Schnellgerichte: Südafrika macht kurzen Prozess
Aktualisiert

SchnellgerichteSüdafrika macht kurzen Prozess

Mit Schnellgerichten und drakonischen Strafen bekämpft Südafrika während der Fussball-WM die hohe Kriminalität vor Ort. Die Einheimischen sind beeindruckt.

von
Peter Blunschi
Pavlos Joseph, der in die Kabine der englischen Nationalmannschaft vorgedrungen war, wird von der Polizei abgeführt.

Pavlos Joseph, der in die Kabine der englischen Nationalmannschaft vorgedrungen war, wird von der Polizei abgeführt.

Für Barbara Castelein und Mirthe Nieuwpoort ging die Sache glimpflich aus. Die Anklage gegen die beiden «Beer Babes» aus Holland wegen «Schleichwerbung» wurde am Dienstag fallen gelassen. Sie hatten im Stadion ein oranges Kleid getragen, das von einer Bierbrauerei gesponsert wurde, die nicht zu den FIFA-Sponsoren gehört. Nun hat eines jener Schnellgerichte sie laufen lassen, die eigens für die Fussball-WM geschaffen wurden.

Insgesamt 56 Sondertribunale mit 110 Richtern, 260 Staatsanwälten und 200 Übersetzern wurden eingerichtet. Sie sollen signalisieren, dass es dem Land ernst ist mit der Bekämpfung der grassierenden Kriminalität, die als Achillesferse Südafrikas gilt und auf viele Besucher abschreckend wirkt. Von gravierenden Fällen blieb man bislang verschont, allerdings wurden mehrere Journalisten ausgeraubt, darunter auch SF-Moderator Matthias Hüppi.

Fünf Jahre für Handydieb

Der schwerste Fall betraf drei Reporter aus Portugal und Spanien, die vor Turnierbeginn in ihren Hotelzimmern überfallen und bestohlen wurden. Das Gericht urteilte schnell – und hart. Die Räuber – zwei Simbabwer – wurden mit 15 Jahren Haft bestraft, ein nigerianischer Komplize mit vier Jahren. Auch in anderen Fällen gab es drakonische Strafen: Ein Handy-Dieb erhielt fünf Jahre, ein Nigerianer, der mit gestohlenen WM-Tickets handelte, drei Jahre.

Das Tempo und die Härte faszinieren die Einheimischen, die ein notorisch überlastetes Justizsystem gewohnt sind. «Wenn wir es auf solcher Geschwindigkeit halten könnten, wäre das wohl die beste Hinterlassenschaft dieser WM», meinte die Oppositionspolitikerin Dianne Kohler-Barnard. Der Kriminologe Johan Berger glaubt laut der Nachrichtenagentur dpa, dass die ungewöhnlich harten Strafen eine abschreckende Wirkung haben werden.

Kriminelle bald wieder frei?

Doch es gibt auch Skeptiker. Sie kritisieren, dass die Verfahren zu schnell abgewickelt würden und fünf Jahre Haft für den Diebstahl eines Handys unverhältnismässig seien. Andere glauben laut «New York Times», dass die Schnellgerichte verschwinden, sobald der WM-Tross abgezogen ist und die medienwirksam verurteilen Kriminellen bald freigelassen werden.

Weitere Kritiker bemängeln, dass nur die Symptome und nicht die Ursachen der hohen Kriminalität in Südafrika bekämpft werden. Allerdings verweisen Sicherheitsexperten darauf, dass die Verbrechensrate im ganzen Land bereits in den vergangenen Monaten spürbar gesunken ist, und das nicht nur an den WM-Standorten.

Für «Hooligans» zuständig

Vorerst wird den Schnellgerichten die Arbeit nicht ausgehen – sie sind auch für ausländische «Hooligans» zuständig. Zu diesen zählt offenbar der englische Fan Pavlos Joseph, der am letzten Freitag nach dem miesen 0:0 gegen Algerien angeblich auf der Suche nach einer Toilette in die Kabine der «Three Lions» vordringen konnte und damit Sicherheitsmängel aufzeigte. Er soll am Freitag vor dem Richter erscheinen, ihm droht bis zu einem Jahr Gefängnis.

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