Sturm der Entrüstung nach Papst-Äusserung
Aktualisiert

Sturm der Entrüstung nach Papst-Äusserung

Mit einem Entrüstungssturm, der Erinnerungen an den Streit um die Mohammed-Karikaturen weckt, haben Muslime in aller Welt auf die Äusserungen von Papst Benedikt XVI. zum Islam reagiert. Im Gazastreifen wurde ein Sprengsatz vor einer Kirche gezündet.

Papst Benedikt XVI. ist noch nicht in Rom gelandet, da bricht die Welle der Empörung los. Es begann in der Türkei: Der Papst werde als negative Figur in die Geschichte eingehen wie Hitler und Mussolini, hiess es. In verschiedenen Ländern sprachen Religionsvertreter von Beleidigung und Gotteslästerung und forderten eine Entschuldigung Benedikts XVI. Die ägyptische islamische Arbeitspartei attackierte den Papst und rief zu Protesten auf. In Gaza wurde ein Sprengstoffanschlag auf eine christliche Kirche verübt.

Papst Benedikt XVI. war in Regensburg auf das moslemische Verständnis des Heiligen Kriegs eingegangen und hatte einen christlich-byzantinischen Kaiser aus dem 14. Jahrhundert zitiert: «Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.»

Wunden Punkt getroffen

Noch am Donnerstagabend hatte ein Vatikansprecher versucht, die Wogen zu glätten - vergeblich. Gut ein Jahr ist Jospeh Ratzinger im Papstamt - jetzt hat er mit seinen gelehrigen Worten einen offenen Konflikt mit dem Islam hervorgerufen.

Italienischen Vatikanexperten hatten den «wunden Punkt» in der gewundenen und etwas sperrigen Rede des ehemaligen Professor Ratzingers an der Universität Regensburg sofort erkannt. Etwas «bizarr» sei die Art und Weise, wie der Papst da mit den Muslimen umgehe, sagte Marco Politi, einer der renommierten Vatikanisten.

Die Zeitung «Corriere della Sera» argwöhnte gleich, ob es bald eine Fatwa (ein Todesurteil) islamischer Geistlicher gegen den Papst gebe. Aber noch war der Ton der Debatte eher leicht und amüsiert.

Kritik an Mohammed tabu

Das hat sich an diesem Freitag schlagartig geändert: Die grösste Organisation islamischer Staaten OIC wirft Benedikt XVI. vor, er habe eine «Verleumdungskampagne» gegen den Islam und den Propheten Mohammed losgetreten. Das Parlament in Pakistan forderte, das katholische Kirchenoberhaupt solle seine Worte zurücknehmen.

«Indem er vom Propheten Mohammed und dem Koran spricht, hat Benedikt ein Tabu verletzt», versucht die römische Zeitung «La Repubblica» zu erklären.

Zwar dürften Geistliche über die Ethik, die Friedensidee oder etwa die Familienpolitik der jeweils anderen Religion reden und dabei auch Kritik üben. «Aber niemals über die heiligen Texte und die Dogmen» der jeweils anderen Religion. Vor allem: Kritik am Propheten Mohammed sei tabu.

Tatsächlich hatte Benedikt XVI. in seiner strittigen Rede auf Koransuren verwiesen, zudem die alte «Streitaxt» des Dschihad ausgegraben, der Heilige Krieg des Islams. Gleichsam im Vorbeigehen streifte er noch die hochkomplizierte Debatte zwischen Vernunft und Glauben (sein Lieblingsthema).

Bewusste Provokation?

Doch dann zitierte er einen christlichen Herrscher aus dem Mittelalter, ausführlich - scheinbar genüsslich liess er den Mann zu Wort kommen, der vor gut 600 Jahren meinte, Mohammed habe «nur Schlechtes und Inhumanes» gebracht. War dem Professor bewusst, welche Empfindlichkeiten er da berührte?

Seit längerem gibt es Stimmen in Rom, die meinen, allein mit der Forderung nach «Dialog» komme man kaum weiter beim Thema Islam und Gewalt. «Wenn es im Namen des christlichen Gottes Anschläge wie vom 11. September gäbe, würde jeder Dorfpfarrer dagegen von der Kanzel wettern», sagte ein Insider schon vor einiger Zeit.

Soll heissen: Auch islamische Geistliche müssten Farbe bekennen. Das hatte Johannes Paul II., der kämpferische Pole, auch schon gefordert - allerdings ohne missverständliche und gelehrige Zitate aus dem Mittelalter.

(SDA/AP)

Deine Meinung