Rentner-Junkies: «Sugar» statt Kaffeekränzchen

Aktualisiert

Rentner-Junkies«Sugar» statt Kaffeekränzchen

Am Ende des einstündigen Gesprächs hat sich André Müller 0,3 Gramm Heroin gezogen - ein Fünftel seiner Tagesration. Er spüre ihn gar nicht mehr, den «Sugar», süchtig sei er nur noch nach dem Ritual. Aufhören könne er jetzt, nach 30 Jahren Heroin, nicht mehr. Willkommen im Leben eines 53-jährigen Junkies.

von
Joel Bedetti

André Müllers* Geschichte ist die Geschichte einer Generation. Der ersten, die mit Heroin in Berührung kam - und noch nicht so genau wusste, was sie da tat. Geboren ist André Müller 1955 im beschaulichen Romanshorn. Die Mutter Hausfrau, der Vater Monteur, eine solide bürgerliche Existenz. Der schmächtige André lernte Metallbauschlosser, und mit 20 oder 22 Jahren, Müller weiss es nicht mehr genau, rauchte er das erste Mal mit Kollegen Heroin. Spürte die Wärme, die durch seine Venen strömte, spürte das Blut wallen. «Schleichend ist es zur Sucht geworden», erzählt er. Fast zwanzig Jahre arbeitete Müller, während ihn die Drogen langsam auffrassen. 1994 zog er dann nach Zürich, verlor den Job und wog im Platzspitz für die Dealer Heroinpäckchen ab. André Müller wurde zum Sozialfall, sein Körper immer mehr zum Wrack.

Generation Heroin

Müllers Generation stellt der Gesellschaft die Frage, wie man mit alternden Drogensüchtigen umgehen soll. 1997 lag der Altersschnitt derjenigen, welche die Stadtzürcher Kontakt- und Anlaufstellen für Drogensüchtige aufsuchten, bei 31 Jahren. Letztes Jahr lag er bereits bei 38 Jahren. Die Heroinkonsumenten der städtischen Einrichtung Begleitetes Wohnen, kurz BEWO, seien durchschnittlich gar 45 Jahre alt, sagt Nicolas Ribaut, Leiter der BEWO. Der Jüngste sei 35, der Älteste 60.

Heute lebt auch André Müller in der BEWO. Seine stickige, abgetakelte Wohnung liegt im zweiten Stock eines Hauses mit blassblauer und bröckelnder Fassade, das mitten im Zürcher Quartier Wipkingen dem tosenden Verkehr trotzt. Es ist einer von 35 solchen Standorten in der Stadt. Die BEWO-Wohnungen entstanden Mitte der 90er-Jahre, als die Stadt Zürich die offene Drogenszene auflöste. Mit den billigen möblierten Wohnungen wollte sie die Süchtigen von der Strasse weglocken, die Bewohner aber selbstständig leben lassen. Nur einmal pro Woche schauen die Verantwortlichen vom BEWO kurz rein, «wie eine Art Spitex», meint Nicolas Ribaut. Das Konzept hat überzeugt. Heute leben 330 Personen in den Sozialwohnungen. Davon konsumieren rund 180 harte Drogen. Die anderen sind alkoholsüchtig oder psychisch krank.

Noch nie gespritzt

«Und oben ist noch einer, der die IV betrügt», ergänzt André Müller trocken, während er den Reporter die geschwärzte Folie in den Papiersack stopfen lässt. Müller raucht den «Sugar» mehrmals am Tag, manchmal schnupft er ihn auch. Gespritzt hat Müller nie, das werde er auch nie. Statt mit den zerstochenen Venen kämpft Müller halt mit der zerrauchten Lunge. Vor vier Jahren kams fast zum Kollaps. Seither atmet André Müller schwer, er keucht und hustet fast ununterbrochen.

Was nach den dreissig Jahren Heroinrauchen von der Lunge übriggeblieben ist, demonstriert Müller an seinem getäfelten Wohnzimmertisch. «Das ist die Kapazität einer gesunden Lunge», sagt er und spreizt den Daumen und den kleinen Finger auseinander; «das ist die Kapazität meiner Lunge», Müller rückt die Finger immer näher zusammen; «und das ist der Tod.» Seine Lunge ist nahe am Tod. Sie funktioniert nur noch zu 30%. Arbeiten ist nicht mehr drin, statt Sozialhilfe kriegt er bald IV. André Müller ist jetzt ein Junkie-Rentner.

Keine Lust aufs «Junkie-Altersheim»

Drogensüchtige altern schneller und brauchen schnell mehr Pflege. Die Stadt Zürich hat vor zwei Jahren darauf reagiert: Sie eröffnete mit dem BEWO City eine Einrichtung, die eine im Gegensatz zu ihren herkömmlichen Einrichtungen intensive Betreuung bietet und als „erstes Junkie-Altersheim" im Lande Schlagzeilen machte. BEWO City wurde mit Anmeldungen überhäuft. «Aller Voraussicht nach wird in nächster Zeit der Bedarf für Angebote wie die dem Betreuten Wohnen BEWO City wachsen», prophezeit Ribaut.

André Müller will aber noch nicht ins «Junkie-Altersheim» - zu gross ist sein Wille, unabhängig zu bleiben. Er will nicht gepflegt werden. Die Betreuer, die einmal in der Woche vorbeischauen, «ob ich noch lebe», seien genug begleitetes Wohnen, spasst er. Meist würden die sich ohnehin kaum hineintrauen, weil es so stark nach «Sugar» rieche.

Zwischen Topfpflanzen und Fanta Vier

Müller raucht eineinhalb bis zwei Gramm «Sugar» pro Tag. Er kriege die Drogen von einem Freund, fast gratis. Ab und an verkaufe er auch ein wenig, sagt Müller und erzählt von einem Kunden mit gut bezahltem Job im Musikbusiness, der ihn jeweils mit den aktuellen CDs beliefere. Der 53-Jährige füttert die Stereoanlage mit der neusten Platte der Fantastischen Vier. «Ich war kürzlich am Konzert im Hallenstadion», strahlt er. Neben der Musik pflegt Müller gerne Pflanzen. Leider mit wenig Erfolg. Traurig hängen in seinem Wohnzimmer durstige Zimmerpflanzen in Tontöpfen herunter. Nicht mal der robuste Kaktus hats überlebt. André Müller mustert die zerschrumpfelte Pflanze. «Ich hab Scheisse gebaut.» Er liest jetzt ein Buch über Kakteen.

Grosse Änderungen hat André Müller ansonsten keine vor. Eine Entziehungskur in einer geschlossenen Anstalt ist für ihn kein Thema. Ein vages «wäre vielleicht eine Idee» entfährt zwar seinen Lippen, doch sein müder Blick sagt etwas anderes: Eine dreissigjährige Karriere als Drogensüchtiger kann man nicht einfach so beenden. André Müller wird Drogen nehmen bis ans Ende seines Lebens, damit hat er sich abgefunden. Ändern will und kann er es nicht mehr. Von der Sucht kommt Müller höchstens noch vor seiner Playstation los. «Manchmal spiele ich zwei Stunden – und dann merke ich, dass ich in dieser Zeit überhaupt kein Verlangen hatte», sagt er.

Der Tod ist kein Thema

Die Wohnung verlässt Müller, der früher um die Welt reiste, nur noch selten. Kontakt pflegt er nur zu anderen Drogenabhängigen. Man treffe sich in den «K und As», den städtischen Kontakt- und Anlaufstellen. Dort können die Abhängigen kontrolliert Drogen von der Stadt beziehen. Doch die meisten nutzten die Anlaufstellen vor allem, um unter sich zu dealen und Neuigkeiten auszutauschen. Wenn wieder einer gestorben ist, beispielsweise. «Schade, dass es den erwischt hat, sagen wir dann», erzählt Müller. Viele Kollegen habe es bereits erwischt. Der Frage, wie er zum eigenen Tod stehe, weicht Müller aus, sie scheint ihn aber gar nicht wirklich zu beschäftigen. Vielleicht hat der Tod nach tausenden Räuschen zwischen Himmel und Hölle gar keine so grosse Bedeutung mehr.

Es ist wieder Zeit für das Ritual. Müller nimmt das Aluminiumrohr in die Hand und streut den «Sugar» auf die Folie. Die Flamme des Feuerzeugs züngelt, und das hellbraune Pulver wird zum braunen, klebrigen Rinnsal, dem Müller mit dem Röhrchen nachjagt. «Willst du auch mal probieren?», fragt er schalkhaft, als er kurz absetzt. Dann verzieht André Müller das Grinsen zum ernsten Stirnrunzeln. «Nein, nimm das Zeug auf keinen Fall. Ich habe nie jemanden zu Drogen verführt – darauf bin ich stolz.»

*Name geändert

Abstimmung am 30. November

Der Platzspitz stand am Anfang: Die offene Drogenszene neben dem Hauptbahnhof Zürich und später am Letten brachte ein Umdenken in der Drogenpolitik. Nicht nur mit Repression sollte der Staat den Heroin-Abhängigen zu Leibe rücken, sondern auch mit der Heroinabgabe und Therapie. Der Erfolg blieb nicht aus und das Vier-Säulen-Prinzip - Prävention, Therapie, Schadensminderung und Repression - wurde zum Vorzeigeprojekt. Mit der Revision des Betäubungsmittelgesetzes soll das Vier-Säulen-Prinzip gesetzlich verankert werden. Dazu gehört auch die Heroinabgabe, deren gesetzliche Grundlage 2010 ausläuft. Die Abstimmung findet am 30. November statt.

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