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Bernd Brunner - «Wie das Meer nach Hause kam»Südseetraum

Aquarien sind out? Im Wohnzimmer unbedingt. Aber sonst erfreuen sich die Fischtanks ungebrochener Beliebtheit. Sie werden eingesetzt als Design-Elemente oder zum Studium der Unterwasser-Fauna.

«Das war nicht als Blickfang gedacht. Obwohl es diese Funktion jetzt einnimmt», erklärt der Designer Mike Kobel und deutet auf seinen Ladentresen: ein Aquarium. «Mein Freund ist ein grosser Fan davon. Erst hat er bei uns zuhause eins im Bad aufgestellt, später hat er mir den Tresen entworfen.» Und der Hingucker, der die Leute vor dem Markant-Laden staunen lässt, gibt nicht viel Arbeit. «Man muss nur regelmässig Wasser wechseln, ab und zu die Scheiben putzen. Mit einem Futterautomaten kann man es aber sogar mal zwei Wochen allein lassen.»

Nein, ein Aquarium ist nicht der Inbegriff von Coolness. Nicht mehr. In den Siebzigern gehörte es in jede Wohnwand. Dort symbolisierte es dann zusammen mit der Palmenstrandfototapete mobile Südseeträume. Heute bucht man sie per Billigflieger. In den Achtzigern verschob sich das Aquarium von der guten Stube ins Kinderzimmer, wo es das Spektrum der Erziehung um so wertvolle Erfahrungen ergänzte wie das Fischbegräbnis im Klo. Und in den Neunzigern sah man Aquarien höchstens noch als ironisches Plastikspielzeug in der WG-Stube, als Duschvorhang oder Bildschirmschoner.

Doch die heimische Feuchtzone ist seit ihrer Erfindung ein unkaputtbarer Klassiker. Schon im 19. Jahrhundert geriet das Aquarium erstmals zum Kult. Die gelangweilten Hausfrauen der englischen Oberschicht fielen in Scharen über die Strände her und fischten sich ihren «Inhalt» selbst. Die Auswirkungen waren damals dieselben wie heute: Die Ökosysteme ganzer Küstenstriche haben sich nicht von diesen Plünderungen erholt.

Dabei liegt einer der Reize des Aquariums in der Wahrung eines ökologischen Gleichgewichts. Der Berliner Journalist Bernd Brunner, der in seinem Buch «Wie das Meer nach Hause kam» die Geschichte des Aquariums erzählt, sieht das durchaus kritisch: «Man will, dass alles reibungslos funktioniert, ironischerweise vielleicht reibungs- und konfliktloser als in der wirklichen Welt. Dahinter steht auch die dem Menschen eigene Sehnsucht, alles zu beherrschen, und sei es nur zum Zweck seiner Erbauung.»

Tatsächlich geht der Trend bei den eingefleischten Aquarianern zu immer exotischeren Fischen. Deren Verhalten in Spitzenaquarien, die äusserlich der Glotze verdächtig ähneln, wird dann nach wochenlangen Beobachtungen minutiös in einschlägigen Foren ausgebreitet. «Von einem Popularitätstief der Aquarien kann eigentlich nicht die Rede sein», meint Brunner. «Auf den Fachmessen ist die Hölle los, und alle sind international hervorragend vernetzt.» Ausserdem warnen Forscher, die Meere versauerten wegen CO2, und den Fischen drohe deshalb der Tod. Da fühlt sich mancher als Mini-Noah.

Erstaunlich häufig findet sich das Aquarium an Orten, wo ein gepflegter Stil öffentlich zelebriert wird. Sei es in den Zürcher Szenebars Schmuklerski (wo es in die Theke eingebaut ist) oder Kaufleuten: Das Aquarium entertaint die Gäste. In der Jelmoli-Parfümerieabteilung in Zürich repräsentiert es hingegen zeitlose Eleganz, und in Chinarestaurants gehört es zur Standardausrüstung. Gemäss Feng-Shui verstärkt es positive Energien (vorausgesetzt, Zahl und Farbe der Fische stimmen). Und immer häufiger findet man auch die umweltschonende Trash-Variante: Ab DVD flimmern Aquarium-Filme auf Flachbildschirmen in die Gaststube.

Doch selbst wenn die Farben grässlich übertönt sind, kann man nicht anders, als immer wieder zum Bildschirm hochstarren. Die Faszination elegant schwebender Fische ist ungebrochen. Genauso wie die beruhigende Gewissheit, dass selbst bei stundenlanger Betrachtung keine Dramatik das Ausstreuen von Futter übersteigen wird. Wer wünschte sich im Alltag nicht so viel Zuverlässigkeit? Diesen besänftigenden Effekt geniesst auch Mike Kobel in seinem Geschäft und betont: «Aber ins Wohnzimmer kommt mir keines!»

Silvano Cerutti

Literatur zum Thema: Bernd Brunner: «Wie das Meer nach Hause kam», Transit-Verlag, Berlin 2003, 144 Seiten, 29.20 Franken.

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