Wounded Knee: Streit um Massaker-Stätte reisst Wunden auf
Aktualisiert

Wounded KneeStreit um Massaker-Stätte reisst Wunden auf

Am Ort des Massakers von Wounded Knee steht ein Stück Land zum Verkauf. Die Indianer möchten es erwerben, doch sie haben kein Geld und sind zerstritten.

von
Martin Suter

In der kleinen Ortschaft Wounded Knee im US-Bundesstaat South Dakota fand 1890 das letzte grosse Blutvergiessen der amerikanischen Indianerkriege statt. Nun ist das Landstück, auf dem US-Soldaten mehr als 150 indianische Männer, Frauen und Kinder massakriert hatten, von seinem Eigentümer zum Verkauf ausgeschrieben worden. Die Nachricht hat im Stamm der örtlichen Oglala-Sioux alte Wunden aufgerissen.

Wie die «New York Times» berichtete, verlangt James Czywczynski aus Rapid City 3,9 Millionen Dollar für seine 16 Hektaren Land im Pine-Ridge-Reservat, wo die Opfer in einem Massengrab bestattet wurden. Der Kaufpreis sei angemessen angesichts der historischen Bedeutung der Stätte, sagte der 74-Jährige. Aber er ist massiv höher als die 7000 Dollar, die der Indianerstamm für angemessen hält.

Verarmt und hoch verschuldet

«Der historische Wert bedeutet etwas für uns, nicht für ihn», meint Garfield Steele, ein Mitglied des für Wounded Knee zuständigen Stammesrats. Die Oglala-Sioux leben in einer der ärmsten Gegenden Amerikas; über die Hälfte der Bewohner des Bezirks haben ein Einkommen unterhalb der Armutsgrenze. Der Stamm selbst soll mit 60 Millionen Dollar verschuldet sein und müsste das für einen Kauf nötige Geld pumpen. Viele seiner Angehörigen sind überdies der Meinung, der Stamm sollte nicht etwas zurückkaufen müssen, was ihm gestohlen worden sei.

Die Bedeutung von Wounded Knee für Amerikas Urbevölkerung lässt sich kaum überschätzen. Das Massaker ereignete sich, als Soldaten des 7. Kavallerieregiments am 29. Dezember 1890 ein Camp der Lakota-Indianer entwaffen sollten. Sie umstellten die Zelte und brachten vier Hotchkiss-Maschinengewehre in Stellung. Als das taube Stammesmitglied Black Coyote sein Gewehr nicht herausgeben wollte, löste sich ein Schuss, und die Soldaten begannen, wahllos auf die Indianer zu feuern. Nach wenigen Minuten waren zwischen 150 und 300 Lakota-Sioux tot. Bei dem Gemetzel kamen auch 25 Soldaten um, die meisten wurden versehentlich von den eigenen Leuten erschossen.

Besetzung von 1973

Das Massaker traumatisierte die Indianer, ihr organisierter Widerstand gegen die europäischen Einwanderer brach zusammen. Wounded Knee erhielt vor 40 Jahren zusätzliche Bedeutung, als die Organisation American Indian Movement eine 71 Tage dauernde Besetzung inszenierte. Die von dem im letzten Oktober verstorbenen Russell Means geleitete Protestaktion lief nicht gewaltfrei ab und endete mit der weitgehenden Zerstörung der Ortschaft. Aber sie brachte das traurige Los der vernachlässigten US-Urbevölkerung ins Bewusstsein vieler Amerikaner zurück.

Einen Beitrag dazu leisteten Kulturschaffende wie Marlon Brando, der seinen Oscar als bester Schauspieler im Film «The Godfather» aus Solidarität ablehnte und an seiner Stelle die Indianer-Aktivistin Sacheen Littlefeather zur Verleihung schickte und eine Rede halten liess. James Czywczynski gehört das Land bei Wounded Knee seit 1968, und in den Jahren vor der Besetzung betrieb er dort einen Laden mit einem Museum. Doch er zog weg, nachdem die Gebäude niederbrannten. Er behauptet, er habe das Land schon seit Jahren dem Stamm verkaufen wollen, doch die Indianer hätten sich nie einigen können.

Wounded Knee als Touristenattraktion?

Die internen Zerwürfnisse sind jetzt neu aufgebrochen. Bisher gibt es in Wounded Knee nur ein kleines, aus einem Raum bestehendes Museum. Stammesmitglieder wollen das für den Kauf nötige Geld aufbringen und ein grosses Museum bauen, ergänzt durch einen Laden, womöglich eine Tankstelle und vielleicht ein Motel. Sie hoffen, aus Wounded Knee eine Touristenattraktion zu machen, die der Wirtschaft ebenso helfen würde wie dem Verständnis für Indianerfragen.

Doch anderen Oglala-Sioux ist die Vorstellung unerträglich, dass die Nachkommen aus dem Leiden und Tod ihrer Ahnen Profit schlagen. «Wir dürfen das nie tun», sagte Nathan Blindman zur «Times». Er kann als Nachkomme der Opfer kaum über dieses Thema reden: «Wann immer wir über das Massaker von Wounded Knee sprechen, versetzt es uns in einen tiefen, tiefen psychischen Zustand, denn wir erleben den ganzen Horror noch einmal.»

Wie das Ringen um die Gedenkstätte ausgeht, ist offen. Vielleicht erhält der Stamm rechtzeitig seinen auf 20 Millionen Dollar geschätzten Anteil aus einer Entschädigungssumme von 3,4 Milliarden, die Amerikas Indianer im Rahmen einer Schadenersatzklage erstritten haben. Das würde die Entscheidung, was mit Wounded Knee passieren soll, erleichtern. Sollten sie sich jedoch nicht zu einem Kauf durchringen können, will Czywchynski nicht länger warten. Dann plant der Eigentümer, sein Land auf dem offenen Markt zu versteigern.

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