Cyberkrieg – Strom und Finanzen als Ziel – Russische Hacker könnten die Schweiz angreifen

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CyberkriegStrom und Finanzen als Ziel – Russische Hacker könnten die Schweiz angreifen

Joe Biden warnte vor der Gefahr russischer Cyberattacken gegen den Westen. Auch die Schweiz trägt die Sanktionen mit – und macht sich so zur möglichen Zielscheibe für Cyberattacken, wie ein Experte sagt.

von
Thomas Obrecht
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«Es gibt Hinweise darauf, dass der Kreml Cyberattacken gegen kritische amerikanische Infrastruktur prüft», sagte Joe Biden bei seiner nationalen Ansprache. Es ginge nun darum, sich vorzubereiten, um der «ausgeklügelten Cyber-Kapazität» der Russen standhalten zu können.

«Es gibt Hinweise darauf, dass der Kreml Cyberattacken gegen kritische amerikanische Infrastruktur prüft», sagte Joe Biden bei seiner nationalen Ansprache. Es ginge nun darum, sich vorzubereiten, um der «ausgeklügelten Cyber-Kapazität» der Russen standhalten zu können.

Mikhail Golub/Twitter
Lennart Maschmeyer, Cybersecurity-Experte der ETH Zürich, hält Bidens Sorge durchaus für begründet. «Das es zu Hackerangriffen kommen kann, ist durchaus realistisch», sagt Maschmeyer. Auch die Schweiz sei dabei ein mögliches Ziel.

Lennart Maschmeyer, Cybersecurity-Experte der ETH Zürich, hält Bidens Sorge durchaus für begründet. «Das es zu Hackerangriffen kommen kann, ist durchaus realistisch», sagt Maschmeyer. Auch die Schweiz sei dabei ein mögliches Ziel.

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Auch vor dem Krieg «geradezu normal» ist laut Maschmeyer ein gewisses Mass an Spionage: «Gegnerische Geheimdienste treiben sich eigentlich immer in westlichen Systemen herum.» Neu könnten jedoch auch politische und kriminelle Ziele verfolgt werden.

Auch vor dem Krieg «geradezu normal» ist laut Maschmeyer ein gewisses Mass an Spionage: «Gegnerische Geheimdienste treiben sich eigentlich immer in westlichen Systemen herum.» Neu könnten jedoch auch politische und kriminelle Ziele verfolgt werden.

REUTERS

Darum gehts

  • US-Präsident Joe Biden warnt vor möglichen russischen Cyberattacken gegen den Westen.

  • Auch für die Schweiz besteht ein Risiko, von Russland virtuell angegriffen zu werden, sagt Lennart Maschmeyer, Cybersecurity-Experte der ETH Zürich.

  • Derzeit hätten Ziele in den USA wohl noch höhere Priorität – doch je länger der Krieg dauere, desto wahrscheinlicher würden schädliche Cyber-Angriffe. 

«Es gibt Hinweise darauf, dass der Kreml Cyberattacken gegen kritische amerikanische Infrastruktur prüft.» Mit dieser Aussage machte US-Präsident Joe Biden westliche Unternehmen darauf aufmerksam, ihre Sicherheitsstandards zu überdenken. Es liege nun an den Unternehmen, ihre Schutzmassnahmen zu stärken, um der «ausgeklügelten Cyber-Kapazität» der Russen standhalten zu können.

Lennart Maschmeyer, Cybersecurity-Experte der ETH Zürich, hält Bidens Sorge durchaus für begründet. «Das es zu Hackerangriffen kommen kann, ist durchaus realistisch», sagt Maschmeyer. Auch die Schweiz sei dabei ein mögliches Ziel.

Bereits seit einigen Wochen werden wiederholt störende Angriffe gegen den Westen festgestellt. So wurde am Vortag der russischen Invasion ein europäischer Satellit durch bisher unbekannte Hacker lahmgelegt, um die Kommunikation der ukrainischen Sicherheitskräfte zu unterbrechen. Obwohl es generell sehr schwierig sei, eindeutige Beweise für russische Hackerangriffe zu finden, macht es aus russischer Sicht strategisch durchaus Sinn, mit Cyber-Angriffen auf die Sanktionen zu reagieren, sagt Maschmeyer.

«Der russische Geheimdienst setzt auf die Hilfe krimineller russischer Hackergruppierungen»

Auch vor dem Krieg «geradezu normal» ist laut Maschmeyer ein gewisses Mass an Spionage: «Gegnerische Geheimdienste treiben sich eigentlich immer in westlichen Systemen herum.» Nun sei aber die Wahrscheinlichkeit von Angriffen mit politischen und kriminellen Zielen grösser. «Politisch interessant ist die Störung und Lahmlegung von gegnerischer Infrastruktur wie beispielsweise Finanzdienstleister, Stromnetze oder Öl- und Gaspipelines», so der Experte. Zudem setze der russische Geheimdienst auf die Hilfe krimineller russischer Hackergruppierungen. «Diese Vereinigungen werden geradezu ermutigt, sensible Daten zu stehlen und westliche Firmen zu erpressen», sagt Maschmeyer.

Nach Meinung des Cybersecurity-Experten sind aktuell alle vernetzten Systeme weltweit potenzielle Ziele Russlands. Dabei gilt: «Je digitalisierter die Gesellschaft, desto höher die Angriffsfläche. In der aktuellen Lage kann man erwarten, dass der Fokus vor allem darauf liegt, möglichst viel wirtschaftlichen Schaden anzurichten», sagt Maschmeyer.

Konkret wären die Unterbrechung von Lieferketten und die Lahmlegung oder Störung von Finanztransaktionen oder zentraler Infrastrukturen mögliche Szenarien. Also zum Beispiel Angriffe auf Logistikfirmen, Finanzdienstleister oder Pipelines. Ein aktuelles Beispiel sei das Lahmlegen von Entlade-Terminals in den Häfen von Rotterdam und Antwerpen, was die europäische Versorgung mit Öl und Treibstoff blockierte. «Da sie sich an den Sanktionen beteiligt, ist auch die Schweiz durchaus ein mögliches Ziel», beurteilt der Experte. «Denn auch in Ländern mit sorgfältigen Sicherheitsmassnahmen wie der Schweiz gibt es immer Verwundbarkeiten.»

«Aber die USA wird aktuell die höchste Priorität haben»

Aus strategischer Sicht hält Maschmeyer aber andere Länder aktuell für stärker bedroht. «Die USA wird momentan die höchste Priorität für Hackerangriffe haben. Als zentraler Waffenlieferant für die Ukraine und treibende Kraft hinter den russischen Sanktionen besteht dabei das grösste Potenzial», sagt der Cyber-Experte.

Die Gefahr, dass Russland mit Cyberattacken tatsächlich grossflächig kritische Infrastruktur lahmlegen kann, schätzt Maschmeyer insgesamt als relativ überschaubar ein. Russland fehle schlicht die Zeit. «Sich in grössere Systeme einhacken und diese zu manipulieren ist ein komplexer und langwieriger Prozess», sagt Maschmeyer. «Eine solch langfristige strategische Voraussicht lässt sich in der aktuellen Militärkampagne Russlands nicht erkennen», sagt der Experte. Entsprechend gebe es auch keinen Grund zur Annahme, dass russische Cyber-Operationen von langer Hand geplant worden seien. «Das heisst aber auch», so Maschmeyer, «dass die Wahrscheinlichkeit für schädliche Cyber-Angriffe grösser wird, je länger der Konflikt andauert.»

So überwacht die Schweiz die Cyber-Sicherheit

  • Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) verfolgt und analysiert gemäss seinem gesetzlichen Auftrag laufend die Cyberbedrohungslage sowie allfällige Konsequenzen für die Schweiz. Gemäss NDB-Sprecherin Isabelle Graber sind weltweit aber bisher die viel befürchteten schwerwiegenden Cyber-Angriffe durch Russland ausgeblieben. «Dennoch bleibt die Bedrohung real.»

  • Das Nationale Zentrum für Cybersicherheit (NCSC) überwacht Entwicklungen und Gefahren der Cyber-Sicherheit. Laut der NCSC-Medienverantwortlichen Gisela Kipfel werden die Betreiber der kritischen Infrastruktur, die Wirtschaft sowie die Bevölkerung umgehend gewarnt und informiert, sollte es die Situation erfordern. «Aktuell ist die Gefahr eines direkten Angriffs für die Schweiz gering. Es besteht jedoch die Gefahr, dass Kriminelle weltweit den Fokus auf die Ukraine nutzen werden, um vermehrt cyberkriminell aktiv zu werden.» 

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