Bosnien: Student stirbt, was vertuschen die Politiker?
Aktualisiert

BosnienStudent stirbt, was vertuschen die Politiker?

Ein Student aus Banja Luka wird tot aufgefunden. Ertrunken, so die Polizei. Ermordet, sagen die Eltern. Sie klagen eine korrupte Polizei und Polit-Elite an – und finden Gehör im ganzen Land.

von
gux
1 / 12
Am 30. Dezember 2018 verhaftete die Polizei Mitglieder der Gruppe «Gerechtigkeit für David». Auch Davids Vater, Davor Dragicevic, soll darunter gewesen sein. Offiziell bestätigt ist das nicht. Im Gegenteil: Die Polizei bestreitet Dragicevic Verhaftung.

Am 30. Dezember 2018 verhaftete die Polizei Mitglieder der Gruppe «Gerechtigkeit für David». Auch Davids Vater, Davor Dragicevic, soll darunter gewesen sein. Offiziell bestätigt ist das nicht. Im Gegenteil: Die Polizei bestreitet Dragicevic Verhaftung.

AP/Amel Emric
Dragicevic (M.) mit seiner Mitstreiterin Sofija Grumsa (r.): Sie verlangen seit Monaten, dass der Tod von David aufgeklärt wird und beschuldigen die Behörden, die Hintergründe über den  Tod des 21-Jährigen zu verschleiern und Polizeigewalt zu decken.

Dragicevic (M.) mit seiner Mitstreiterin Sofija Grumsa (r.): Sie verlangen seit Monaten, dass der Tod von David aufgeklärt wird und beschuldigen die Behörden, die Hintergründe über den Tod des 21-Jährigen zu verschleiern und Polizeigewalt zu decken.

AP/Amel Emric
Immer mehr Menschen haben sich der Protestbewegung «Pravda za Davida» («Gerechtigkeit für David») angeschlossen. Mitunter stehen Tausende auf dem Krajina-Platz in Banja Luka – und nicht nur dort, auch in Städten wie Sarajevo ...

Immer mehr Menschen haben sich der Protestbewegung «Pravda za Davida» («Gerechtigkeit für David») angeschlossen. Mitunter stehen Tausende auf dem Krajina-Platz in Banja Luka – und nicht nur dort, auch in Städten wie Sarajevo ...

AFP/Elvis Barukcic

«David Dragicevic ist getötet worden. Das behaupte ich in voller Verantwortung. Sollen sie mich sofort verhaften und einsperren. Getötet von Angehörigen des Innenministeriums der Republika Srpska in Kumpanei mit der Staatsanwaltschaft.»

Das sind die Worte, die Davor Dragicevic seit geraumer Zeit wiederholt. Der 21-jährige David war sein Sohn. Der Student war in der Nacht des 17. März in Banja Luka verschwunden, der De-facto-Hauptstadt der Republika Srpska, der serbischen Teilrepublik von Bosnien und Herzegowina.

«Bin ich verrückt oder was?»

Eine Woche später fand man Davids Leiche in einem Fluss. Die Polizei ermittelte und hatte schnell eine Erklärung parat: Der junge Mann sei in ein Haus eingebrochen, habe sich dort betrunken und mit Drogen vollgepumpt, sei dann in den Bach gestürzt und ertrunken. An einer Pressekonferenz vom 26. März gab die Polizei der Republika Srpska an einer Pressekonferenz bekannt: Das war ein Unfall, kein Verbrechen.

Doch Davids Eltern zweifeln. «Er wollte etwas stehlen, dann soll er in einen Fluss gesprungen sein, der bis zu den Knöcheln reicht, und ist dann ertrunken? Bin ich verrückt oder was?», schrieb seine Mutter Suzana auf Facebook, wo bald auch die Seite «Gerechtigkeit für David» eingerichtet wurde. Mittlerweile hat sie über 200'000 Mitglieder.

Massive Gewaltanwendung

Vater Davor begann, sich jeden Abend auf den Krajna-Platz in Banja Luka zu stellen. Mehr und mehr gesellten sich zu ihm. So viele schliesslich, dass die Behörden dem Druck nachgaben und eine zweite Obduktion anordneten. Anders als die erste kam sie zum Schluss: David lebte nach seinem Verschwinden noch zwei bis drei Tage. Erstmals wurde zudem mitgeteilt, dass der Körper des 21-Jährigen Spuren von massiver Gewaltanwendung aufwies. Ein von der Polizei angeführtes Video, das beweisen sollte, dass der Student auf einer Einbruchstour gewesen sei, wurde durch Aufnahmen einer Überwachungskamera widerlegt.

Für Davids Eltern steht seither nicht nur fest, dass ihr Sohn ermordet wurde, sondern dass sein Tod von der Polizei vertuscht werden sollte. Dass zudem nicht die Kriminalpolizei, sondern eine Spezialeinheit für organisierte Kriminalität ermittelte, weckt nicht nur ihr Misstrauen. Viele fragen sich, ob das Innenministerium involviert sei.

Serben, Bosniaken, Kroaten geeint in Sorge und Wut

Mittlerweile hat sich eine Protestbewegung formiert, die über die Republika Srpska hinausgeht: von Banja Luka über Bihac, Tuzla bis nach Sarajevo. Serben, Bosniaken und Kroaten haben sich ihr angeschlossen. Diesen Samstag will die bosnisch-herzegowinische Diaspora in Wien auf die Strasse gehen und Gerechtigkeit für David einfordern.

Davids Tod mit allen Ungereimtheiten hat mittlerweile zwei Väter in ihrem tragischen Schicksal zusammengebracht: Davor Dragicevic hat sich mit Muriz Memic zusammengetan. Memics Sohn Dzenan war vor zwei Jahren unter mysteriösen Umständen umgekommen. Auch hier tat die Polizei den Tod des 22-Jährigen schnell als Unfall ab – trotz eines Autopsieberichts, der dies in Frage stellt. An den Kundgebungen halten der Serbe und der Bosnier nun Doppelporträts ihrer toten Söhne hoch. Die Botschaft: Wir alle in Bosnien und Herzegowina sind geeint in der Sorge um unsere Kinder – und in der Wut auf die korrupte Polit-Elite.

«Ich bin nur ein kleiner Fisch»

So gross wurde der öffentliche Druck, dass auch der Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, nicht mehr länger schweigen konnte. Immerhin sind Wahlen im Oktober. Dodik nahm an Davids Begräbnis teil, suspendierte das zuständige Polizeiteam und setzte eine Untersuchungskommission auf den Fall an. Das aber weckte vielerorts noch mehr Misstrauen. Wieso, fragen sich viele, beschäftigt sich der Präsident mit einem Tod, der doch «nur» ein Unfall war?

«Ich werde es wahrscheinlich nicht weit bringen, denn ich bin nur ein kleiner Fisch», heisst es im Protestsong der beliebten Band Dubioza Kolektiv. David Dragicevic hatte ihn geschrieben.

(Quelle: Youtube/Dubioza kolektiv)

Deine Meinung