Sie habe ihm Brüste und Vulva gezeigt - Student von Frau sexuell belästigt – «Ich will nicht mehr schweigen»
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Sie habe ihm Brüste und Vulva gezeigtStudent von Frau sexuell belästigt – «Ich will nicht mehr schweigen»

Eine Frau belästigt René Fischer (24) im Ausgang sexuell: Sie leckt ihm das Gesicht ab und entblösst ihr Geschlechtsteil. Auf Tiktok lässt der Student Luft ab – und geht damit viral.

von
Gabriela Graber
Zora Schaad

«Ich war in Baden im Ausgang. Plötzlich kam vor dem Eingang des Clubs eine Frau auf mich zu, leckte mir das Gesicht ab, zog sich aus und zeigte mir ihre Vulva», erzählt Tiktoker René Fischer im Video.

Tiktok/@reneblue

Darum gehts

  • Eine Frau belästigt René Fischer (24) vor einem Club sexuell.

  • Auf Tiktok lässt er Dampf ab. Das Video bewegt: Innerhalb von zwei Tagen hat es über 60’000 Views.

  • Mit dem Video möchte Fischer enttabuisieren.

  • Es sei schwierig einzuschätzen, wie oft sexuelle Belästigung bei Männern geschehe, sagt Markus Theunert, Leiter von Männer.ch.

«Die Dame hat mein Gesicht abgeleckt, mir ihre Brüste und ihre Vulva gezeigt und mir gesagt, dass sie genau wisse, dass ich mit ihr auf die Toilette wolle», erzählt René Fischer (24) in einem Video auf Tiktok. Darin beschreibt er, wie ihn eine Frau im Eingang eines Clubs sexuell belästigt habe. Das Video schlägt hohe Wellen: Innerhalb von wenigen Stunden wird es fast 360 Mal kommentiert, zwei Tage später hat es über 60’000 Views.

«Gegen aussen bin ich ruhig geblieben – innerlich fühlte ich mich überfordert»

20 Minuten erzählt er von dem Vorfall: «Ich war in Baden im Ausgang. Plötzlich kam vor dem Eingang des Clubs eine Frau auf mich zu, leckte mir das das Gesicht ab, zog sich aus und zeigte mir ihre Vulva.» Er habe die Frau flüchtig gekannt und sie sei alkoholisiert gewesen – trotzdem sei dies keine Entschuldigung. Die Frau wisse, dass er in einer Beziehung sei – und dennoch habe sie nicht locker gelassen. «Gegen aussen bin ich ruhig geblieben und habe ihr gesagt, dass sie das bleiben lassen solle – doch innerlich fühlte ich mich überfordert», so Fischer. Er sei danach trotzdem feiern gegangen, doch am nächsten Morgen habe er gemerkt, dass er sich bei dem Gedanken an die Situation sehr unwohl fühlte. Laut Markus Theunert, Gesamtleiter von Männer.ch (siehe Interview) ist es typisch, dass Männer bei sexueller Belästigung ihre eigenen Grenzen missachten und es verpassen, klar Nein zu sagen. «Wenn die Frau Herrn Fischer tatsächlich ihre Vulva gezeigt hat, ohne von seinem Einverständnis ausgehen zu können, ist das im Minimum eine sexuelle Belästigung. So etwas ist auch strafrechtlich relevant», sagt der oberste Schweizer Männer-Lobbyist.

Weil ihm der Vorfall keine Ruhe liess, nahm Fischer am nächsten Tag seinen Mut zusammen und meldete sich bei der Frau. «Ich habe ihr dargelegt, wie ich mich fühle und gesagt, dass sie so etwas nie wieder tun solle. Sie schämt sich – und hat sich meine Worte zu Herzen genommen», erzählt Fischer. «Ich habe mich daraufhin gegen eine Anzeige bei der Polizei entschieden.»

Auch ausserhalb von Tiktok redet René Fischer über Tabus: In seinem Podcast «Chopfsalat» thematisiert er unter anderem seine Haartransplantation.

Auch ausserhalb von Tiktok redet René Fischer über Tabus: In seinem Podcast «Chopfsalat» thematisiert er unter anderem seine Haartransplantation.

Privat

«Es f* mich up, dass man in der Schweiz nicht darüber redet»

Dank dem Gespräch mit der Übergriffigen habe Fischer den Vorfall schnell verarbeitet – «aber das gelingt nicht allen. Und es f* mich up, dass man in der Schweiz nicht über sexuelle Belästigung von Männern redet.» Weil man zu viel Angst vor den Urteilen der anderen habe, werde das Thema totgeschwiegen. «Ein Grund ist auch, dass wir Männer das Gefühl haben, wir müssen immer stark sein oder sexuelle Handlungen immer geil finden», so Fischer. Sexuelle Belästigung durch Frauen sei viel verbreiteter, als man denke: letztes Wochenende habe er schon seinen dritten sexuellen Übergriff erlebt. «Dieses Mal wollte ich nicht mehr schweigen! Die vielen Reaktionen auf mein Video zeigen, wie sehr das Thema die Leute bewegt. Viele sind schockiert, zu erfahren, dass es so etwas überhaupt gibt.» Er habe im Internet schon Videos von Frauen gesehen, die von ihren Erlebnissen zu sexuellen Übergriffen erzählten, von Männern jedoch noch nie.

Die Reaktionen auf den Clip seien fast durchwegs positiv: «Stark, dass du darüber redest!», «Danke fürs darüber Reden und Enttabuisieren», «So ein wichtiges Video», schreiben Tiktok-User*innen. Manche hätten ihn persönlich angeschrieben und ihm von ähnlichen Erlebnissen erzählt. Mit dem Video will er das Thema enttabuisieren. «Nur dadurch können Männer, die Übergriffe erfahren, solche schneller einordnen und entsprechend reagieren.»

Bist du ein Mann und wurdest ebenfalls sexuell belästigt? Dann melde dich hier via Formular bei uns.

«Opfer zu sein, beisst sich mit dem Konzept des Mann-Seins»

Markus Theunert ist Gesamtleiter von Männer.ch 

Markus Theunert ist Gesamtleiter von Männer.ch

Privat

Herr Theunert, was sagen Sie zum Fall von Herrn Fischer?

Wenn die Frau Herrn Fischer tatsächlich ihre Vulva gezeigt hat, ohne von seinem Einverständnis ausgehen zu können, ist das im Minimum eine sexuelle Belästigung. So etwas ist auch strafrechtlich relevant.

Wo beginnt sexuelle Belästigung?

Das Strafrecht formuliert keinen Katalog strafbarer Handlungen. Klar ist: Es braucht keinen physischen Kontakt. Auch Blicke, Gesten und Worte könnten belästigen. Die Grenze lässt sich aber nicht ohne Berücksichtigung des Kontexts ziehen: Was in einer Konstellation – beispielsweise ein Kompliment über das Aussehen – voll o. k. ist, kann in einer anderen Situation total grenzverletzend sein.

Passiert es oft, dass Männer sexuell belästigt werden?

Das ist sehr schwierig einzuschätzen. Ich kenne keine zuverlässigen Zahlen zu sexueller Belästigung von Männern im öffentlichen Raum. In unseren Beratungen ist das zwar selten, aber doch hin und wieder ein Thema. Ich habe den subjektiven Eindruck, es sei häufiger als noch vor ein paar Jahren. Es ist aber auch gut möglich, dass einfach die Schwelle sinkt, um das Tabu anzusprechen. Sicher müssen männliche Opfererfahrungen in jedem einzelnen Fall ernst genommen werden. Gleichzeitig müssen wir die Relationen wahren: Die Gefährdung von Männern steht in keinem Verhältnis zur Gefährdung von Frauen im öffentlichen Raum.

Das Thema wird verschwiegen – auch Herr Fischer redet von einem «Tabu». Wieso ist das so?

Wenn Männer Opfer werden, stossen sie auf ein Grundproblem: Opfer zu sein, beisst sich mit dem Konzept des Mann-Seins. Männlichkeitsnormen sagen: «Ein richtiger Mann ist stark und wird kein OpferDeshalb ist es für Männer oft schwierig, Übergriffe überhaupt wahrzunehmen und erst recht sie zu problematisieren. Ein weiteres Problem ist, dass die Denkweise «Männer können und wollen immer Sex haben» fest in unseren Köpfen verankert ist. Das sorgt dafür, dass Männer ihre eigenen Grenzen missachten und zögern, Nein zu sagen, wenn ihnen etwas zu weit geht.

Was muss getan werden?

In erster Linie muss darüber gesprochen werden. Wir sollten Jungen und Männern aufzeigen, wie unrealistisch solche Männlichkeitsnormen und -ideale sind. Dazu müssten spezifische Angebote für Buben zum Standard in der Schule werden, in denen sie lernen können, sich kritisch mit Männlichkeit auseinanderzusetzen und ein positives Selbstbild zu entwickeln.

Was empfehlen Sie Männern, die sexuell belästigt werden?

Im Moment der Belästigung selber sollte man unmissverständlich Stopp sagen und aus der Situation ausbrechen. Falls es Zeuginnen und Zeugen gibt, deren Kontaktdaten aufnehmen. Weiter ist es wichtig, möglichst bald ein Erinnerungsprotokoll anzufertigen. Und dann in Ruhe – auch im Gespräch mit Vertrauten – überlegen, ob es weitere Schritte, beispielsweise eine Anzeige, braucht. Und dann Unterstützung suchen: im Umfeld oder, wenn nötig, bei Fachstellen. Wenn ein Betroffener feststellt, dass ihn die Belästigung belastet, sollte er dem eigenen Empfinden vertrauen, statt das Leiden «aussitzen» zu wollen. Auch wenn der Vorfall vielleicht von Aussen geringfügig wirkt: Es ist wichtig, aktiv zu werden und sich Hilfe zu suchen.

Wirst du oder wird jemand, den du kennst, sexuell belästigt?

Hier findest du Hilfe:

Belästigt.ch, Onlineberatung bei sexueller Belästigung am Arbeitsplatz

Verzeichnis von Anlaufstellen

Beratungsstellen der Opferhilfe Schweiz

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