Aktualisiert 07.10.2014 11:49

Trotz WohnungsnotStudenten verschmähen Villa in der Agglo

Viele Studenten wohnen lieber in einem Bunker in der Stadt als in einem Luxusanwesen auf dem Land. Dies verschärft die Wohnungsnot noch zusätzlich.

von
J. Büchi

Die Nachricht, dass ETH-Studenten in Luftschutzkellern wohnen, weil sie auf dem freien Markt kein Zuhause finden, schreckte auf: «Eigentlich möchte ich nicht hier im Untergrund wohnen», sagte einer der «Bunker-Studis» kürzlich zu 20 Minuten. Ein anderer klagte, das Licht und die Luft im Bunker seien «nicht gut». Die Wohnungsnot schien ein neues, bisher unbekanntes Ausmass erreicht zu haben.

Bei genauerem Hinsehen zeigt sich aber: Die meisten Studenten könnten durchaus eine Wohnung haben - wäre da nicht der Anspruch, dass diese mitten in der Stadt sein muss. Eine Vermieterin aus Hettlingen (ZH) hat einen der Bunkerbewohner in einem Medienbericht wiedererkannt. Wie der «Landbote» berichtet, hatte derselbe Student einen Besichtigungstermin bei ihr platzen lassen. «Was diese Studenten wollen, ist mir ein Rätsel», sagt die Frau zur Zeitung.

Kein Interesse an Villa

Kein Einzelfall: Studentische Wohnungsvermittlungen in der ganzen Schweiz bestätigen, Wohnungen, die nicht direkt im Stadtzentrum lägen, seien schwer zu vermitteln. Ein Beispiel illustriert dies besonders deutlich: Der Verein Studentische Wohnungsvermittlung (Wove) in Basel hat derzeit eine 12-Zimmer-Parkvilla im Angebot, in der schon für unter 500 Franken ein Zimmer zu haben ist. Das Tram hält direkt vor dem Anwesen in Aesch und bringt die Studenten in ungefähr 40 Minuten zur Fachhochschule. Trotzdem interessiert sich bislang kaum jemand für das Objekt.

«Aus Sicht der Studenten ist alles, was nicht direkt im Stadtkern ist, ab vom Schuss», bedauert Wove-Sprecher Chaim Howald. Grund dafür sei wohl das Bild, das viele vom Studentenleben haben: «Wer den Schritt aus dem Elternhaus wagt, will in die grosse Stadt.» In einen Vorort zu ziehen, sei für sie keine Option. «Da bleiben viele noch lieber bei den Eltern im Berner Oberland und nehmen täglich lange Pendelwege auf sich.»

Wohnungsknappheit verschärft sich

Barbara Kurland von der Wohnungsvermittlung von ETH und Uni Zürich bestätigt: «Alle Studenten möchten am liebsten in Gehdistanz zum Hörsaal wohnen.» Das gleiche Bild präsentiert sich auch in Bern, wie es bei der zuständigen Wohnungsvermittlung auf Anfrage heisst. Eine günstige Wohnung in der Länggasse sei die Wunschvorstellung vieler Studierender.

Die Wohnungsknappheit in den Städten verschärft sich so zusätzlich. Kurland versucht deshalb regelmässig, den Studenten das Wohnen im Umland schmackhaft zu machen. «Oft ist man mit der S-Bahn genauso schnell an der Uni, wie wenn man mit dem Tram durch ganz Zürich fahren muss.»

«Gesellschaftliche Herausforderung»

Dieselben Abwägungen finden auch auf dem allgemeinen Wohnungsmarkt statt. Der Direktor des Hauseigentümerverbands kritisierte erst kürzlich: «Das Problem ist nicht, dass es zu wenige freie Wohnungen gibt, sondern, dass alle zentral wohnen wollen.» Hans Killer (SVP), Präsident der nationalrätlichen Kommission für Raumplanung, spricht von einer gesamtgesellschaftlichen Herausforderung: «Wenn wir den Wohnungsmarkt in den Städten nicht komplett austrocknen wollen, müssen wir zwingend wieder stärker auf den Wohnraum im Umland setzen.»

Für Killer ist klar: Wer um jeden Preis eine Wohnung in der Stadt sucht, muss auch gewisse Schwierigkeiten in Kauf nehmen. Insbesondere Studenten rät er, ihre Ansprüche herunterzuschrauben. «Man kann nicht möglichst günstig und gleichzeitig möglichst urban wohnen wollen, da muss man realistisch sein.»

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.