Aktualisiert 15.10.2004 07:39

Sturzflug-Piloten fliegen Bundesrat-Jet weiterhin

Der Sturzflug des Bundesratsjets vom 2. Dezember 2002 mit der damaligen Bundesrätin Ruth Metzler-Arnold an Bord ist auf Fehler der beiden Piloten zurückzuführen. Obwohl die Piloten ihre Fehler vertuschen wollten, fliegen beide den Bundesrats-Jets immer noch.

Den Piloten droht wegen eines Vertuschungsversuchs ein Strafverfahren. Der als schwer eingestufte Zwischenfall auf dem Flug von Altenrhein nach Bern ist laut dem BFU-Untersuchungsbericht darauf zurückzuführen, dass die Wölbungsklappen der «Cessna» erst eingefahren wurden, als das Flugzeug die höchstzulässige Geschwindigkeit für den Betrieb mit ausgefahrenen Landeklappen bereits überschritten hatte. Unvollständige Kommunikation und mangelnde gegenseitige Überwachung zwischen Pilot und Kopilot hatten beim Start zur falschen Einstellung der Wölbungsklappen geführt. Als der fliegende Pilot den Fehler bemerkte und korrigierte, ging der Bundesratsjet in einen Sturzflug über, weil der zu diesem Zeitpunkt eingestellte Autopilot eine Veränderung des Höhenleitwerks auslöste. Der Pilot konnte die mit einer Geschwindigkeit von über 560 Kilometern pro Stunde gegen den Boden rasende Maschine schliesslich mit der Handsteuerung auffangen.

Während diese Manövers fuhr die Besatzung die Landeklappen nochmals ein und aus, was gemäss BFU darauf hindeutet, dass sie unter Stress stand. Dem nicht fliegenden Piloten wirft der Bericht zudem vor, eine Intervention unterlassen zu haben, als das Flugzeug nach dem Start mit ausgefahrenen Landeklappen die höchstzulässige Geschwindigkeit überschritten hatte. Für die Kommunikationsprobleme - der Kopilot verstand das Kommando «flaps up» des Piloten als «flaps seven» - mitverantwortlich war ausserdem, dass die Bordverständigungsanlage im Bundesratsjet nicht funktionstüchtig war. Die beiden Piloten mussten sich deshalb ohne Kopfhörer und Mikrofongarnitur verständigen.

Der Bundesratsjet kehrte nach dem Zwischenfall auf den Flugplatz Altenrhein zurück. Alle fünf Insassen blieben unverletzt. Neben den beiden damals 40-jährigen Piloten und Bundesrätin Metzler-Arnold waren auch deren Mann und eine Flugbegleiterin an Bord. BFU-Chef Jean Overney ordnete laut dem Bericht die Besatzung umgehend an, die so genannten Circuit Braker für den Flugdatenschreiber und das Cockpit-Stimmen-Aufzeichnungsgerät zu ziehen. Dieser Anweisung wurde aber keine Folge geleistet. Die Untersuchung des Cockpit-Stimmen-Aufzeichnungsgeräts durch den Hersteller ergab zudem, dass nach der Landung in Altenrhein die Löschtaste gedrückt worden war. Wie Celestine Perissinotto, Sprecherin des Bundesamts für Zivilluftfahrt (BAZL), am Donnerstagabend in der Sendung «10 vor 10» des Deutschschweizer Fernsehens sagte, werden deshalb zurzeit strafrechtliche Schritte gegen die beiden Piloten geprüft.

Der Pilot wurde in einem Disziplinarverfahren mit einer Geldbusse bestraft und musste sich einer zusätzlichen Ausbildung unterziehen, wie Celestine Perissinotto, Sprecherin des Bundesamts für Zivilluftfahrt (BAZL), am Freitag auf Anfrage sagte. Er durfte vorübergehend keine Personenflüge mehr durchführen, erhielt nach bestandener Prüfung aber schon wenige Monate nach dem Zwischenfall vom Dezember 2002 wieder die Erlaubnis, den Bundesratsjet zu pilotieren. Im Falle des Kopiloten führte das Disziplinarverfahren laut der Sprecherin zu keinerlei Sanktionen; er wurde auch nie im Dienst suspendiert. Mit dem Disziplinarverfahren sei auch der Vertuschungsversuch an den Flugaufzeichnungsgeräten abgeschlossen, sagte Perissinotto. Die beiden 42-jährigen Piloten sind beim Lufttransportdienst des Bundes angestellt. Noch offen ist, ob der Zwischenfall ein Strafverfahren zur Folge haben wird. Das BAZL prüfe zurzeit, ob bei der Bundesanwaltschaft eine Strafanzeige eingereicht werde, sagte die Sprecherin. (dapd)

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