Kein Gequengel mehr: Süsses soll von Ladenkassen verschwinden

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Kein Gequengel mehrSüsses soll von Ladenkassen verschwinden

Lidl Grossbritannien verbannt Süsses aus dem Kassenbereich. Auch der Schweizer Konsumentenschutz fordert Kassen ohne süsse Verlockungen. Bisher hat dafür einzig die Migros Gehör.

von
Marco Lüssi

Lidl Grossbritannien schafft die «Quengelzonen» ab: Von den Kassen sämtlicher 600 Filialen wurden im Januar die Süssigkeiten verbannt. Ersetzt werden sie durch gesunde Snacks wie beispielsweise Obst. Zu diesem Schritt liess sich Lidl durch eine Umfrage bewegen, in der 70 Prozent der Eltern angegeben hatten, sie fühlten sich durch die Süssigkeiten an der Kasse belästigt. 25 Prozent gaben an, sie würden gesunde Alternativen schätzen.

Für Sara Stalder, Geschäftsleiterin der Schweizer Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), übernimmt der britische Ableger von Lidl damit eine Vorbildfunktion: «Es wäre wünschenswert, wenn Lidl Schweiz sich daran ein Beispiel nehmen würde – und die anderen Lebensmittelketten auch.» Ob Lidl Schweiz dies tatsächlich plant, ist unklar. Auf Anfrage teilt die Medienstelle mit, man verkaufe an den Kassen Süssigkeiten, mache sich aber «täglich Gedanken im Zusammenhang mit Produkten, die viel Zucker enthalten und wie es möglich wäre, diesen zu reduzieren». Zu «strategischen Konzepten» gebe man aber keine Auskunft.

«An der Kasse ist es für die Eltern am schwierigsten»

Für Stalder ist klar, dass die Süssigkeiten, die an den Kassen in Reichweite von Kindern angeboten werden, für viele Eltern ein Ärgernis sind. «Schon im Laden selber gibt es überall süsse Verlockungen für die Kleinen», so die Konsumentenschützerin. An den Kassen sei es aber noch viel schwieriger, hart zu bleiben. Oft seien die Kinder am Ende des Einkaufs schon müde und besonders quengelig. «Und weil man an der Kasse am ehesten mit missbilligenden Blicken von anderen Kunden konfrontiert ist, ist der Druck grösser, dass man einfach Ja sagt, damit wieder Ruhe herrscht.»

Stalder findet zwar nicht, dass Süssigkeiten zwingend von sämtlichen Kassen in den Lebensmittelläden verbannt werden müssen. «Doch den Eltern, die eine solche Situation vermeiden wollen, sollte man eine Alternative bieten.»

Migros baut Angebot an Familienkassen aus

Eine Vorreiterrolle hat in der Schweiz in dieser Hinsicht die Migros inne. Nach einer Intervention der SKS hat vor drei Jahren die Migros Aare damit begonnen, sogenannte Familienkassen zu schaffen: Dort fehlen nicht nur Süssigkeiten, es gibt auch einen breiteren Durchgang für Einkaufswagen und ein Podest, das es den Kleinen ermöglicht, den Eltern beim Einpacken der Einkäufe zu helfen.

Dieses Angebot wurde ausgebaut: Mittlerweile betreibt die Migros Aare Familienkassen an zwölf Standorten, nachgezogen hat auch die Migros Zürich in bislang acht Filialen. Laut Migros-Sprecherin Monika Weibel sind die Reaktionen positiv: Eltern würden das Angebot gerne nutzen, die Kinder hätten mehr Spass im Laden. Und: «Auch ältere Kunden nutzen die Familienkasse teilweise, weil es dort etwas langsamer vor sich geht.»

Bei Neu- und Umbauten von Migros-Filialen werde die Schaffung weiterer Familienkassen jeweils geprüft, sagt Weibel. In grösseren Filialen sei bereits etwa jede zweite Kasse frei von Süssigkeiten, und auch beim Self-Service-System Subito gebe es diese nicht.

Coop: «Eltern wollen Eigenverantwortung»

Auf taube Ohren stösst die Forderung der SKS hingegen bei Coop: Dort hat man keinerlei Pläne in diese Richtung – und beruft sich dabei auf die Resultate der Marktforschung. Man habe zu diesem Thema Studien durchführen lassen, sagt Coop-Sprecher Ramón Gander, und eine Familienkasse sei dabei mehrheitlich abgelehnt worden: «Die Mehrheit der Befragten sieht dabei ihre erzieherischen Fähigkeiten infrage gestellt beziehungsweise möchte in Eigenverantwortung agieren können.» Bereits heute biete Coop aber in den Kassenzonen auch gesunde Snacks wie Sesamriegel oder Apfelchips an.

Bei Aldi sind die Kassen so gestaltet, dass Kinder nicht nach Süssigkeiten greifen können, auch wenn sie dort angeboten werden. Sprecher Philippe Vetterli sagt: «Aldi Suisse ist sich der Situation bewusst, in der sich Eltern mit kleinen Kindern beim Anstehen an der Kasse befinden.» In den Aldi-Filialen würden praktisch alle Artikel auf einer Höhe über dem Kassaband und sogar noch höher angeboten. «Somit sind insbesondere Süssigkeiten aus dem direkten Blickfeld und ausserhalb der Reichweite von Kindern platziert.»

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