Neu im Kino: «Strähl»: Sugar, Cops & Augenringe
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Neu im Kino: «Strähl»Sugar, Cops & Augenringe

Im Drogensumpf der Zürcher Langstrasse: Der Streifen «Strähl» zeigt das Leben von der Schattenseite — für Junkies und Polizisten.

Text -- Benjamin Bögli

Die Schweiz hat auf einen solchen Spielfilm gewartet. Das bunte Treiben an der Zürcher Langstrasse drängt sich förmlich auf als deftiges Ausgangsmaterial für eine gute Geschichte. Die beiden Drehbuchautoren David Keller und Michael Sauter, die bereits mit «Achtung, fertig, Charlie!» die Vorlage zu einem atypisch erfolgreichen Schweizer Film lieferten, zeichnen auch für «Strähl» verantwortlich.

Herausgekommen ist ein zügiger Cop-Thriller im Zürcher Drogensumpf: Strähl (Roeland Wiesnekker) heisst der berüchtigte Fahnder der Stadtpolizei, der versucht, mit unzimperlichen Methoden die Unruhestifter in seinem Revier in Schach zu halten. Die Unruhestifter sind in Strähls Fall Junkies und Dealer. Freunde hat er keine, sein grösster Feind ist er selbst: Als Hüter des Gesetzes zieht es ihn nämlich selber ins Milieu hinein, und er scheut vor illegalen Aktionen je länger, je weniger zurück.

Schuld daran ist ein Zwischenfall, der sich beim Aufspüren des Drogenbosses Berisha ereignet: Strähl soll den Junkie René (Manuel Löwensberg) aus dem Fenster gestossen haben, worauf er vom Dienst suspendiert wird. Der verletzte René, der bloss gestolpert war, erpresst den Fahnder. Er will der Polizei erst dann die Wahrheit preisgeben, wenn Strähl ihm Heroin beschafft. Auch die renitente Freundin von René, Carol (Johanna Bantzer), macht Strähl die Hölle heiss.

Es wirbelt und kracht, es wird geschrien und geflucht. So gehts an der Langstrasse zu und her – und auch im Film «Strähl». Ins Bild gesetzt in einem rohen, urbanen Independent-Stil: schnelle Schnitte, freche Mundart, grooviger Sound. «Strähl» ist eine gelungene Mischung aus Authentizität und Fiktion. Dazu tragen die starken schauspielerischen Leistungen bei, insbesondere der beiden Hauptdarsteller Roeland Wiesnekker und Johanna Bantzer. Er, der versiffte Bulle mit gutem Herz – sie, das giftig-naive Junkie-Girlie.

Der Erstlingsfilm des 30-jährigen Schweizer Regisseurs Manuel Flurin Hendry ist eine Low-Budget-Produktion. Die Langstrasse konnte aus finanziellen Gründen an keinem Drehtag abgesperrt werden. Und so kommt es schon mal vor, dass im Hintergrund ein ungebetener «Laiendarsteller» über die Leinwand läuft. Wie Regisseur Hendry berichtet, gab es auch Drohungen gegenüber dem Filmteam – oder die Filmenden wurden ständig von Passanten angequatscht, was das Drehen zusätzlich erschwerte. Doch das tut der Attraktivität des Streifens keinen Abbruch – vielleicht sind es gerade auch die Langstrasse-typischen Störungen und Brüche, die ihm zu seiner Authentizität verhelfen.

Info

«Strähl», Regie: Manuel Flurin Hendry, mit Roeland Wiesnekker, Johanna Bantzer, Manuel Löwensberg, Mike Müller und Max Rüdlinger. Jetzt im Kino.

«Ich träumte dauernd von Carol»

Johanna, du hast für deine Rolle der Carol den renommierten Max-Ophüls-Preis gewonnen – kommt jetzt die ganz grosse Karriere?

Johanna Bantzer: Mal abwarten, ich komme ja direkt von der Schauspielschule. Ich freue mich natürlich riesig darüber.

Du spielst in «Strähl» eine Drogensüchtige – hast du dich bei der Vorbereitung zum Film stets an der Langstrasse herumgetrieben?

Bantzer: Ich ging vermehrt dorthin, das ist klar. Mein Vorteil war, dass ich mal an der Kanzleistrasse (Querstrasse zur Langstrasse) gewohnt habe. So wusste ich bereits ein wenig, wies dort zu- und hergeht.

Was waren die eindrücklichsten Dreh-Erlebnisse?

Bantzer: Ich habe mich fast zu stark mit der Rolle beschäftigt. Das heisst: Ich träumte dauernd von Carol. Dies ist jetzt aber zum Glück vorbei. Beim Dreh wars cool, dass ich im Milieu beliebt war: Viele haben mich angefeuert, da ich ja von meiner Rolle her gegen die Bullen kämpfe.

Du bist im Film auch oben ohne zu sehen. War das schwierig?

Bantzer: Das kommt immer auf den Zusammenhang an. Wenn eine Rolle, die ich gut finde – wie in «Strähl» –, Nacktszenen beinhaltet, ist das o.k. für mich. Dennoch bin ich nicht eine, die sich sofort auszieht.

«Die Polizei hat mich oft angehalten»

Roeland, wieso spielst du den Drogenfahnder Strähl?

Roeland Wiesnekker: Seine Zerrissenheit fasziniert mich – er ist keine platte Polizistenfigur. Der Mensch Strähl steht im Vordergrund.

War es schwierig für dich, einen Polizisten darzustellen?

Wiesnekker: Ich kam damit ziemlich gut klar. Das kommt wohl daher, dass Strähl nicht einfach ein normaler Polizist ist: Er trägt keine Uniform. Klar, er nimmt dauernd Personen fest – das gehört zu seiner Routine. Spannend ist jedoch, wie er damit umgeht.

Was hältst du denn von der Zürcher Polizei?

Wiesnekker: Am meisten nervt mich deren Unfreundlichkeit. Ich bin schon öfter rausgenommen worden – und dann hat sich herausgestellt, dass es sich dabei um ein Missverständnis handelte.

Was für ein Missverständnis?

Wiesnekker: Dass die Polizisten mich mit jemandem verwechselt haben…

Wie hast du dich auf die Rolle von Strähl vorbereitet – waren da Feldstudien nötig?

Wiesnekker: Nein, gar nicht. Ich habe mich natürlich intensiv mit dem Drehbuch auseinander gesetzt und ausgiebig mit dem Regisseur gesprochen.

Du hast also keinen Schnuppertag bei der Polizei absolviert?

Wiesnekker: Nein, ich denke auch, dass dies für die Rolle nicht nötig war.

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