22.06.2020 15:50

Interview

«Suizid-Betroffene brauchen rasch Hilfe»

Hinterbliebene von Menschen, die sich das Leben genommen haben, erhalten meist keine Hilfe. Das soll sich ändern, fordert Jörg Weisshaupt, Geschäftsführer des Vereins Trauernetz.

von
Désirée Myriam Pomper

Vor einem Jahr hat sich Marvin (23†) das Leben genommen. Für seine damalige Freundin Raina (24) und seine Schwester Saskia (27) brach eine Welt zusammen.

 (Video: T. El Sayed / D. Pomper)

Videoserie: Suizid-Betroffene

Hör die Serie auch als Podcast im 20 Minuten Radio auf unserer App.

Jörg Weisshaupt ist Gründer der geführten Selbsthilfegruppen Nebelmeer und Geschäftsführer des Vereins Trauernetz.

Credit: Weisshaupt.ch

Herr Weisshaupt, haben die Suizide in der Corona-Krise zugenommen?
Diese Befürchtung hatte ich zu Beginn der Krise. Ich erfuhr von einem Vater von zwei Töchtern, der sich das Leben genommen hat, weil er an der Börse viel Geld verloren hatte. Nun aber habe ich von der Zürcher Kantonspolizei erfahren, dass die Suizidversuche derzeit rückläufig sind.

Corona: Weniger Suizidversuche

Gemäss der Kantonspolizei Zürich haben die Suizidversuche im Zeitraum von Mitte März 2020 bis Ende April 2020 gegenüber dem gleichen Zeitraum im Jahr 2018/19 konstant abgenommen. Dagegen haben die vollendeten Suizide im genannten Zeitraum gegenüber dem Jahr 2019 leicht zugenommen. dp

Warum ist das so?
Wir wissen, dass etwa während Kriegsphasen die Anzahl Suizide abnimmt. Kommt die Aggression von aussen, lenkt das von der seelischen Not ab. Man fokussiert sich eher auf existenzielle Bedürfnisse. Das Virus dürfte eine ähnliche Wirkung gehabt haben. Unter Umständen hat der Lockdown zudem das Familienleben verstärkt. Und: Auch wenn die materiellen Einbussen gross sind und man sogar Konkurs anmelden muss – man verliert deswegen nicht das Gesicht, weil viele gleichzeitig betroffen sind und man nichts dafürkann. Man fühlt sich so weniger als Versager.

In der Schweiz nehmen sich rund 1000 Menschen pro Jahr das Leben. Warum? Die meisten von ihnen, nämlich 80 Prozent, sind Menschen mit psychischen Erkrankungen. Oft nehmen sie sich nach mehrfachen Klinikaufenthalten und Einnahme von Psychopharmaka das Leben. Dagegen begehen nur wenige einen Bilanzsuizid (Suizid einer psychisch gesunden Person infolge rationaler Abwägung von negativen Lebensumständen wie bspw. existentieller Geldsorgen oder des fortgeschrittenen Alters).

Rund 7,8 Prozent der Schweizer Bevölkerung gaben 2017 an, mindestens einmal im Verlauf der letzten zwei Wochen vor der Befragung Suizidgedanken gehabt zu haben. Warum nehmen sich die einen das Leben und die anderen nicht?
Bei Menschen, die bereits Suizidversuche hinter sich haben, ist die Schwelle sehr tief, dass sie es wieder probieren. Da bietet auch die geschlossene Abteilung in der Psychiatrie keine Garantie. Suizidgefährdete Menschen in einer frühen Phase dagegen können durch ein rechtzeitiges Gespräch sowie therapeutische und medikamentöse Mittel aus der Krise finden.

Was raten Sie Angehörigen von Menschen, die sich das Leben nehmen wollen?
Sie sollen sie so früh wie möglich darauf ansprechen. Das Gegenüber soll sich verstanden fühlen. Ich rate den Angehörigen, sich Hilfe zu holen und mit einer Fachperson nach Lösungen zu suchen. Reicht ein Gespräch, eine ambulante Behandlung oder ist ein Aufenthalt in einer Psychiatrie sinnvoll? Bei Kindern von Suizidgefährdeten beobachte ich zunehmend, dass sie offen auf ihre Eltern zugehen und sie ermuntern, Hilfe zu holen und sie sogar zum Psychiater begleiten. Das Thema psychische Gesundheit wird dank den sozialen Medien und verschiedenen Kampagnen immer mehr enttabuisiert.

Hier findest du Hilfe

Hast du Suizidgedanken? Hier findest du Hilfe:
Dargebotene Hand, Tel. 143, (143.ch)
Angebot der Pro Juventute: Tel. 147, (147.ch)
Kirchen (Seelsorge.net)

Anlaufstellen für Suizid-Betroffene:
Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils (Nebelmeer.net)
Refugium – Geführte Selbsthilfegruppen für Hinterbliebene nach Suizid (Verein-refugium.ch)
Regenbogen – Verein Regenbogen Schweiz (Verein-regenbogen.ch)
Aurora – Gemeinschaft jung verwitweter Mütter und Väter (verein-aurora.ch/)
Familientrauerbegleitung – Begleitung für Familien in Trauer (familientrauerbegleitung.ch)

Wir haben für eine Reportage Hinterbliebene begleitet. Darunter Renate, die ihren Sohn Killian über viele Jahre eng begleitet hat. Es gibt Fälle, da lassen sich Menschen auch trotz früher Intervention nicht von ihrem Vorhaben abhalten, richtig?
Es ist leider so. Es gibt Fälle, wo man nichts machen kann, egal wie früh Betroffene oder Angehörige intervenieren.

Wie übersteht eine Mutter den Suizid ihres eigenes Kindes? Renate hat nach Killians (†29) Tod wieder ins Leben zurückgefunden.

 (Video: T. El Sayed / D. Pomper)

Wir haben auch Bettina (25) porträtiert, deren Mutter aufgrund von Depressionen Suizid begangen hat, als sie 16 war. Was bedeutet ein solcher Verlust für ein Kind?
Kinder von psychisch labilen Elternteilen waren schon davor belastet. Oft mussten sie viel Verantwortung übernehmen und konnten ihre Kindheit nicht ausleben. Ein Suizid schliesslich führt zu einer traumatischen Erfahrung und einem langwierigen Trauerprozess.

Bettina (27) war 15 Jahre alt, als ihre Mutter Suizid beging. Ihre Familie ist daran zerbrochen.

(Video: T. El Sayed / D. Pomper)

Was hilft diesen jungen Hinterbliebenen?
Viele erzählen in der Selbsthilfegruppe Nebelmeer, dass ihnen der Austausch mit Jungen hilft, die Ähnliches erlebt haben – mit Leuten, die verstehen, dass auch nach einem halben Jahr nicht wieder alles beim Alten ist. Und viele sagen, es hätte ihnen geholfen, wenn Angehörige von Beginn an ehrlich über die Selbsttötung kommunizieren und nicht irgendwelche Geschichten erfinden.

Raina (24) hat ihren Freund durch Suizid verloren. Wie gehen Männer und Frauen mit dem Verlust ihres Partners um?
Wird eine Frau mit einem Haus, Hypotheken und kleinen Kindern alleingelassen, kann das für sie einerseits eine existenzielle Not bedeuten. Voller Wut stellt man sich die Frage: Wie konnte er mich so hocken lassen? Auf der anderen Seite macht man sich Selbstvorwürfe: Warum hat er sich mir nicht geöffnet? Warum hat er mir nicht vertraut? Warum habe ich nichts gemerkt? Drohen Suizidgefährdete mit dem Tod, rate ich Angehörigen immer, klar zu kommunizieren: «Was du tust, liegt in deiner Verantwortung. Ich lasse mich von dir nicht unter Druck setzen.»

Inwiefern kann ein Abschiedsbrief eine Erleichterung bedeuten?
Ein solcher Brief kann gewisse Fragen klären, muss aber nicht. Ich erinnere mich an einen Mann, der zum Abschied schrieb: «Ich habe euch lieb.» Seine hinterlasse Frau konnte nicht verstehen, dass er so etwas geschrieben hatte. Wenn er die Familie liebte, hätte er ihr das doch nicht angetan.

1000 Suizide pro Jahr

  • Weltweit sterben jährlich rund 800’000 Menschen durch Suizid.
  • In der Schweiz begingen im Jahr 2016 rund 1000 Personen Suizid (ohne Fälle von assistiertem Suizid).
  • Zwischen 214’000 und 259’000 Personen haben mindestens einmal in ihrem Leben einen Suizidversuch unternommen.
  • 80 Prozent aller Menschen, die sich das Leben nehmen, litten an einer psychischen Erkrankung, wobei die Depression die häufigste psychische Erkrankung in der Bevölkerung ist.
  • Suizide gehören nach Krebs- und Kreislauferkrankungen zu den häufigsten Gründen für frühzeitige Sterblichkeit.
  • Die Suizidrate ist seit Mitte der 1980-Jahre rückläufig.
  • 17 Prozent aller Suizide werden durch Erhängen begangen.
  • Knapp 10 Prozent aller Suizide werden durch eine Schusswaffe begangen.
  • Männer sterben etwa dreimal häufiger durch Suizid als Frauen.
  • Suizide stellen gemäss dem Schweizerischen Gesundheitsobservatorium Obsan die Spitze eines Eisbergs dar. Rund 7,8 Prozent der Schweizer Bevölkerung gaben 2017 an, mindestens einmal im Verlauf der letzten zwei Wochen vor der Befragung Suizidgedanken gehabt zu haben.
  • Personen, die in städtischen Räumen leben, haben öfter Suizidgedanken als andere, aber auch Personen ohne nachobligatorische Bildung und solche mit Migrationshintergrund.
  • Menschen mit Suizidgedanken möchten meist nicht sterben, sondern sehnen sich nach einem Ausweg aus der Krise, nach Ruhe und Frieden.

Warum gelingt es den einen Hinterbliebenen, im Leben wieder Fuss zu fassen, und den anderen nicht?
Jeder Mensch verfügt über andere Selbstheilungskräfte. Gewisse Menschen können sich je nach Veranlagung schneller von traumatischen Erlebnissen erholen als andere. Wichtig ist hier eine rasche Nachsorge der Hinterbliebenen.

Ist diese in der Schweiz gewährleistet?
Eben nicht. Wir wissen aus Studien, dass sich Hinterbliebene erst nach viereinhalb Jahren aktiv Hilfe suchen. Die Leute haben davor nicht die Kraft dazu, beschäftigen sich mit Administrativen und werden von der Schuldfrage zerfressen. Geht man dagegen aktiv auf sie zu, melden sie sich nach rund einem Monat.

Warum ist das so wichtig?
Die Hinterbliebenen durchlaufen ähnliche Emotionsschwankungen wie suizidale Menschen. Die Nachsorge ist deshalb eine wichtige Präventionsarbeit. So wissen wir, dass beispielsweise verwitwete Senioren, die engmaschig begleitet werden, sich weniger oft das Leben nehmen.

Wie könnte diese konkret aussehen?
Ich wünschte mir, dass die verantwortlichen Polizeistellen oder Pfarreien den Kontakt zwischen Hinterbliebenen und Selbsthilfegruppen oder Therapeuten herstellen würden, indem sie ihnen einen Flyer mit Kontaktdaten hinterlassen. In einzelnen Kantonen wird das gemacht. Doch leider meistens noch nicht. Wie oft höre ich von Betroffenen: «Wenn ich nur schon früher gewusst hätte, dass es ein solches Nachsorgeangebot gibt.»

Können Hinterbliebene nach einem solchen Verlust wieder Glück und Zufriedenheit empfinden?
Ja. Ich erinnere mich an eine Frau in der Gruppe, die sich kaum zu sagen getraute, dass sie trotz des Suizids wieder so etwas wie Glück empfinde. Der Suizid ihres Vaters habe sie stärker gemacht. Sie sei durch die Erfahrung gereift. Es falle ihr nun leichter eine andere Meinung zu vertreten oder anderen die Stirn zu bieten.

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