«Chaos droht»: Streit um Grenzkontrollen eskaliert
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«Chaos droht»Streit um Grenzkontrollen eskaliert

PCR-Tests plus flexible Quarantäne für Einreisende sollen die Ausbreitung der Corona-Mutationen bremsen. Laut dem obersten Gesundheitsdirektor droht mit dem Plan ein Durcheinander.

von
Bettina Zanni
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In einem Brief fordern die Parteipräsidenten den Bundesrat auf, dass Touristen und Reiserückkehrer einen negativen Corona-Test vorlegen und sich dazu in  Quarantäne begeben.

In einem Brief fordern die Parteipräsidenten den Bundesrat auf, dass Touristen und Reiserückkehrer einen negativen Corona-Test vorlegen und sich dazu in Quarantäne begeben.

Police cantonale valaisanne
Nur so könne die Schweiz die Gesundheit der Bevölkerung und die Wirkung der Massnahmen schützen, sagt Jürg Grossen, GLP-Präsident und Initiator des Briefs.

Nur so könne die Schweiz die Gesundheit der Bevölkerung und die Wirkung der Massnahmen schützen, sagt Jürg Grossen, GLP-Präsident und Initiator des Briefs.

Jürg Grossen
Auch in der Bevölkerung haben Tests an der Grenze gute Chancen. 53 Prozent befürworten laut einer repräsentativen Umfrage von 20 Minuten PCR-Tests für Einreisende, falls sich die epidemiologische Lage verschlechtert.

Auch in der Bevölkerung haben Tests an der Grenze gute Chancen. 53 Prozent befürworten laut einer repräsentativen Umfrage von 20 Minuten PCR-Tests für Einreisende, falls sich die epidemiologische Lage verschlechtert.

20min/Thomas Hagnauer

Darum gehts

  • Bisher kam es in der Schweiz zu über 670 Ansteckungen mit Corona-Mutationen.

  • Die Parteipräsidenten fordern den Bundesrat auf, dass Touristen und Reiserückkehrer künftig einen negativen Corona-Test vorlegen und in Quarantäne gehen.

  • Lukas Engelberger, Präsident der kantonalen Gesundheitsdirektoren, warnt vor unüberblickbaren Quarantäneregimes.


Neue Corona-Mutationen sind auf dem Vormarsch. Bisher kam es in der Schweiz zu über 670 Ansteckungen mit Mutationen der britischen, südafrikanischen oder einer unbekannten Variante. Ende Jahr rechnete die Taskforce in einem Horror-Szenario mit bis zu 20’000 Neuansteckungen pro Tag. Sämtliche Parteipräsidenten wollen dem «Import von Viren und neuen Mutationen» mit einem harten Einreiseregime begegnen.

In einem Brief fordern sie laut der «SonntagsZeitung» den Bundesrat auf, dass Touristen und Reiserückkehrer abhängig vom Herkunftsland und der dortigen Risikosituation einen negativen Corona-Test vorlegen und sich dazu in eine fünftägige Quarantäne begeben. Grenzgänger und Geschäftsreisende sollen derweil systematisch getestet werden. Nur so könne die Schweiz die Gesundheit der Bevölkerung und die Wirkung der Massnahmen schützen, sagt Jürg Grossen, GLP-Präsident und Initiator des Briefs.

Brief der Parteichefs

Die Parteichefs Marco Chiesa (SVP), Mattea Meyer (Co-Präsidentin SP), Cédric Wermuth (Co-Präsident SP), Petra Gössi (FDP), Gerhard Pfister (Die Mitte), Balthasar Glättli (Grüne) und Jürg Grossen (GLP) fordern in einem offenen Brief «zielführende Corona-Massnahmen für die Ein- und Ausreise». Sie bitten den Bundesrat, ein umfassendes Grenz- und Testsystem einzuführen, das einerseits helfe, die Pandemie möglichst gut zu kontrollieren und andererseits möglichst wenige Einschränkungen der Wirtschaft und Gesellschaft bedeute. «Neben den schmerzhaften Massnahmen im Inland können mit Massnahmen gegen den «Import» von Viren und neuen Mutationen die Risiken im Inland markant reduziert werden.» Die im Brief geforderten Einreisebedingungen sollten für alle Länder gelten, sagt Jürg Grossen zur «SonntagsZeitung». Eine Ausnahme könne «man höchstens für die ganz wenigen Länder oder Regionen wie Taiwan machen, die offiziell als Corona-frei gelten».

53 Prozent wollen Tests an Grenze

Auch in der Bevölkerung haben Tests an der Grenze gute Chancen. 53 Prozent befürworten laut einer repräsentativen Umfrage von 20 Minuten PCR-Tests für Einreisende, falls sich die epidemiologische Lage verschlechtert.

Frankreich verlangt bereits seit Sonntag einen negativen Test als Voraussetzung für eine Einreise. Auch in Deutschland gilt für insgesamt fast 30 Länder mit besonders hohen Infektionszahlen oder besonders gefährlichen Virusvarianten seit Sonntag eine Testpflicht vor der Einreise. An der deutsch-tschechischen Grenze standen am Nachmittag jedoch rund 500 Berufspendler bei Temperaturen unter null Grad Schlange.

Auch die EU will für Zonen mit erhöhten Ansteckungsrisiko Reisebeschränkungen erlassen. Doch gegen ein Nachziehen der Schweiz regt sich massiver Widerstand.

Quarantäne-Chaos drohe

Lukas Engelberger, Präsident der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren (GDK), warnt vor unüberblickbaren Quarantäneregimes. Jetzt sei es schon schwer zu wissen, was für wen gelte. «Kommt noch sowas wie eine Quarantäne light dazu, droht ein Durcheinander.»

Tests an Grenzen mit Quarantäne müssten zudem in einem epidemiologisch vertretbaren Rahmen stattfinden, fordert Engelberger. «Wir müssen aufpassen, dass wir auch gegenüber den Nachbarländern keine falschen Signale setzen und Einreisenden aus Ländern mit tieferen Inzidenzen als in der Schweiz Schikanen aussetzen.» Seiner Meinung nach sollten die Grenzgänger weiterhin ungehindert einreisen können. «Ansonsten bekommen Kantone, die etwa auf Spitalmitarbeiter aus den Grenzländern angewiesen sind, ein Problem. Davon sind sehr viele Kantone und Mitarbeitende betroffen.»

Als sinnvoller betrachtet Engelberger die von zehn auf sieben Tage verkürzte Quarantäne, die von den Kantonen in einer soeben abgeschlossenen Konsultation mehrheitlich unterstützt werde. Auch dieses Modell bedingt bei der Einreise einen negativen PCR-Test.

Konzept sei praktisch nicht umsetzbar

Auch SP-Nationalrat Eric Nussbaumer bezeichnet das Konzept als unnütz. In einer globalen Pandemiebekämpfung lasse sich der Import von Viren nicht an den Grenzen verhindern, sagt er. «Das Vorhaben wäre so unwirksam, wie wenn man zum Beispiel die Waadtländer von den Zürchern fernhalten wollte.»

Zudem sei die Umsetzung eines harten Einreiseregimes realitätsfremd, so Nussbaumer. «Faktisch würde dies eine Grenzschliessung bedeuten, was im Frühling zu einem grossen Chaos führte.» Das Grenzwachtpersonal müsste für nur in der Theorie umsetzbare Kontrollen aufgestockt werden. «Wie will man mit vernünftigem Aufwand herausfiltern, wer ein Tourist ist, wer ein Pendler und wer nur die Familie besuchen will?»

Auch Die-Mitte-Politiker sind skeptisch. Wie diese Massnahme bei 320’000 Grenzgängern pro Tag umgesetzt werden solle, fragte Die-Mitte-Nationalrätin Elisabeth Schneider-Schneiter auf Twitter. «Lade euch gerne mal an unsere Grenze ein ...», so die Baselländer Politikerin.

«Spiel mit dem Feuer der Massenarbeitslosigkeit»

Das verschärfte Grenzregime sorgt auch in den Gewerkschaften der Reisebranche für einen Aufschrei. «Mit der Forderung nach faktischen Grenzschliessungen der ParteipräsidentInnen spielen sie mit dem Feuer der Massenarbeitslosigkeit in der Reisebranche», schrieb der VPOD Luftverkehr in einer Medienmitteilung am Sonntag.

Schon jetzt würden nur noch 15 Prozent aller Flüge durchgeführt, sagt Regionalsekretär Stefan Brülisauer zu 20 Minuten. Verbessere sich die Situation im Frühling und Sommer nicht, würden Hunderttausende Angestellte auf einen Schlag den Job verlieren.

Quarantäne light

Den Parteipräsidenten schwebt ein Konzept vor, das fünf Tage nach der Einreise einen weiteren Test und abhängig von epidemiologischen Daten eine umfassende Quarantäne beziehungsweise «Quarantäne light» bis zu diesem Zeitpunkt enthält. Rückkehrer aus dem Ausland sollten grundsätzlich in eine fünftägige Quarantäne gehen, die nach einem validierten PCR- oder Antigentest aufgehoben werden kann. Die «Quarantäne light» ist vorgesehen, wenn kein konkreter Verdacht auf eine Ansteckung besteht. Diese erlaubt, die eigene Wohnung zu verlassen etwa für Bewegung, Sport oder «um frische Luft zu schnappen».

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Pro Juventute, Tel. 147

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