunderttausenden Besucher aus aller Welt, die ins Gastgeberland Brasilien reisen. Doch die sozialen Konflikte, mit denen die Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff zu kämpfen hat, lassen sich nicht so rasch aus der Welt schaffen – zu gross ist die Ungleichheit in der Gesellschaft, zu lange hat man mit den Lösungen gewartet.

Eines der grössten Probleme sind die Strassenkinder. Schätzungsweise elf Millionen Menschen leben in den brasilianischen Favelas, den Armenvierteln der Grossstädte. Oft haben es ihre Bewohner mit schwierigen Lebenssituationen zu tun. Armut, Alkohol, Drogen und Missbrauch sind Alltag.

Viele der Kinder – in der Regel Mischlinge oder Schwarze –, die unter diesen dramatischen Umständen aufwachsen, fliehen daher im Alter zwischen 10 und 17 Jahren oft lieber von zuhause, als weiter in einem solchen Umfeld zu leben.

Schwere Ausschreitungen in Rios Armenvierteln

Kinder einfach in die Heime stecken

Auch die 15 Jahre alte Dinara Almeida lebte neun Jahre lang auf der Strasse. «Ich habe gelernt zu klauen, und ich nahm Drogen», erzählt das Mädchen in einem Video (siehe oben), das die Hilfsorganisation Caritas Schweiz am Mittwoch veröffentlichte. Zuhause sei die Situation unerträglich geworden: «Ich wollte die Probleme vergessen. Meine Mutter und mein Stiefvater haben sich ständig gestritten. Ich bin dann einfach weggegangen.»

Doch Kinder wie Dinara, die Tag und Nacht über die Strände oder durch die Shopping-Malls irren, sind den Behörden ein Dorn im Auge. Im Jahr 2013 – vor dem Confederations Cup, dem Testlauf für die WM – wurden daher mehrere sogenannte Integrierungszentren gegründet. Seither führt die Polizei regelmässig Razzien in den Favelas durch und verfrachtet ganze Kinderscharen in die Heime.

«Die Kinder sind nicht freiwillig dort»

Offiziell heisst es, man wolle die Kinder unterstützen, damit sie nicht auf der Strasse aufwachsen. Das wahre Ziel: Die Grossstädte vor dem internationalen Sportereignis zu säubern, meint Dominique Schärer, Sprecherin von Caritas Schweiz in Luzern, gegenüber 20 Minuten. «Die Kinder sind nicht freiwillig dort. Sie werden weder unterrichtet noch gefördert.»

Obwohl die brasilianischen Behörden angeben, dass die Kinder in den Anstalten betreut werden, vermutet die Hilfsorganisation, dass sie «einfach weggesperrt» werden. Die Jugendlichen würden ständig versuchen zu fliehen. Und diejenigen, die noch auf der Strasse leben, würden sich in kleinen Wachgruppen organisieren, um nicht von der Polizei gefasst zu werden, erzählt Katja Remane von Caritas.

Schon Eltern litten unter Missständen

Nicht ins Heim, aber auch nicht zurück nach Hause – wie also lässt sich das Problem der Strassenkinder lösen? «Es ist ein Teufelskreis», gibt Schärer von Caritas zu. «In vielen Fällen waren schon die Eltern Opfer dieser Missstände.» Um die weggelaufenen Kinder wieder in die Gesellschaft einzugliedern, arbeitet die Hilfsorganisation mit dem lokalen Verein São Martinho zusammen.

Diese Organisation ist seit 30 Jahren auf den Strassen und in den Favelas tätig. Jeden Tag treffen Sozialarbeiter die obdachlosen Kinder, sprechen und diskutieren mit ihnen. Sie suchen nach ihren Angehörigen und versuchen, die Strukturen in den zerrütteten Familien neu aufzubauen. Danach fordern sie die Kinder auf, nach Hause zurückzukehren. «São Martinho leistet viel Vorarbeit in der Sozialarbeit, bevor ein Kind nach Hause zurückkehren kann. Aber die meisten Kinder kehren nicht zu den Eltern, sondern zu anderen Mitgliedern der Grossfamilie zurück, zum Beispiel zu den Grosseltern», sagt Schärer weiter.

Nur 10 Prozent kehren wieder heim

Die Rückkehr ins elterliche Zuhause sei jedoch sehr wichtig, denn nur wer einen festen Wohnsitz angeben kann, kann auch eingeschult werden. Strassenkinder dürfen nicht in die Schule. São Martino leistet daher auch viel Präventionsarbeit für Kinder, die gefährdet sind, auf den Strassen zu landen. «Diese Präventionsarbeit ist sehr erfolgreich. Zum Beispiel schliessen dank São Martinho jedes Jahr Hunderte benachteiligte Jugendliche eine Berufsausbildung ab, was sicher ein wichtiges Element für den Erfolg im Leben bedeutet.»

Die 15-jährige Dinara wohnt inzwischen wieder bei ihrer Mutter. Sie gehört damit zu den zehn Prozent der Jugendlichen, die es schaffen, wieder nach Hause zurückzukehren. «Als ich meine Mutter sah, habe ich sie fest umarmt», erzählt das Mädchen im Video. Ihm sei bewusst geworden: «Ich habe die beste Familie der Welt.» Für Caritas ist jedoch klar: «Dinara ist ein seltener Glücksfall.»

Deine Meinung