Al-Kaida Jemen: Strom und Wasser statt Gewalt predigen
Aktualisiert

Al-Kaida JemenStrom und Wasser statt Gewalt predigen

Aus kürzlich endeckten Al-Kaida-Briefen kann viel über deren Funktionieren gelernt werden. Der Chef der jemnitischen Abteilung rät seinen Kollegen etwa: «Seid freundlich.»

Als Chef des mächtigen jemenitischen Ablegers der Al-Kaida gilt Nasser al-Wahischi als einer der gefürchtetsten Terrorchefs der Arabischen Welt. Sein Wissen gab er in Briefen auch an andere extremistische Gruppen weiter.

Ein Gespräch über Terrorpläne zwischen Al-Kaida-Chef Aiman al-Sawahiri und seinem jemenitischen Stellvertreter Nasser al-Wahischi war Auslöser der jüngsten Schliessung von US-Botschaften. Ein Jahr zuvor gab Al-Wahischi, dessen Terrorarm als besonders gefährlich angesehen wird, anderen Extremisten Anweisungen zum Heiligen Krieg, dem Dschihad. Die zwei Briefe des jemenitischen Terrorchefs, die die Nachrichtenagentur AP in der malischen Stadt Timbuktu entdeckte, geben neue Einblicke in ein für viele unbekanntes Gesicht der Al-Kaida.

Der langjährige persönliche Assistent von Osama bin Laden weist in dem Schreiben an Abdelmalek Droukdel, den Führer der Al-Kaida im Islamischen Maghreb, auf Möglichkeiten hin, wie Islamisten den zu diesem Zeitpunkt gerade eroberten Norden Malis halten könnten. Dabei predigt er nicht Gewalt und Terror, sondern Strom und fliessendes Wasser.

Nicht nur Erobern, auch Regieren ist nötig

«Versucht sie mit den Annehmlichkeiten des Lebens für euch zu gewinnen», schreibt Al-Wahischi. «Das wird sie dazu bringen, mit uns zu sympathisieren und zu fühlen, dass ihr Schicksal und unseres miteinander verbunden sind.» Experten, denen AP die Briefe vorlegte, werteten sie als Zeichen einer Neuorientierung innerhalb der Al-Kaida, die nach ihrem Scheitern im Irak realisiert habe, dass es nicht genug sei, Territorium zu erobern: Sie müsse auch lernen zu regieren.

«Menschen im Westen sehen die Al-Kaida nur als Terrororganisation und das ist sie sicherlich auch. Aber die Gruppe sieht sich als Organisation an, die auch eine Regierung sein kann», sagte Gregory Johnsen, der in seinem Buch «The Last Refuge» den Aufstieg der Al-Kaida im Jemen skizzierte.

Die Briefe sind auf den 21. Mai und den 6. August 2012 datiert, der zweite also bald nachdem die Al-Kaida im Jemen das über 16 Monate von ihr regierte Gebiet im Süden des Landes wieder verloren hatte. Im Norden Malis hatten die Islamisten hingegen nach dem Putsch in der Hauptstadt im Februar gerade die Kontrolle übernommen.

Brutalität als Grund für Scheitern

In dem Brief aus dem Mai warnt Al-Wahischi Droukdel, nicht zu hart und zu streng gegen Bewohner der Region vorzugehen. «Seid freundlich. Ihr könnt Menschen nicht dafür schlagen, dass sie Alkohol trinken, wenn sie nicht einmal die Grundlagen des Betens kennen. Versucht die Umsetzung islamischer Strafen so gut es geht zu vermeiden, es sei denn ihr seid dazu gezwungen. Wir haben diesen Ansatz genutzt und hatten damit gute Ergebnisse.»

Allerdings wurden während der Herrschaft der Islamisten in Nordmali immer wieder Menschen ausgepeitscht oder gesteinigt, weil sie den Regeln der dort eingeführten Scharia nicht folgten. Und auch die Al-Kaida im Jemen wurde letztlich durch die eigene Brutalität zu Fall gebracht, wie die Expertin Katherine Zimmerman vom Critical-Threats-Projekt am American Enterprise Institute erklärt. Die Extremisten hätten im Februar 2012 einen wegen Spionage verurteilten Mann gekreuzigt und seine Leiche im Freien verrotten lassen. Für Zimmerman ein Wendepunkt in der öffentlichen Meinung gegenüber der Al-Kaida im Südjemen. Im Juni musste sich die Al-Kaida dort schliesslich zurückziehen.

Strom und fliessend Wasser dank Al-Kaida

Zuvor hatte sie ihre Errungenschaften auch in Newslettern und Propaganda-Filmen beworben. So waren etwa in einem der Filme Al-Kaida-Kämpfer zu sehen, die Stromleitungen wieder verbinden und dabei triumphierend «Gott ist gross» rufen. Bewohner in der Ortschaft Dschaar erklärten, dass durch die Al-Kaida Strom und fliessendes Wasser in Gegenden gekommen seien, in denen es das zuvor nicht gegeben habe.

Auch Droukdel wies Al-Wahischi an, seine Erfolge gut zu vermarkten. «Die Welt wartet darauf zu sehen, was Sie als Nächstes machen und wie Sie die Angelegenheiten ihres Staates lenken. Ihre Feinde wollen sie scheitern sehen und sie wollen Ihnen Hürden in den Weg stellen, um zu beweisen, dass die Mudschaheddin nur für den Kampf und den Krieg zu gebrauchen sind und nichts mit der Lenkung von Ländern zu tun haben.»

Auch die Islamisten in Mali mussten sich nach einer Offensive der französischen Armee schliesslich aus den von ihnen eroberten Gebieten zurückziehen. Die beiden Briefe sind Teile einer Sammlung von Dokumenten, die Reporter der Nachrichtenagentur AP im ehemaligen Hauptquartier der Al-Kaida im Islamischen Maghreb in Timbuktu entdeckten. (sda)

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