Unters Messer: Streit um Magenbänder für dicke Kinder
Aktualisiert

Unters MesserStreit um Magenbänder für dicke Kinder

Magen-OPs an fettleibigen Kindern sollen in Ausnahmefällen erlaubt werden, findet eine Expertengruppe. Das sei unverantwortlich, mahnen Kritiker.

von
Camilla Alabor

Bei einer Grösse von 1.30 Meter wiegen sie 60 Kilo oder mehr, und das im Alter von acht Jahren. Sieben Prozent der Kinder in der Schweiz sind fettleibig. Sie können weder einem Ball hinterher rennen, noch in einem normalen Laden Kleider kaufen. Für ausgewachsene Jugendliche sei in besonderen Fällen eine Magenoperation (siehe Box) eine Lösung, sagt Martin Sykora vom interdisziplinären Adipositas-Zentrum Zentralschweiz in Luzern.

Was aber ist mit Operationen bei fettleibigen Kindern? «Die Nachfrage existiert in der Schweiz durchaus», sagt Chirurg Sykora. Doch weil es noch keine Richtlinien für solche Operationen gebe, würden sie nicht durchgeführt – im Gegensatz zu den USA oder Australien.

«Junge Patienten sprechen besser auf Eingriff an»

Das will der Fachverband Swiss Study Group for Morbid Obesity (SMOB) ändern. Der Verband, bestehend aus Chirurgen und anderen Experten für Fettleibigkeit, erarbeitet gemeinsam mit der Schweizer Gesellschaft für Pädiatrie momentan solche Richtlinien.

«Wenn ein Kind mit 10 Jahren gesundheitlich am Anschlag ist, sich kaum noch bewegen kann und alles andere nicht geholfen hat – dann sollte im Ausnahmefall eine solche Operation möglich sein», sagt SMOB-Mitglied Sykora. Denn zu warten, helfe nicht weiter: «Junge Patienten sprechen auf den Eingriff besser an als Erwachsene.» Zudem schafften es nur drei Prozent aller fettleibigen Erwachsenen, das Normalgewicht aus eigener Kraft zu erreichen. Am Luzerner Kantonsspital läuft nun ein Pilotprojekt (siehe Box).

«In Frage für eine Operation kommt nur, wer ein strenges Assessment durchläuft und vorher mit Hilfe eines Ernährungsberater versucht hat, die Essgewohnheiten umzukrempeln», sagt der leitende Arzt Martin Sykora. Auch die Eltern müssten das Kind unterstützen. Schliesslich sei die Operation nur ein kleiner Teil eines ganzen Programms. Die Zweitmeinung eines anderen Arztes sei zwingend.

«Ein neues Leben»

Für den Chirurgen ist klar: «Die Operation bringt extrem viel.» Sykora hat in den letzten zehn Jahren fünf Jugendlichen den Magen verkleinert – mit grossem Erfolg: «Nach einer Operation verlieren die Patienten 60 bis 70 Prozent ihres Übergewichts. Sie haben ein komplett neues Leben.»

Unterstützung erhält Sykora vom Verband der Schweizer Kinderärzte. Deren Vorstand Rolf Temperli möchte Operationen an Kindern nicht ausschliessen: «Als allerletzte Massnahme sollte das möglich sein.»

«Operation ist unverantwortlich»

Bettina Isenschmid, Präsidentin des Fachverbands Adipositas im Kindes- und Jugendalter, lehnt Operationen an Kindern dagegen strikte ab. «Es ist nicht zu verantworten, ein zehnjähriges Kind zu operieren», sagt die Ärztin. «Zu diesem Zeitpunkt ist das Wachstum noch nicht abgeschlossen. Sie warnt vor Mangelernährung. Ausserdem müssten die Patienten ein Leben lang Vitamine zu sich nehmen. Auch fehlten entsprechende Langzeitstudien.

Für die Kinderärztin und Hormonspezialistin Dagmar Lallemand kommen Eingriffe an Kindern nur in Frage, wenn ein Kind an Leib und Leben bedroht wäre. «Es kann nicht sein, dass wir für den Ausnahmefall eine Regel schaffen», findet Lallemand. Zudem litten viele fettleibige Kinder auch an psychischen Störungen. Daran ändere eine Operation nichts. «Der eigentliche Skandal ist, dass fettleibige Kinder in der Schweiz alleine gelassen werden», sagt Lallemand. Krankenkassen bezahlten eine Ernährungsberatung erst ab einem BMI von 30 – eine Zahl, die bei Erwachsenen Sinn machen möge, bei Kindern jedoch nicht.

Auch die Fachgruppe Adipositas der Schweizerischen Kinderärztegesellschaft lehnt den Eingriff bei Kindern ab.

Nahrungsmittelindustrie zur Verantwortung ziehen

Für Ruth Baumann-Hölzle, Leiterin des Instituts Dialog Ethik, kann eine Operation als letztes Mittel vertretbar sein. «Die Gefahr besteht aber, dass man das Problem medizinalisiert – im Sinne von: bei fettleibigen Kindern könne man ja immer noch operieren», sagt die Medizinethikerin, «das ist nicht Lösung.»

Fettleibigkeit sei nicht als individuelles Problem zu betrachten, sondern als gesellschaftliches. «Es braucht mehr Ressourcen für Präventionsprogramme und striktere Regeln für die Nahrungsmittelindustrie. Es kann nicht sein, dass zum Beispiel ein Joghurt sechs Würfelzucker enthält.»

Magen-OPs

Es gibt drei verschiedene Operationen gegen Fettleibigkeit. Die erste Möglichkeit ist das Magenband. Dieses sorgt dafür, dass der Eingang des Magens kleiner wird. «Der Vorteil ist, dass die Operation rückgängig gemacht werden kann», sagt Chirurg Martin Sykora. «Der Nachteil ist hingegen, dass sich mit der Operation wenig am Hormonhaushalt ändert. Zwar ist der Magen schnell gefüllt, dennoch verlangt der Körper oft nach mehr.»

Die zweite Möglichkeit ist ein Magenschlauch; die dritte ein Magenbypass. Bei beiden Operationen durchtrennt man die Organe: Beim Magenschlauch durchtrennt man den Magen und entfernt ihn teilweise. Beim Bypass wird der Magen durchtrennt, so dass nur noch eine kleine Magentasche übrig bleibt. Daran wird der Dünndarm genäht, der grosse Magen und der Zwölffingerdarm werden damit umgangen. «Diese Eingriffe sind irreversibel», sagt Sykora. «Dafür sind sie effektiver, weil das Hungergefühl verschwindet.»

Pilotprojekt

In Luzern läuft am interdisziplinären Adipositas-Zentrum Zentralschweiz seit zwei Monaten ein Pilotprojekt für fettleibige Kinder, an dem Kinderärzten, Ernährungsberatern, Physiotherapeuten, Psychologen und Chirurgen beteiligt sind. Innerhalb kürzester Zeit seien 20 Bewerbungen eingegangen, sagt Leiter Martin Sykora. Eine Operation könne im Ausnahmefall ein Teil des Programms sein. Ob es bei einem der Kinder zur OP komme, liesse sich noch nicht beurteilen, so Sykora. ala

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