Theater Gessnerallee: Streit unter Linken – darf man mit der AfD reden?
Aktualisiert

Theater GessneralleeStreit unter Linken – darf man mit der AfD reden?

Hunderte wollen verhindern, dass ein AfD-Vordenker an einem Podium in Zürich teilnimmt. Das sei falsch, findet die Präsidentin der Juso.

von
J. Büchi
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Marc Jongen, Vordenker der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD), soll an einer Podiumsdiskussion im Theater Gessnerallee auftreten. Diese Ankündigung provozierte in linken Kreisen scharfe Kritik.

Marc Jongen, Vordenker der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland (AfD), soll an einer Podiumsdiskussion im Theater Gessnerallee auftreten. Diese Ankündigung provozierte in linken Kreisen scharfe Kritik.

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In einem offenen Brief protestierten mehrere Hundert Kulturschaffende gegen die geplante Veranstaltung. Sich mit ihm auf ein Podium zu setzen, zeuge von «Blauäugigkeit», heisst es im Dokument. Zu den Unterzeichnern zählt etwa Samuel Schwarz von der Digital Bühne Zürich.

In einem offenen Brief protestierten mehrere Hundert Kulturschaffende gegen die geplante Veranstaltung. Sich mit ihm auf ein Podium zu setzen, zeuge von «Blauäugigkeit», heisst es im Dokument. Zu den Unterzeichnern zählt etwa Samuel Schwarz von der Digital Bühne Zürich.

Keystone/Arno Balzarini
Juso-Präsidentin Tamara Funiciello sagt, für einen Teil der Linken sei klar, dass es nichts bringe, mit Rechtspopulisten zu diskutieren. Sie selber sieht das dezidiert anders: «Wer das Gespräch mit Rechten verweigert, gibt ihnen nur Futter für ihre antidemokratischen Positionen.»

Juso-Präsidentin Tamara Funiciello sagt, für einen Teil der Linken sei klar, dass es nichts bringe, mit Rechtspopulisten zu diskutieren. Sie selber sieht das dezidiert anders: «Wer das Gespräch mit Rechten verweigert, gibt ihnen nur Futter für ihre antidemokratischen Positionen.»

Keystone/urs Flueeler

So eine breite Berichterstattung würde sich manch ein Veranstalter wünschen: Vom «Tages-Anzeiger» über die NZZ, von der «Basler Zeitung» bis zur WOZ, überall wird eine geplante Podiumsdiskussion im Zürcher Theater Gessnerallee thematisiert – ja sogar die deutsche «Zeit» schreibt darüber. Was ist passiert?

Unter dem Titel «Die neue Avantgarde» soll im Theater Mitte März eine Podiumsdiskussion über den Umgang mit Rechtspopulismus stattfinden. Mit dabei sind neben Laura Zimmermann, Mitglied der Operation Libero, Kulturwissenschaftler Jörg Scheller und «No Billag»-Initiant Olivier Kessler auch Marc Jongen, Chefideologe der rechtspopulistischen Partei Alternative für Deutschland (AfD). Seine Einladung führte zu heftigem Widerstand.

«Für politisch Unbedarfte gefährlich»

Nicht nur die WOZ meldete Zweifel an, ob so «ein ausgewogenes Gespräch» stattfinden könne, bei dem «ausschliesslich demokratische Positionen vertreten werden». In einem offenen Brief äusserten auch mehrere Hundert Kulturschaffende scharfe Kritik: Marc Jongen sei einer der «raffiniertesten und klügsten Rhetoriker (Demagogen) in den Reihen der AfD», heisst es darin.

Sich mit ihm an ein Podium zu setzen, zeuge von «Blauäugigkeit». Auch überliessen die Verantwortlichen der Rechten damit den Begriff Avantgarde: Dies wirke «für politisch Unbedarfte gefährlich anziehend, radical chic», wird kritisiert.

Zu «wenig Vertrauen» ins Publikum?

Mehrere Journalisten halten in Meinungsartikeln dagegen: «Haben die Theatermacher wirklich derart wenig Vertrauen in die eigene politische Position und in die kritische Urteilskraft ihres Publikums, dass sie dem Gegner nur noch das Wort abschneiden können?», fragt ein Kulturredaktor des «Tages-Anzeigers». Und eine «Zeit»-Journalistin, die sich bereits seit geraumer Zeit mit der AfD auseinandersetzt, ist überzeugt: «Es ist keine Frage, ob man mit der AfD sprechen soll. Man muss!»

Ob die Veranstaltung angesichts der massiven Kritik überhaupt stattfindet, ist offen: Wie das Theater Gessnerallee auf seiner Website schreibt, soll an einem Treffen nächsten Freitag darüber debattiert werden, ob der Event «durch andere Formate ersetzt werden muss».

«Wer das Gespräch verweigert, gibt ihnen Futter»

Auch abseits des Theaterstreits gehen in der linken Szene die Auffassungen darüber, wie mit Rechtspopulisten umzugehen ist, weit auseinander. Juso-Präsidentin Tamara Funiciello sagt, für einen Teil der Linken sei klar, dass es nichts bringe, «mit solchen Leuten» zu diskutieren. Sie selber sieht das dezidiert anders: «Wer das Gespräch mit Rechten verweigert, gibt ihnen nur Futter für ihre antidemokratischen Positionen.» Solange man überzeugt sei, dass die eigenen Argumente besser seien, müsse man die Konfrontation mit Andersdenkenden nicht scheuen.

Für Funiciello gibt es allerdings Grenzen. Ein Podium müsse ausgewogen besetzt sein. «Lässt man einen Jüngling auf ein politisches Schwergewicht los, ist eine Diskussion auf Augenhöhe schwierig.» Auch müsse der Moderator intervenieren, wenn Grenzen überschritten würden. «Rassismus ist keine Meinung: Sobald menschenfeindliche Positionen vertreten werden, muss das Gespräch abgebrochen werden.»

Wer ‹Tötet Köppel»-Aktionen gutheisst ...

Michael Hermann, Politgeograf und Autor des Buchs «Was die Schweiz zusammenhält», beobachtet, dass politisch Gleichgesinnte heute tendenziell eher unter sich bleiben als früher. Dabei sei das Bedürfnis, sich vor Angriffen der anderen Seite zu schützen, auf der linken Seite in der Regel ausgeprägter als rechts.

Gerade im Fall von Kulturschaffenden findet Hermann Gesprächverweigerung jedoch nicht angebracht: «Wer selber provoziert und etwa ‹Tötet Köppel»-Aktionen gutheisst, sollte auch den Mumm haben, sich den Positionen radikal anders Denkender zu stellen. Zumal wir hier nicht von Mördern oder Verbrechern reden: Die AfD ist keine verbotene Partei.»

Das ganze Interview mit Michael Hermann zum Thema lesen Sie in Kürze auf 20min.ch

Dafür steht Jongen

Marc Jongen gilt als Vordenker und Haus-Phililosoph der AfD. Der Philosophieprofessor ruft die Deutschen dazu auf, wütender aufzutreten und «Entwicklungen nicht einfach passiv hinzunehmen». Für Empörung sorgte etwa seine Aussage, nur so könnten Deutsche gegen Einwanderer mit «robusteren Naturellen» bestehen. Für viele Beobachter ist laut der «Süddeutschen Zeitung» klar, dass er «das theoretische Gerüst» für AfD-Politiker wie Frauke Petry liefert, die davon reden, mit scharfen Waffen auf Flüchtlinge zu schiessen.

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