Telematik: Streit um Big Brother im Auto
Aktualisiert

TelematikStreit um Big Brother im Auto

Der Fahrstil soll künftig die Kosten der Autoversicherung beeinflussen. Ein Datenschützer bemängelt die Datensammlung, ein Volkswirt betont die Vorteile.

von
Isabell Prophet

Jedes Bremsmanöver im Auto, jeder Schlenker, jede Vollgasphase sollen sich künftig im Portemonnaie bemerkbar machen: Mehrere Autoversicherungen testen Tarife, die durch das Fahrverhalten des Kunden beeinflusst werden. Die Versicherung Allianz will einen solchen Tarif vielleicht schon im kommenden Jahr einführen. Datenschützer kritisieren die Pläne, Volkswirte hingegen betonen die Vorteile für den Einzelnen, wie auch für die Gesellschaft.

«Ich halte davon gar nichts», sagt Thilo Weichert, Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein und prominenter Kämpfer gegen Überwachung im Alltag. Die Kunden müssten große Datenmengen preisgeben, um bei der Autoversicherung zu sparen. Und sie hätten kaum eine Möglichkeit, die Masse zu überblicken.

«Es entsteht ein ökonomischer Zwang»

Zwar hätten die Kunden die Möglichkeit, die datengestützten Tarife nicht zu wählen. Weichert kritisiert, dass es dann teurer werden kann: «Es entsteht ein ökonomischer Zwang, weil sich die Preisgabe der Daten auf die Versicherungsprämien auswirkt.»

Und damit beeinflussten die Unternehmen auch das Verhalten ihrer Kunden; eine Aufgabe, die laut Weichert nicht von privaten Firmen übernommen werden sollte: «Wenn überhaupt, sollte der Staat diese Regeln aufstellen.»

«Die Menschen wissen gar nicht, das jede Beschleunigung und jedes Bremsmanöver aufgezeichnet und gespeichert wird – und sich dann auf ihre Versicherungsprämie auswirkt», sagt Weichert. Das sei «eine völlig neue Dimension der Datensammlung».

Die Tarife könnten fairer werden

Volkswirt Tim Krieger von der Universität Freiburg lobt hingegen die sogenannten Telematik-Tarife – wegen der besseren Zuordnung von Risiken. «Zurzeit sind junge männliche Golffahrer in einer Risiko-Gruppe, weibliche Mütter mit Sharan in einer anderen», sagt Krieger. Und innerhalb der Gruppen würden die guten Fahrer für die schlechten mitbezahlen.

«Durch die Telematik können die guten Autofahrer aus ihrem Tarif raus – dadurch steigen natürlich die Kosten für die anderen.» Für die Gesellschaft sei das trotzdem optimal, schließlich entstünden Anreize für vorsichtigeres Fahren.

Aber wäre das nach dem Argument von Datenschützer Weichert nicht ein Fall für den Staat? «Der Staat macht das ja längst», sagt Krieger, «durch seine Rechtssprechung und Gesetzgebung.» Die Unternehmen handelten mit ihren Tarifen zwar Eigennützig, aber eben auch zum Wohle der ordentlichen Fahrer.

Telematik

Die Überwachungssysteme fasst man unter dem Begriff «Telematik» zusammen, einem Kunstwort aus Telekommunikation und Informatik. Bei der Auto-Überwachung werden die Daten aus dem Wagen an die Versicherung übermittelt. Das System dort berechnet einen Tarif.

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