Stundenlang online : Süchtige sind selbst im Schlaflabor auf Whatsapp

Aktualisiert

Stundenlang online Süchtige sind selbst im Schlaflabor auf Whatsapp

Schlafkliniken behandeln vermehrt junge Patienten. Weil sie nachts stundenlang am Handy hängen, haben sie das Schlafen verlernt.

von
B. Zanni
Zahlreiche Teenager kämpfen mit Schlafproblemen. Grund dafür ist, dass sie nachts nicht die Finger vom Handy lassen können.

Zahlreiche Teenager kämpfen mit Schlafproblemen. Grund dafür ist, dass sie nachts nicht die Finger vom Handy lassen können.

Sapozhnik

Nachts passiert in der Klinik für Schlafmedizin manchmal Verbotenes: Es klingelt und vibriert. Das Handy gemäss den Vorschriften im Schlaflabor auszuschalten, fällt einigen Patienten zu schwer. Grosse Anziehungskraft übt das Handy auch auf Patienten in der Seeklinik Brunnen aus. Einige kontaktierten die Klinik mit einem komplett durcheinandergeratenen Schlaf-Wach-Rhythmus. Ihr gesamtes Leben spielt sich im Netz ab – das Schlafen in der Nacht haben sie verlernt.

So pflegen die Patienten soziale Kontakte nur noch über Chats und E-Mails. Dem Besuch von Vorlesungen an der Uni ziehen sie Podcasts vor. Dazu surfen die jungen Menschen rund um die Uhr in Online-Shops. «Sie sind ständig müde und können am realen Leben nicht mehr teilnehmen», sagt Eva Birrer, Leiterin Schlafmedizin und Therapien an der Seeklinik Brunnen.

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Starke Zunahme bei jungen Patienten

Wegen des nächtlichen Handykonsums landen immer mehr Menschen in Schlafkliniken. Bei den 12- bis 25-Jährigen stieg in der Klinik für Schlafmedizin KSM zwischen 2014 und 2017 die Zahl neu eingewiesener Patienten von rund 50 auf rund 60. «Allein in diesem Jahr verzeichnen wir in vier Monaten bereits 20 neue Patienten», sagt Maila Baumann, Marketingverantwortliche der Klinik für Schlafmedizin KSM. Oft litten die Patienten aufgrund des Handykonsums an Ein- oder Durchschlafstörungen, führt Somnologin Katharina Stingelin aus.

Auch Eva Birrer von der Seeklinik Brunnen sagt: «Wir sind eine ‹Always on›-Gesellschaft geworden. Seit ein paar Jahren behandeln wir vermehrt Patienten mit Schlafproblemen, weil sie glauben, auch nachts die Kontrolle über ihr Handy haben zu müssen.» Ähnliche Befunde macht eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften von 2016. Laut dieser fühlt sich die Hälfte der Schweizer Jugendlichen unter der Woche zu wenig erholt. Die Forscher machten dafür unter anderem den Handykonsum verantwortlich.

«Teenager haben Angst, nicht mehr dazuzugehören»

Insbesondere junge Patienten schütten sich laut Katharina Stingelin vor dem Zubettgehen oder nachts stundenlang mit Youtube-Filmen und Social-Media-Nachrichten zu. «Sich ins Bett legen und einfach leere Gedanken zu haben, können sie nicht mehr.»

Teenager raubten sich damit oft den Schlaf, weil sie unter Druck stünden. Stingelin: «Sie haben Angst, bei ihren Freunden am nächsten Tag nicht mehr dazuzugehören, waren sie nicht wie die anderen bis um zwei Uhr morgens online.» Nur fünf Stunden Schlaf oder selten sogar Freinächte könnten bei Teenager gut vorkommen. Selbst wenn das Handy nachts einmal stumm sei, würden einige Teenager nicht ans Schlafen denken. «Sie wälzen sich im Bett und beginnen dann irgendwelche Nachrichten zu verschicken.»

«Manche Patienten schaffen es kaum mehr ins Bett»

Eva Birrer von der Seeklinik Brunnen sagt, dass die Betroffenen meist weniger als sechs Stunden pro Nacht schlafen und unter ständigem Schlafmangel leiden. «Manche Patienten schaffen es abends kaum mehr ins Bett», sagt Birrer. Sie schauten sich etwa auf Youtube ein Video an und gerieten danach in einen Sog, indem sie von einer App zur anderen wechselten. «Andere Patienten checken ihr Handy mehrmals in der Nacht.» Immer häufiger liessen sich auch junge Patienten aus Angst vor Schlafstörungen beraten. «Sie sagen, dass sie laut ihrer Schlaf-App schlecht schlafen.» Diese Patienten hätten verlernt, auf ihren Körper zu achten und ihre natürliche Schlaffähigkeit einzuschätzen.

Daniel Hicklin, Schlafspezialist und Psychotherapeut FSP aus Basel, macht bei seinen Patienten ähnliche Erfahrungen. Das Grundübel liege aber nicht im Handykonsum, präzisiert er. «In der heutigen 24-Stunden-Gesellschaft haben immer mehr Menschen Mühe, sich Zeit für Schlaf und Erholung zu gönnen.» Arbeit und Freizeit dehnten sich zunehmend in die Nacht hinaus. «Viele Menschen wollen mit Unterhaltung am Handy herunterfahren, werden aber durch die vielen Reize erst recht wieder aktiviert.»

Tipps für einen guten Schlaf

- Den Handykonsum stufenweise reduzieren

- Das Handy ein paar Stunden vor dem Schlafen ausschalten

- Analogen Wecker statt Smartphone benutzen

- Vor dem Einschlafen analog lesen, malen oder ein Rätsel lösen

- Das Smartphone nachts aus dem Schlafzimmer verbannen

- Hobbys zulegen, die nur ohne digitale Geräte funktionieren: gärtnern, tanzen, Instrument spielen, sich bewegen

- Bewusst soziale Kontakte pflegen, die nicht nur über das Handy gehen

- Gutes Selbstwertgefühl aufbauen, um sich von den Online-Aktivitäten der Freunde nicht unter Druck setzen zu lassen

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