05.06.2020 10:06

Distance-Learning

Studenten drohen auch im Herbst Online-Vorlesungen

Trotz Corona-Lockerungen prüfen Schweizer Hochschulen auch im Herbst Online-Kurse. Die Studenten sehen das jedoch kritisch.

von
Claudius Seemann
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Obwohl in der Schweiz die Corona-Massnahmen und die Zugangsbeschränkungen bei Unis gelockert werden, prüfen auch die hiesigen Hochschulen, im Herbst Online-Vorlesungen durchzuführen.

Obwohl in der Schweiz die Corona-Massnahmen und die Zugangsbeschränkungen bei Unis gelockert werden, prüfen auch die hiesigen Hochschulen, im Herbst Online-Vorlesungen durchzuführen.

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«Es wird geprüft, welche der Vorlesungen mit grosser Teilnehmendenzahl weiterhin digital angeboten werden können», sagt Matthias Geering, Sprecher der Uni Basel. Dabei prüfe man beide Varianten – nur digital oder eine Mischform.

«Es wird geprüft, welche der Vorlesungen mit grosser Teilnehmendenzahl weiterhin digital angeboten werden können», sagt Matthias Geering, Sprecher der Uni Basel. Dabei prüfe man beide Varianten – nur digital oder eine Mischform.

KEYSTONE/DPA/Sebastian Gollnow
Bei der Universität Zürich heisst es, dass aufgrund der gewonnenen Erfahrungen noch genauer geprüft werde, wo der Einsatz digitaler Technologien einen Mehrwert aufweise. Allerdings sei es noch zu früh, Aussagen für das Herbstsemester zu machen.

Bei der Universität Zürich heisst es, dass aufgrund der gewonnenen Erfahrungen noch genauer geprüft werde, wo der Einsatz digitaler Technologien einen Mehrwert aufweise. Allerdings sei es noch zu früh, Aussagen für das Herbstsemester zu machen.

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Darum gehts

  • Hochschulen in der Schweiz prüfen, ob sie auch im Herbst Online-Vorlesungen durchführen wollen.
  • Man prüft zum Beispiel rein digitale Veranstaltungen oder auch Mischformen.
  • Die Studentin Lea Schenker sieht das kritisch, weil bei Online-Vorlesungen der soziale Austausch nicht ganz gegeben ist.

Der Lockdown zwang die Studenten, dem Professor zu Hause am PC zuzuhören statt im überfüllten Uni-Hörsaal. Die Harvard University will diese Praxis weiterziehen: Auch im Herbstsemester will man auf den Online-Unterricht setzen, wie die dortige Studentenzeitung am Mittwoch mitteilte. Die «Harvard Graduate School of Education» will die Studenten sogar während des gesamten akademischen Jahres 2020/21 online unterrichten.

Obwohl in der Schweiz die Corona-Massnahmen und die Zugangsbeschränkungen bei Unis gelockert werden, prüfen auch die hiesigen Hochschulen, im Herbst Online-Vorlesungen durchzuführen.

Uni Basel prüft rein digitale Vorlesungen

An der Universität Basel geht man davon aus, dass die Hygiene- und Abstandsregeln sowie das Contact-Tracing auch noch im Herbstsemester gelten werden. «Es wird daher geprüft, welche der Vorlesungen mit grosser Teilnehmendenzahl weiterhin digital angeboten werden können», sagt Sprecher Matthias Geering. Dabei prüfe man beide Varianten – nur digital oder eine Mischform. Entschieden wird dies laut Geering im Laufe dieses Monats.

«Auch bei kleineren Vorlesungen wird geprüft, ob neben dem Präsenzunterricht auch eine digitale Version angeboten wird.» Laut Geering haben es die Studenten in den letzten Monaten geschätzt, dass die Universität den Unterricht in kürzester Zeit auf online umgestellt hat. «So hat niemand ein Semester verloren.»

Bei der Universität Zürich will man aufgrund der gewonnenen Erfahrungen noch genauer prüfen, wo der Einsatz digitaler Technologien einen Mehrwert aufweist. Allerdings sei es noch zu früh, Aussagen für das Herbstsemester zu machen. Ähnlich tönt es bei der ETH, die diesbezüglich Mitte Juni kommunizieren will.

«Entlastung der Infrastruktur»

Die Pädagogische Hochschule Zürich (PH) entwickelt laut Rektor Heinz Rhyn Konzepte, um den Studienbetrieb über eine längere Zeit – auch im Herbstsemester – im Distance-Learning-Betrieb aufrechterhalten zu können. «Wir wollen die positiven Erfahrungen, die wir in den letzten Wochen und Monaten gemacht haben, in Zukunft weiterführen. Der Fernunterricht bietet eine Entlastung für die Infrastruktur unserer Hochschule», so Rhyn.

Eine Mischform von Präsenz- und Fernunterricht sei daher eine naheliegende Möglichkeit, die geprüft werde. Den Präsenzunterricht ganz zu streichen, sei allerdings keine Option. «So können Fächer wie ‹Textiles und technisches Gestalten› oder auch Sport nicht digital durchgeführt werden.»

Auch bei der Fachhochschule Ostschweiz hält man es für denkbar, dass es im Herbstsemester eine Mischform von Präsenz- und Online-Unterricht geben könnte. «Bereits vor der Corona-Krise haben wir als Hochschule eine Digitalisierungsstrategie vorangetrieben, deren Umsetzung durch die Corona-Krise beschleunigt wurde.» Man lege aber grossen Wert auf einen Austausch zwischen Studierenden untereinander; das Präsenz-Setting sei ebenso zentral.

«Kaffeepausen und Austausch fehlen»

Lea Schlenker (28), Studentin der Wirtschaftspsychologie und Co-Präsidentin des Verbands der Schweizer Studierendenschaften (VSS), ist zwar nicht gegen eine Weiterführung von Online-Veranstaltungen. Eine allfällige Online-Offensive sieht sie aber kritisch: «Den meisten Studenten fehlen so der soziale Austausch und die Kaffeepausen zwischen den Vorlesungen. Auch ich vermisse sie», so die Studentin aus Bern. «Wenn man zu Hause an einer Vorlesung teilnimmt, ist es nicht das gleiche Gefühl wie im Hörsaal. Allein im Zimmer fühlt man sich fast so, wie wenn man gar nicht studiert.»

Laut Schlenker sind auch Selbstdisziplin und Konzentration ein Problem beim Lernen aus der Distanz. «Es gibt Studenten, die sich daheim nicht gut konzentrieren können, weil sie zum Beispiel in einer WG mit vielen Leuten leben.» Schlenker unterstützt daher, wenn schweizweit alle Lesesäle der Bibliotheken möglichst bald wieder geöffnet werden. «So kann man sich zum Lernen wieder dorthin begeben, sich mit anderen treffen und austauschen.»

«Eigenverantwortung wird gefördert»

Das Lernen daheim bietet laut Heinz Rhyn, Rektor der PH Zürich, jedoch auch Vorteile. So könnten Studierende im Distance-Learning-Betrieb ihr Studium zeitlich unabhängiger gestalten. «Dies trägt zur Förderung der Eigenverantwortung bei. Ausserdem eignen sich die Studierenden zusätzliche Kompetenzen im Umgang mit digitalen Lehr- und Lernformen an.» Davon könnten die Studierenden in der späteren Berufspraxis profitieren. Allerdings fehlten beim Fernlernen Möglichkeiten für kritische Diskussionen, so Heinz Rhyn: «Die Wissensaneignung ist auch ein sozialer Prozess.»

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125 Kommentare
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Martin

05.06.2020, 13:30

Ich studiere sowieso schon komplett online. Ist viel besser da man online viel aktiver lernt als mit passiven Vorlesungen und viel Papier. Dazu spart man noch 2-3 Stunden Weg und Spesen, kann seine Zeit frei einteilen und lernt selbst Verantwortung zu übernehmen für sein Studium. Kann es sehr empfehlen für ernsthafte Studenten.

Stu Dent

05.06.2020, 13:29

Nein Problem. Studiengebühren runter setzen für das nächste Semester und gut ist. Oder für was soll denn das Geld sonst benötigt werden?

Luna

05.06.2020, 13:26

Spannend, dass viele die Zeit mit weniger sozialen Kontakten als belastend empfanden. Ich für meinen Teil kann sagen: keine Menschen, keine Probleme. Alles lief entspannt und ohne Ärger. Ich bin jetzt schon traurig, dass es bald vorbei ist.