Radio-TV-Verkauf: Strohmann oder Dealmaker?
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Radio-TV-VerkaufStrohmann oder Dealmaker?

Wer kauft Tele Züri und Tele Bärn? Seit Mittwoch ist klar: Interessiert ist auch Medienanwalt Martin Wagner. Es stellt sich die Frage, ob für die SVP oder fürs Geschäft.

von
Sandro Spaeth
Wer kauft die TV- und Radiostationen von Tamedia: Christoph Blocher (links) oder Martin Wagner (rechts)?

Wer kauft die TV- und Radiostationen von Tamedia: Christoph Blocher (links) oder Martin Wagner (rechts)?

Die Casino-Betreiber-Firma Escor will von Tamedia (zu der auch 20 Minuten Online gehört) die TV- und Radio-Sparte kaufen, schrieb am Mittwoch die Handelszeitung. Bisher galt einzig Ringier als offizieller Interessent. Daneben gab es Spekulationen, SVP-nahe Kreise um Christoph Blocher oder um den Autoimporteur Walter Frey würden sich um Tele Züri, Tele Bärn und Co. bemühen.

Die Casino-Betreiber-Firma Escor gehört dem Medienanwalt Martin Wagner. Er ist eine der schillerndsten Figuren in der Schweizer Medienlandschaft. Im Februar 2010 schnappte der 51-Jährige der NZZ Gruppe die Basler Zeitung (BaZ) vor der Nase weg. Wagner hielt 25 Prozent, der Tessiner Financier Tito Tettamanti 75 Prozent. Die BaZ driftete in der Folge deutlich nach rechts: Chefredaktor wurde Ex-Weltwoche-Redaktor und Blocher-Biograf Markus Somm. Zudem erhielt die Blocher-Firma Robinvest ein Beratungsmandat.

Nähe zu SVP

Wagner, Mitglied der Wirtschaftsbosse-Vereinigung «Club zum Rennweg», gilt als bürgerlich. Er war unter anderem Verwaltungsrat der Swissfirst Bank (06/07) und sitzt seit 2008 gemeinsam mit Roger Köppel im Verwaltungsrat der Köppel Holding, der Besitzerin des «Weltwoche»-Verlags. Der Titel hat sich seither als SVP-Kampfblatt positioniert. «Wagners SVP-Nähe ist unbestritten», sagt Medienjournalist Rolf Hürzeler zu 20 Minuten Online.

Das Interesse des Medienanwalts an den Tamedia-Sendern ist laut Hürzeler ein weiterer Mosaikstein in der SVP-Strategie: «Blocher würde Wagners Schachzug mit Sicherheit gelegen kommen.» Seit Jahren versucht der Alt-Bundesrat, Zeitungen und Radiosender unter seine Fittiche zu bekommen. Beispielsweise interessierte er sich für den Kauf der Belcom AG, sass im Verwaltungsrat von Medien Z, deren Radiosender Eviva einst die SVP-Algisgütli-Tagung live übertrug und wird immer wieder mit der «Weltwoche» in Verbindung gebracht.

Der Dealmaker

Ist Wagner Blochers Strohmann? «Es ist müssig darüber zu spekulieren», sagt Hürzeler. Wie im Fall «Weltwoche» würde es wohl nie gelingen, die Verbindung nachzuweisen. Klar ist: «Wo Wagner einstieg, gab es eine Rechtstendenz», so Hürzeler. Anderer Meinung ist Medienexperte Kurt W. Zimmermann: «Wagner ist unabhängig und sicher kein Ideologe.» Ein Strohmann sei Wagner auf keinen Fall, das würde sein Ego nicht zulassen, Wagner sei ein Dealmaker.

Auch Wagner selbst stellt im Gespräch mit 20 Minuten Online eine SVP-Nähe klar in Abrede und betont, dass er als BAZ-Chefredaktor eine andere Lösung als Markus Somm vorgesehen hatte. Bekäme er den Zuschlag für die Sender, würde es keinen Rechtsrutsch geben. «Ein Sender muss frei sein von einer politischen Agenda.»

Kein Geld mit TV allein

Wagner verfolgt laut eigenen Angaben keine politischen Ziele. Für ihn sind die Sender eine Strategie zur Diversifizierung. Er will neben seinem Casino- das Entertainment-Geschäft ausbauen. «Die Sender sind für uns willkommene Distributionskanäle», so Wagner. Für sich alleine seien die Sender nicht rentabel. «Baut man sie hingegen in ein bestehendes Multimedia-Geschäft ein und setzt auf ein junges Publikum, sind sie langfristig profitabel.»

Schaut man in Wagners Vergangenheit, trifft Kurt W. Zimmermanns Einschätzung, der Medienanwalt sei ein Dealmaker, ins Schwarze. Im Jahr 2002, als die Jean Frey AG mit «Beobachter», «Weltwoche» und «Bilanz» zum Verkauf stand, fädelte Wagner einen Deal mit der Swissfirst Bank ein und schnappte den Verlag Ringier vor der Nase weg. Die Bank war laut «Tages-Anzeiger» jedoch nur die «Strohbank» aus dem rechtsbürgerlichen Lager. Der einzige Name, welcher beim Deal bekannt wurde, war jener des Financiers Tettamanti.

Die «Weltwoche» ging später an Roger Köppel, «Beobachter» und «Bilanz» an Axel Springer Schweiz, wo Wagner noch heute im Verwaltungsrat sitzt. Das Handtuch geworfen hat der Medienanwalt hingegen bei der Basler Zeitung: Ende November 2010 stiegen der Medienanwalt und Tettamanti bereits wieder aus und verkauften zu einem nicht genannten Preis an Crossair-Gründer Moritz Suter.

Basler Zeitung erhält Konkurrenz

In der Region Basel tut sich was. Auf Ende Jahr erscheint eine neue Online-Zeitung, die wöchentlich auch gedruckt erhältlich ist. Geleitet werden soll die Zeitung von Urs Buess, bis vor kurzem stellvertretender Chefredaktor der «Basler Zeitung» sowie von «Beobachter»-Journalist Remo Leupin. Die Finanzierung stellt die Stiftung Levedo der Mäzenin Beatrice Oeri sicher, wie es in einer Mitteilung der Bachmann Medien hervorgeht. Das Beratungsunternehmen des früheren BaZ-Chefredaktors Ivo Bachmann war im Zuge des Wirbels um ein BaZ-Beratermandat von Christoph Blocher vergangenes Jahr mit Abklärungen über eine Online-Zeitung beauftragt worden. Geplant ist eine rund 30-köpfige Redaktion.

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