15.07.2020 08:14

ÄgyptenStromschlag, Sturz von Hochhaus – Kinder sterben beim Drachensteigen

Nachdem mehrere Kinder tödlich verunfallt sind, geht Ägypten gegen die Fluggeräte vor.

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Ägyptische Sicherheitskräfte beschlagnahmten der staatlichen Nachrichtenseite «Al-Ahram» zufolge in vergangenen Tagen hunderte Drachen.

Ägyptische Sicherheitskräfte beschlagnahmten der staatlichen Nachrichtenseite «Al-Ahram» zufolge in vergangenen Tagen hunderte Drachen.

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Der Grund: «Gefahr für das Leben von Kindern und Jugendlichen.»

Der Grund: «Gefahr für das Leben von Kindern und Jugendlichen.»

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Hersteller und diejenigen, die Drachen steigen lassen, sind im Visier der Behörden.

Hersteller und diejenigen, die Drachen steigen lassen, sind im Visier der Behörden.

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Darum gehts

  • In Ägypten könnte bald mit Drachensteigen Schluss sein.
  • Der Grund: Mehrere Kinder sind beim Freizeitspass tödlich verunfallt.
  • Hersteller und diejenigen, die Drachen steigen lassen, sind im Visier der Behörden.

Oft sieht man sie in der Dämmerung am Himmel tanzen, handgemachte Drachen, die das braune Häusermeer von Kairo mit ihren bunten Papierschwänzen schmücken. Kinder und Jugendliche halten die Fäden in der Hand und lassen die Spielgeräte von Hausdächern bis weit über Schnellstrassen steigen. Die ägyptische Metropole mit rund 21 Millionen Einwohnern mag von Hitze, Verfall und Luftverschmutzung geplagt sein. Aber über ihr flattern die Drachen im Wind.

Mit dem unschuldig wirkenden Freizeitspass könnte bald Schluss sein. Nach wiederholten Berichten über teils tödliche Unfälle will die Regierung gegen das Hobby vorgehen, das während der Corona-Pandemie noch an Zulauf gewonnen hat. Sicherheitskräfte beschlagnahmten der staatlichen Nachrichtenseite «Al-Ahram» zufolge in vergangenen Tagen hunderte Drachen – wegen der «Gefahr für das Leben von Kindern und Jugendlichen», wie es beim Innenministerium heisst. Hersteller und diejenigen, die Drachen steigen lassen, sind im Visier der Behörden.

Neue Drachenfans wegen Corona

Tatsächlich kann Drachensteigen zum gefährlichen Spiel werden. In der Küstenstadt Alexandria stürzte dabei Anfang Juli ein zwölf Jahre altes Mädchen vom 17. Stockwerk eines Hochhauses in den Tod. In der Provinz Minufia nordwestlich von Kairo starb Anfang Juni ein Schüler beim Drachensteigen durch einen Stromschlag. Im Kairoer Stadtteil Al-Mataria berichteten die Brüder Ijad (10) und Ibrahim (15) Samir der Deutschen Presse-Agentur vor einigen Tagen, wie einer ihrer Freunde ebenfalls von einem Häuserdach fiel und starb.

Viele Kinder und Jugendliche dürften erst durch die Corona-Pandemie zu richtigen Drachen-Fans geworden sein. Schulen, Sportklubs, Kinos und Cafés blieben geschlossen, dazu kam eine nächtliche Ausgangssperre über drei Monate zur Eindämmung des Virus. Im Kampf gegen Langeweile und Einsamkeit griffen viele zu den Drachen, die in allen Farben, Grössen und Formen entlang städtischer Silhouetten oder an den Küsten des Landes zu sehen waren. Einige Schreiner entdeckten in den Fluggeräten eine neue Einnahmequelle.

«Das Coronavirus war ein Hauptgrund für die Verbreitung», sagt ein Händler, der sich Diab nennt, der dpa. «Viele hatten Freizeit, um Drachen steigen zu lassen." Erst habe er nur das benötigte Schilf, dann aber selbst gebaute Drachen für 20 bis 50 Pfund (etwa 1,10 bis 2,75 Euro) verkauft, sagt der 24-Jährige. Auf Anfrage habe er dann auch Drachen im Wert von 300 Pfund (etwa 16,50 Euro) angefertigt samt Verzierungen und Lichterketten. Einen anderen Job hat er nicht.

Verbot in Pakistan

Für ein Verbot des Kindersports wurde vor allem Pakistan bekannt, wo 2016 in der grössten Provinz Punjab mehrere Hunderttausend Drachen beschlagnahmt wurden. In der Grossstadt Rawalpindi landeten damals 600 Menschen wegen ihrer Drachen hinter Gittern, vergangenes Jahr wurden laut Medienberichten erneut mehr als 150 Menschen festgenommen.

In Pakistan ist Drachensteigen allerdings Volkssport, vor allem in Punjab. Beim uralten Basant-Frühlingsfest spielen Millionen mit ihren Fluggeräten – oder sie treten zum Duell an. Die Schnüre sind dann aus Metall oder mit gemahlenem Glas besetzt, um Fluggeräte der Konkurrenz abzusägen. Sie erwischen aber auch Finger, Hände oder gar Hälse. Manchmal gibt es Tote. Einige Drachen-Liebhaber fliegen trotz der Todesfälle und Festnahmen – und trotz des Verbots – weiter.

«Verkehrsregeln» gibt es auch in Deutschland, wo das Seil eines normalen Drachens ohne entsprechende Ausnahmegenehmigung nicht länger als 100 Meter sein darf. Zudem muss der Startplatz mindestens 600 Meter von Stromleitungen sowie Oberleitungen von Eisen- und Strassenbahnen entfernt sein. Die Drachenschnur darf auch nicht elektrisch leitend, also etwa metallverstärkt sein.

In Alexandria müssen Drachensportler künftig mit Geldstrafen rechnen. Bis zu 1000 Pfund (etwa 55 Euro) zahlen Erwachsene, wenn sie oder ihre Kinder die Fluggeräte steigen lassen. Keine geringe Summe in einem Land, in dem das tägliche Durchschnittseinkommen bei etwa 30 Euro liegt und ein Dittel der Bevölkerung in Armut lebt.

Die Samir-Brüder aus Kairo scheinen sich der Gefahr bewusst. «Als ich einen grossen Zwei-Meter-Drachen vom Dach fliegen liess, spürte ich, dass er mich in die Höhe zieht», sagt Ibrahim. «Also habe ich die Leine losgelassen und ihn verloren." Ihrem zwölf Jahre alten Freund, der tödlich vom Dach fiel, erwiesen einige Hinterbliebene eine letzte Ehre: Sie liessen Drachen mit Fotos von ihm in den Himmel steigen.

(SDA)

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