Gegen AKP-Rektor : Studenten protestieren – das ist Erdogans Antwort
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Gegen AKP-Rektor Studenten protestieren – das ist Erdogans Antwort

In Istanbul und darüber hinaus protestieren Studierende seit einem Monat gegen den neuen Rektor der renommierten Boğaziçi-Universität. Die türkische Regierung kämpft gegen sie mit harten Bandagen.

von
Ann Guenter
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«Das Bezeichnende an der Situation an der Boğaziçi-Universität ist, dass uniformierte Polizisten auf dem Universitätsgelände präsent sind und der Eingang der Universität mit Handschellen verschlossen wurde.»

«Das Bezeichnende an der Situation an der Boğaziçi-Universität ist, dass uniformierte Polizisten auf dem Universitätsgelände präsent sind und der Eingang der Universität mit Handschellen verschlossen wurde.»

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Polizisten feuern am 2. Februar im Kadikoy-Distrikt in Istanbul Tränengas auf Demonstrierende. 

Polizisten feuern am 2. Februar im Kadikoy-Distrikt in Istanbul Tränengas auf Demonstrierende.

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Studierende der international renommierten Boğaziçi-Universität, ein Zentrum auch für Feminismus und der LGBT-Bewegung in der Türkei, protestieren gegen den neuen Rektor der Uni. 

Studierende der international renommierten Boğaziçi-Universität, ein Zentrum auch für Feminismus und der LGBT-Bewegung in der Türkei, protestieren gegen den neuen Rektor der Uni.

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Stellen wir uns das hypothetisch vor: An der Universität Zürich setzt Bern einen konservativen, strenggläubigen, queerfeindlichen Politiker als neuen Rektor ein. Der Rektor, die Medien und die Landesregierung beschimpfen diejenigen, die dagegen protestieren, als «Terroristen» und «Perverse» und «Schlangen, deren Kopf man zermalmen muss». Hunderte werden verhaftet. An der Uni wird derweil ein Verbot der offiziellen LGBT+-Studierendengruppe erlassen.

Das für uns in mehrfacher Hinsicht kaum imaginable Szenario ist für die Studenten und Studentinnen der Istanbuler Boğaziçi-Universität seit Tagen und Wochen Realität. Eine Studierende berichtet vom Campus der Bosporus-Uni: «Mein Gefühl ist, dass die Menschen in der Türkei sehr wenig darüber wissen, was gerade passiert. Die Medien berichten kaum. Meine Mitstudierenden und ich, wir haben vor allem Angst. Angst, jeden Moment verhaftet zu werden, auch zu Hause».

Der Hintergrund in 7 Punkten:

Zur Boğaziçi-Universität

Die Bosporus-Universität ist seit Jahrzehnten eine Bastion der liberalen, demokratischen Türkei mit auch international exzellentem Ruf. Wichtige intellektuelle Auseinandersetzungen, wie zum Beispiel über den Völkermord an den Armeniern, wurden dort öffentlich geführt. Die Boğaziçi gilt zudem als Zentrum für Feminismus und der LGBT-Bewegung in der Türkei.

Letztes Jahr ernannte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan entgegen des Willens von Professoren, Lehrkräften und Studierenden Melih Bulut zum Rektor. Dem konservativen islamischen Lager mit Präsident Erdogan an der Spitze sei die Boğaziçi schon lange ein Dorn im Auge gewesen, heisst es.

Schon mit dem Ausnahmezustand nach dem Putschversuch 2016 wurde den Hochschulen das Recht entzogen, ihre Führung selbst zu wählen.

Der umstrittene Rektor

Melih Bulut (51) hatte zuvor noch nie an der Boğaziçi-Universität als Professor gelehrt, als Wissenschaftler ist er laut «Deutschlandfunk» mit massiven Plagiatsvorwürfen konfrontiert. Bulut wollte mehrmals für die Regierungspartei AKP kandidieren, bevor ihn Erdogan mit der Leitung einer der besten Unis des Landes beauftragte.

Bulut ist sowohl Akademiker als auch Politiker: stramm konservativer Finanzwissenschaftler und Mitgründer der Istanbuler AKP. Er stehe als Rektor «der Tradition der Universität diametral gegenüber», so die «TAZ».

Der neue Leiter verbietet an der Uni mittlerweile die offizielle Community für LGBT+-Studierende, Studentenwohnheime und selbst die Wohnheim-Kantinen sind Studierenden zufolge nach Geschlecht getrennt.

Reaktionen der Studierenden

Gegen die Besetzung des neuen Rektors gehen die Studierenden der Bosporus-Universität und anderen Unis im Land seit rund einem Monat auf die Strasse. Die Polizei geht mit grosser Härte gegen diese Proteste vor.

Auch die Lehrkräfte der Boğaziçi-Uni demonstrieren schweigend auf dem Campus und kehren dem Rektorat dabei den Rücken zu. Berichtet wird auch, dass mittlerweile jeden Abend zu Beginn der coronabedingten nächtlichen Ausgangssperre Menschen in Istanbul und anderen Städten an ihre Fenster treten und Solidarität mit den Protesten bekunden, in dem sie auf Töpfe oder Pfannen schlagen und klatschen.

Eindrückliche Zitate

«Das Bezeichnende an der Situation an der Boğaziçi-Universität ist, dass uniformierte Polizisten auf dem Universitätsgelände präsent sind und der Eingang der Universität mit Handschellen verschlossen wurde.»

Student der Uni Yıldız. Er wurde laut der kurdischen Nachrichtenagentur ANF wegen seiner Teilnahmen an Protesten mit einer Ausreisesperre belegt.

«Die Ernennung eines Rektors an eine Universität durch eine politische Behörde bedeutet, dass die Akademie und das soziale Leben auf dem Campus unter Druck stehen. Wir wissen, dass Frauen, LGBTs und Studenten mit bestimmter ethnischer Zugehörigkeit am stärksten betroffen seien werden.»

Ebru, Studentin auf «Deutsche Welle».

«Als türkische Frauen beugen wir uns im Jahr 2021 nicht solcher Rückschrittlichkeit! Wir wollen modern leben!»

Studentin der Boğaziçi-Universität zu «Deutschlandfunk».

«Meine grösste Angst gerade ist, dass Bulut unsere Professorinnen und Professoren feuert und AKP-Leute in Leitungspositionen an die Boğaziçi holt. Es würde den Geist dieser Uni nachhaltig verändern.»

Absolventin der Bosporus-Universität zu Spiegel.de.

«Meine Freunde und ich haben unsere Social-Media-Accounts geschlossen, weil wir Angst haben, verhaftet zu werden».

Studentin der Boğaziçi-Universität zu «Deutschlandfunk».

«Kommilitonen wurden an Bushaltestellen auf dem Weg zur Uni festgenommen».

Studierende aus Istanbul, die sich laut Nachrichtenagentur DPA nur noch per Taxi bewegen.

Was fordern die Studierenden der Boğaziçi?

Die Studenten betonen immer wieder, ihr Anliegen sei einzig der Rücktritt des neuen Rektors und demokratische Wahlen – und seit den jüngsten Festnahmen und Verhaftungen nun auch die Freilassung «unserer Freunde». Rektor Bulut sehen sie als «Zwangsverwalter», in Anlehnung an die Zwangsverwalter, die Erdogan in AKP-kritischen Kommunen einsetzen liess.

Bulut denkt nach eigenen Worten «keinesfalls» an einen Rücktritt. Auch die Studenten wollen protestieren, bis ihre Forderungen erfüllt sind.

Was sagt Erdogan?

Der türkische Präsident nennt die Demonstrierenden seit Beginn «Terroristen» und zweifelt öffentlich daran, dass es sich um Studierende handelt. Man werde niemals zulassen, dass in der Türkei Terroristen herrschten und das Nötige tun. «Dieses Land wird keinen Gezi-Aufstand mehr in Taksim erleben.» Er nimmt damit Bezug auf die regierungskritischen Gezi-Proteste von 2013, die brutal niedergeschlagen wurden.

Hat Erdogan so Erfolg?

Auch wenn viele weiterhin auf die Strasse gehen und in sozialen Medien weiter zu Protesten aufgerufen wird: Die Abschreckung wirkt. Seit Anfang Januar wurden im Zusammenhang mit den Protesten über 500 Menschen in 38 Provinzen festgenommen, zehn inhaftiert und 24 unter Hausarrest gesetzt. Die Istanbuler Polizei führt Razzien in Wohnungen von Studenten durch, die Social-Media-Kanäle von Kritikern werden durchforstet und überwacht (siehe Box).

Die Demonstranten organisieren sich vorerst noch weiter über die sozialen Netzwerke, wo zahlreiche Videos brutaler Polizeieinsätze auf dem Campus der Boğaziçi-Universität zu finden sind . Auf Twitter gingen die Hashtags #KabulEtmiyoruzVazgecmiyoruz (»Das akzeptieren wir nicht, wir lassen nicht nach») und #BogaziciDireniyor (»Boğaziçi leistet Wiederstand») viral.

Die Opposition hat sich den Protesten angeschlossen. Kemal Kilicdaroglu, Vorsitzender der grössten Oppositionspartei CHP, Kemal Kilicdaroglu, beklagt das Aushöhlen der akademischen Autonomie, während der Oberbürgermeister von Istanbul, Ekrem Imamoglu von der CHP, vor einem «brain drain» warnt. Die Abwanderung hochqualifizierter Fachkräfte hat Beobachtern längst eingesetzt. «Dozenten und Professoren suchen sich in Europa neue Jobs suchen», so etwa der Journalist Rusen Cakir. Er rechnet damit, dass sich der «brain drain» aus der Türkei ins Ausland weiter verstärken wird.

Verhaftet wegen Twitter-Account

1 Mio. Handynummern auf 2 Ziffern

In der Türkei sorgt die Festnahme einer Studentin wegen eines Twitter-Kontos in Zusammenhang mit den jüngsten Studentenprotesten für Aufsehen. Sie sei wegen Aufhetzung zu Hass und Feindseligkeit und Anstiftung zur Straftat verhaftet worden, sagte ihr Anwalt. Die Studentin bestreitet demnach, einen Twitter-Account zu betreiben, von dem die fraglichen Tweets veröffentlicht wurden. Auf Twitter forderten Nutzer unter dem Hashtag #BeyzayiSerbestBirakin die Freilassung der Studentin.

Der Anwalt der Frau kritisiert besonders die Art und Weise der Beweisführung: Die Polizei habe versucht, das Passwort ihres Twitter-Accounts zurückzusetzen. Daraufhin seien die letzten beiden Stellen einer sonst verschlüsselten Telefonnummer angezeigt worden. Weil sich diese Ziffern mit denen in der Nummer der nun Verhafteten deckten, sei sie ins Visier der Ermittler geraten. Dabei gebe es in der Türkei mehr als eine Million Nummern, die mit diesen beiden Zahlen endeten. Die Verhaftete habe früher Zugriff auf den Account gehabt, mit Tweets in Zusammenhang mit den Protesten habe sie aber nichts zu tun. (DPA)

Deine Meinung

69 Kommentare
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LM AA

11.02.2021, 19:45

Hand aufs Herz. Weiss jetzt einer von Euch Kommentaren, was die oben beschriebene Antwort Erdogans gewesen sei.

Warum ist die Türkei so Medienpräsent

11.02.2021, 17:02

Wieso meldet ihr nicht die Situationen in Frankreich, Belgien, Niederlande, etc...? Warum immer die Türkei???

Nick3

11.02.2021, 11:12

Man wollte ihn nun hat man ihn war doch klar das das kommt jede diktatur will das bildungsystem kontrollieren das ist nur der anfang da kommt noch mehr aber ihr wolltet ihn ja also heult leise