«Time out»: Streits langer Weg zurück nach oben
Aktualisiert

«Time out»Streits langer Weg zurück nach oben

Gefeiert wurde nur vor dem Spiel: Mark Streit spielt nach einer einjährigen Verletzungspause beim NHL-Saisonauftakt noch nicht sein bestes Hockey.

von
Klaus Zaugg
New York

Es ist eine bittere Niederlage nach einem schwachen Spiel: 0:2 zum NHL-Saisonauftakt gegen die Florida Panthers. Ausgerechnet gegen die Panthers. Das einzige Team neben den Islanders, das seit dem Lockout (2004/05) nie in den Playoffs war. Wollen die Islanders die Playoffs schaffen, müssen sie solche Partien gewinnen. Und besser spielen, wenn sie die Fans zurückholen wollen.

Dabei hat an diesem Samstagnachmittag alles so wunderbar begonnen: Es ist ein herrlicher, warmer Herbsttag draussen in Long Island. Der Auftakt zu einem langen Weekend. Am Montag ist auch noch frei (Columbus-Day). Einen besseren Tag hätten sich die Islanders für das Startspiel zur Saison 2011/12 nicht wünschen können.

Sie feiern zudem das 40-jährige Bestehen ihres Unternehmens. Eine Gelegenheit, die grosse Vergangenheit (Stanley Cup-Siege 1980, 1981, 1982, 1983) wieder einmal aufleben zu lassen. Vor dem Spiel wird die Legende Mike Bossy den Puck einwerfen, Mark Streit wird ihm die Hand schütteln.

Endlich wieder einmal ausverkauft

Schon am Mittag ist auf den Parkplätzen rund ums Stadion die Party im Gange. Die Jungs und Mädels sind mit den «Pickup Trucks» vorgefahren. Grillstände werden aufgestellt. Auf einer Bühne schrummt eine lokale Rockband Songs von Bruce Springsteen. Ein bisschen Rock, ein bisschen Roll, ein bisschen Bier. Grad so, wie es in Amerika sein darf und sein soll. Am Abend wird das Stadion mit 16 234 Fans wieder einmal gefüllt sein. Welch eine Gegensatz zu den trost- und stimmungslosen Partien, die folgen werden, wenn es kalt wird hier in Long Island. Letzte Saison hatten die Islanders am wenigsten Zuschauer von allen 30 NHL-Teams (11 050 pro Spiel/Stadionauslastung 67 Prozent).

Streit, der Leitwolf

Von einem riesigen Plakat an der Stadionwand blickt eine Gruppe wild entschlossener junger Männer auf die Party-Gemeinde herab. In der Mitte ein Schweizer, auch optisch ganz klar als Leitwolf erkennbar: Mark Steit, der neue Captain. Dieses Amt hat in der NHL noch mehr Bedeutung als bei uns. Der Captain personifiziert das Team. Er ist die Stimme, das Gesicht des Unternehmens. Dieses Amt ist die grösstmögliche Ehre für Mark Streit und eine noch höhere Anerkennung als die 4,1 Millionen Jahreslohn.

Am letzten Mittwoch sprachen beim Saisoneröffnungs-Meeting drei Männer zum Team: Besitzer Charles Wang, General Manager Garth Snow und Captain Mark Streit. Der Berner steht nicht nur vor seinem ersten Spiel als Captain. Es ist auch der erste Ernstkampf nach einer einjährigen Wettkampfpause. Er hat sich im letzten Herbst im Trainingscamp eine Schulterverletzung zugezogen und die ganze Saison verpasst.

Souverän in der Niederlage

Und nun, nach dem bitteren 0:2 gegen Florida, hat der ehemalige SCB-Junior tief unten im altehrwürdigen «Nassau Veterans Memorial Coliseum» Red und Antwort zu stehen. Eine Viertelstunde nach Spielschluss ist die Garderobe für die Reporterinnen und Reporter offen. Noch ungeduscht und in der Ausrüstung stehen die Helden vor ihrem Garderobe-Platz. Die grösste Menschen-Traube bildet sich um Mark Streit herum. Mit leiser Stimme, so wie es sich nach einer Niederlage gehört, erklärt er die überraschende Niederlage und die enttäuschende Leistung in akzentfreiem US-Englisch.

Ja, alle seien enttäuscht. Man habe grosse Hoffnungen und sich nun vielleicht zu viel vorgenommen. Der Gegner sei sehr stark gewesen und sein Forechecking habe eine lähmende Wirkung gehabt. Und schliesslich, wie es sich in Amerika gehört, der obligatorische Hinweis, man schaue vorwärts und am Montag sei ja bereits das nächste Spiel. Der perfekte Captain. Aus seinen Worten lässt sich auch mit grösster Phantasie (leider) keine Polemik machen. Wo hat er das nur gelernt? Hat er eine Medienschulung bekommen? «Nein», sagt Streit. «Aber ich war ja schon beim ZSC und in der Nationalmannschaft Captain und musste auf ähnliche Fragen antworten.»

Mitschuld am ersten Gegentreffer

Mark Streit kann mit seiner Leistung auch nicht zufrieden sein. Das wegweisende 0:1 hat er mit verschuldet. «Ja, diesen Treffer hat mein Gegenspieler erzielt. Ich bin noch nicht auf dem Niveau, auf dem ich vor meiner Verletzung war. Obwohl ich drei Vorbereitungsspiele bestritten habe, hatte ich am Anfang Mühe, den Rhythmus zu finden. Der Unterschied zu den Vorsaisonspartien ist wie Tag und Nacht. Ab dem zweiten Drittel bin ich dann etwas besser ins Spiel gekommen.»

In einem schwachen Spiel, geprägt von unpräzisem Rumpelhockey, ist Mark Streit dennoch die dominante Spielerpersönlichkeit. Er steht 24 Minuten und 58 Sekunden im Einsatz (das wird in der NHL statistisch sekundengenau erfasst), länger als jeder Mitspieler. Er organisiert das Boxplay, orchestriert das Powerplay und versucht immer wieder, die Offensive in Gang zu bringen. Vergeblich. Das Spiel funktioniert noch nicht. Aber es ist ja lediglich die erste von 82 Qualifikationspartien.

Bussen: Noten statt Münz

Mark Streit hat auf dem langen Weg zurück nach oben die ersten Schritte gemacht. Seine Bestmarke steht bei 62 Punkten (Saison 2007/08), erzielt bei den Montreal Canadiens. Für die Islanders hat er vor der Verletzungspause 56 und 49 Punkte produziert (2008/09 und 2009/10). Auch wenn er am Samstag mit einer «Nullnummer» begonnen hat: Diese Werte kann er wieder erreichen.

Auch neben dem Eis gibt es für den Berner noch viel zu tun. Er hat als Captain von Cheftrainer Jack Capuano den Auftrag gefasst, den Bussenkatalog zu erarbeiten und die Bussen einzutreiben. «Das muss ich jetzt mit meinen Captain-Assistenten erledigen.» Auf eine entsprechende Frage sagt er, das mit den Bussen sei seinerzeit auch beim ZSC und in der Nationalmannschaft sein Ämtli gewesen. Aber er werde kein Sparschwein anschaffen, um die Bussengelder aufzubewahren. Weil es zwischen der Schweiz und Amerika ein paar Unterschiede zur Bussenpraxis gebe: «Hier werden die Bussen nicht mit Münz bezahlt. Sondern mit Noten.» Logisch. Schliesslich beträgt die Gesamtlohnsumme des Teams etwas mehr als 60 Millionen Dollar.

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