Wiler Mörder vor Gericht: Streit unter zwei Sippen endete in Blutbad
Aktualisiert

Wiler Mörder vor GerichtStreit unter zwei Sippen endete in Blutbad

Nach einem Streit zwischen zwei Familien aus dem Kosovo sind ein 52-Jähriger und sein Sohn 2008 auf offener Strasse in Wil SG erschossen worden. Nun muss sich der Todesschütze vor Gericht verantworten.

von
tob
Der Tatort in Wil: Der Streit zwischen zwei Familien aus dem Kosovo kostete zwei Menschen das Leben.

Der Tatort in Wil: Der Streit zwischen zwei Familien aus dem Kosovo kostete zwei Menschen das Leben.

Der Streit zwischen den zwei Familien dauerte schon monatelang an. Am 3. Mai 2008 ist die Fehde zwischen den zwei Familien aus dem Kosovo an der Pestalozzistrasse in Wil eskaliert: Der 51-jährige S.B.* schoss mehrmals auf den 52-jährigen A.Q.*, das Oberhaupt der anderen Familie, und dessen 19-jährigen Sohn.

Vater und Sohn starben auf offener Strasse. Ab Mittwoch muss sich der geständige S.B. für die Tat vor dem Kreisgericht Wil verantworten. Mitangeklagt wegen Raufhandel und weiteren Delikten sind neben ihm vier weitere Mitglieder seiner Familie.

«Die Sippen beobachteten sich gegenseitig»

Der Tat voraus ging ein monatelanger Streit zwischen den Familien. «Die Beziehung der Familien war seit längerem angespannt und geprägt von gegenseitigen Provokationen», heisst es in der Anklageschrift. Mehrmals soll es in den Monaten vor der Tat zwischen den jüngeren Mitgliedern der Sippen zu Schlägereien gekommen sein. Dabei soll der Bruder von S.B. ein Familienmitglied der anderen Sippe mit einem Stock spitalreif geprügelt haben. Er bestreitet die Tat. Wie es überhaupt zu der Fehde gekommen ist, bleibt unklar.

Weiter angestachelt wurde der Zwist durch ein zufälliges Zusammentreffen der Familien in einem Restaurant am 1. Mai 2008. Es kam zu einem heftigen verbalen Streit. Der 52-jährige Q. wollte wissen, wer seinen Sohn mit dem Stock geschlagen hatte. Darauf spitzte sich der Streit weiter zu: Der Staatsanwalt geht davon aus, dass Mitglieder beider Familien sich «gegenseitig beobachteten und offenbar unterstellten, die jeweils andere Seite führe etwas gegen sie im Schilde.»

«Immer eine Waffe dabei gehabt»

Der 51-jährige Hauptangeklagte gab später an, er hätte Angst gehabt, dass ihm etwas «passiere», darum habe er sich zwei Waffen gekauft. Die zwei Pistolen, eine Beretta 9mm und eine FB Radom, beschaffte er sich illegal.

Er habe immer eine Pistole dabei gehabt, wenn er von Bern in die Ostschweiz gefahren sei, so der Angeklagte. Dies tat er auch am 3. Mai 2008 – laut Anklage mit der Absicht, den Streit der Familien mit Gewalt zu beenden. In seiner Bauchtasche trug er die geladene Beretta.

Blutbad auf offener Strasse

Kurz vor 18 Uhr am 3. Mai trafen die zwei Familien in Wil aufeinander. A.Q. holte mit dem Mercedes seine zwei Söhne beim Bahnhof ab. S.B. war mit mindestens vier weiteren Mitgliedern seiner Sippe in drei Autos unterwegs. An der Pestalozzistrasse überholte der Mercedes den Wagen von B's Bruder und zwang ihn zum Anhalten. Laut Anklageschrift soll A.Q. darauf mit den Söhnen ausgestiegen sein. Sie holten verschiedene Schlaggegenstände aus dem Kofferraum. Es kam zu einer heftigen Schlägerei.

Kurz darauf traf S.B. vor Ort ein. Er zog die Pistole. Insgesamt acht Schüsse wurden – teils aus nächster Nähe – abgegeben, wie es im forensischen Untersuchungsbericht heisst. Der eine Sohn, des Opfers konnte fliehen. Doch: Auch auf ihn wurde geschossen. Wer die Schüsse auf den fliehenden abgab, war nach der Tat zunächst unklar. Der forensische Untersuchungsbericht zeigt, dass wohl B.'s Bruder geschossen hat. Dieser bestreitet dies.

Schütze soll für 15 Jahre hinter Gitter

Nach der Tat flüchtete B.'s Sippe mit den Autos. Kurz darauf stelle sich der Angeklagte der Polizei. Seither sitzt er im vorzeitigen Strafvollzug. Die Anklage gegen ihn lautet unter anderem auf mehrfachen Mord, Raufhandel und mehrfaches verbotenes Waffentragen. Laut Anklage soll er für 15 Jahre ins Gefängnis. Sein Bruder, der auf den fliehenden Sohn geschossen haben soll, soll für drei Jahre hinter Gitter. Die restlichen Mitglieder der Sippe soll wegen Raufhandel, Missachtung der Verkehrsregeln und weiteren Delikten, bedingte Strafe zwischen 3 und 12 Monaten und Bussen erhalten.

Vor Gericht steht auch der Sohn von Q., der das Blutbad überlebt hat: Weil er ebenfalls auf Mitglieder der anderen Sippe eingeschlagen haben soll und nach den tödlichen Schüssen auf seinen Vater und seinen Bruder mit dem Auto geflüchtet war, obwohl er keinen Fahrausweis besitzt, soll er eine bedingte Haftstrafe von zwei Monaten und eine Busse von 500 Franken erhalten.

Über 300 000 Franken Genugtuung

Vor Gericht fordern die Angehörigen eine grosse Summe als Genugtuung für den Tod von A.Q. und dessen Sohn ein. Der Betrag beläuft sich auf über 300 000 Franken. Da die zwei Söhne und A.Q. selbst aber «ein erhebliches Mitverschulden an den Ereignissen trifft», wie es in den Gerichtsakten heisst, werden die Zivilforderungen erst zu einem späteren Zeitpunkt behandelt. Die Verhandlung im Wiler Doppelmord-Fall beginnt am Mittwoch und soll insgesamt fünf Tage andauern.

*Namen der Redaktion bekannt

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