Streik: Piloten widersetzen sich Swiss-Ultimatum
Aktualisiert

Streik: Piloten widersetzen sich Swiss-Ultimatum

Die Ex-Crossair-Piloten werden ihren Streik nicht, wie vom Management gefordert, um 18.00 Uhr abbrechen, sondern bis zum Tagesende durchziehen. Bisher wurden 122 Swiss-Europaflüge annulliert, wovon rund 7700 Passagiere betroffen waren.

Die streikenden Kurzstreckenpiloten der Schweizer Airline Swiss widersetzen sich einem am Vormittag von der Swiss-Geschäftsleitung gestellten Ultimatum. Um 18.00 Uhr finde eine Vollversammlung der Streikenden statt, sagte Thomas Isler, der Präsident der Gewerkschaft Swiss Pilots, am Dienstagvormittag an einer Medienkonferenz im Flughafen Zürich-Kloten. 82 Prozent der Piloten unterstützten den Streik, Streikbrecher seien nicht bekannt, sagte Isler. Man wolle ein Zeichen setzen, dass die seit Jahren andauernde Diskriminierung der Kurzstrecken- gegenüber den Langstreckenpiloten endlich beendet werden müsse, sagte Isler. Es gehe trotz eklatanter Unterschiede nicht primär um Lohnfragen, sondern um den Grundsatz «Gleiche Arbeit - gleiche Arbeitsbedingungen». Die Arbeitsbedingungen der Langstreckenpiloten seien um bis zu 90 Prozent besser als jene der Kurzstreckenpiloten. «Wir sind nicht bereit, diese Situation weiterhin hinzunehmen», sagte Isler. Der Streik zeige die Entschlossenheit der Piloten, für ihre Rechte zu kämpfen. Isler und der Swiss-Pilots-Rechtsanwalt Stefan Suter erinnerten daran, dass sich die Swiss in einem Schiedsgerichtsverfahren vom Sommer 2003 verpflichtet habe, die Diskriminierung aufzuheben. Bisher sei aber nichts geschehen. Ein weiteres Verfahren sei noch hängig.

Konsequenzen drohen

Für den Fall, dass das Ultimatum ungenützt verstreichen sollte, drohen den Piloten Swiss gemäss Swiss-Europe-Chef Manfred Brennwald Konsequenzen. Zur Art der Konsequenzen äusserte er sich nicht konkret. Allfällige Massnahmen würden noch rechtlich geprüft, sagte er.

Brennwald betonte, die Swiss sei gegenüber den früheren Crossair-Piloten, die in der Gewerkschaft Swiss Pilots Association (SPA) organisiert sind, weiterhin «absolut gesprächsbereit». Die zum Lufthansa-Konzern gehörende Schweizer Airline sei an einem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) und einer tragfähigen Sozialpartnerschaft interessiert. «Diese Piloten leisten einen wichtigen Beitrag für die Swiss», sagte er. Sie arbeiteten aber in einem andern Marktumfeld als ihre Kollegen in den Langstreckenflugzeugen. Die Forderungen der Jumbolino-Piloten bezeichnete Brennwald als «nicht detailliert und nicht nachvollziehbar».

Die Swiss wolle die derzeitigen Einzelarbeitsverträge nicht unbefristet weiterführen, sondern in einen Rahmenvertrag einbinden. Für einen GAV und eine solide Sozialpartnerschaft brauche es aber einen loyalen und verlässlichen Partner. Laut Brennwald wurde mit dem SPA-Vorstand im vergangenen März ein GAV vereinbart, der später jedoch verfälscht worden sei.

Geduldsprobe am Flughafen Zürich

Der Pilotenstreik verlangte vor allem von den Passagieren am Flughafen Zürich eine grosse Flexibilität. Wer konnte, buchte seinen Flug um, für nahe Destinationen bot sich ein Umsteigen auf die Bahn an.

Am Morgen seien die Reisenden vor allem beim Check-In Schlange gestanden, sagte Flughafensprecher Marc Rauch auf Anfrage. Am späteren Vormittag habe sich der Stau dann in den Transferbereich verschoben: Passagiere, die ahnungslos mit Langstreckenflügen eintrafen, erfuhren unverhofft, dass ihr Anschlussflug ausfiel.

Je nach Destination war es einfacher oder schwieriger gewesen, auf eine andere Fluggesellschaft umzubuchen. Diese reagierten meist umgehend und setzten teils grössere Maschinen ein. Dennoch waren freie Plätze laut Rauch rasch besetzt.

Für die Kunden richtete die Airline eine Internetseite www.swiss.com/strike und eine Hotline (044 564 17 47) ein. Die Fluggesellschaft entschuldigte sich bei allen Passagieren für die Verspätungen und Annullierungen.

(Quelle: SDA/AP)

Erster Streik von Piloten

Einen Pilotenstreik hat es in der Schweiz noch nie gegeben, wohl aber Arbeitsniederlegungen beim Bodenpersonal. Allgemein nahm in den letzten Jahren die Häufigkeit von Streiks in der Schweiz zu.

Im Krisenherbst 2001, als die Swissair zusammenbrach, legte das Bodenpersonal auf dem Flughafen Genf an drei Tagen für mehrere Stunden die Arbeit nieder, um gegen die Abbaupläne respektive die Sozialpläne von Swissair und Crossair zu protestieren.

2003 bis 2006 führten Angestellte bei der ehemaligen Swissair- Tochter Gate Gourment in Genf, Düsseldorf und London Streiks durch. Dagegen kam es bisher noch nie zu Streikaktionen von Piloten, obschon Swiss Pilots mehrfach damit gedroht hatte.

Einer der heftigsten Arbeitskämpfe in der Schweiz der letzten Jahre tobte im Frühling 2006 während fünf Wochen im Swissmetal-Werk in Reconvilier BE. Ein Streik bei Filtrona in Crissier VD ging Anfang 2005 nach zwei Monaten mit einer Einigung auf einen Sozialplan zu Ende.

2003 kam es zu mehrtägigen Arbeitsniederlegungen bei der Verpackungsfirma Allpack in Reinach BL und bei Zyliss in Lyss BE. 2000 wurde zwei Mal bei der Basler Zentralwäscherei Zeba gestreikt.

Landesweite Branchen-Streiks gab es im April 2004 bei den Malern und Gipsern. Im Herbst 2002 streikten Bauarbeiter landesweit für das Rentenalter 60.

Zu landesweiten Streiks kam es 1980, 1988 und 1994, als die Drucker die Arbeit niederlegten, und 1992 streikten die Arbeiter der Marmor-Granit-Branche.

In den letzten Jahren wiesen zudem Lehrer, Pflegepersonal und andere Staatsbedienstete mit Streikaktionen in mehreren Kantonen auf missliche Arbeitsbedingungen hin.

Die Schweiz gilt gleichwohl als eines der «streikärmsten» Länder der Welt. Als Hauptgrund für die tiefe Streikrate gilt der verbreitete Arbeitsfrieden, der durch die Friedensabkommen in der Metall- und Maschinenindustrie 1937 begründet worden war. 8sda)

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