«Plastiksarg» – Suizidkapsel aus dem 3D-Drucker fällt bei Sterbehilfe-Organisationen durch
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«Plastiksarg»Suizidkapsel aus dem 3D-Drucker fällt bei Sterbehilfe-Organisationen durch

Per Knopfdruck mit Gas aus dem Leben scheiden – das will «Exit International» ermöglichen. Schweizer Sterbehilfe-Organisationen üben harsche Kritik.

von
Daniel Krähenbühl
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Die sterbewillige Person kann den Innenraum der Kapsel mit Stickstoff fluten. 

Die sterbewillige Person kann den Innenraum der Kapsel mit Stickstoff fluten.

Exit International
Der Sauerstoffgehalt wird darauf von 21 auf ein Prozent reduziert. «Es gibt keine Panik, kein Erstickungsgefühl», so der Erfinder. 

Der Sauerstoffgehalt wird darauf von 21 auf ein Prozent reduziert. «Es gibt keine Panik, kein Erstickungsgefühl», so der Erfinder.

Exit International
Der Australier Philip Nitschke (70) war einer der ersten Ärzte, die Suizidhilfe geleistet haben. 

Der Australier Philip Nitschke (70) war einer der ersten Ärzte, die Suizidhilfe geleistet haben.

Wikipedia/Ratel

Darum gehts

  • Eine im 3D-Verfahren gedruckte Suizidkapsel darf laut dem Erfinder legal in der Schweiz betrieben werden.

  • Das Gutachten ist jedoch nicht öffentlich, es bleiben Fragen offen.

  • Bei Schweizer Sterbehilfe-Organisationen stösst die Kapsel auf Kritik.

Eine Sterbemaschine aus dem 3D-Drucker: Der Arzt Philip Nitschke (70) will mit der Kapsel «Sarco» die Suizidhilfe revolutionieren. Mit dem «Sarco» soll es Sterbewilligen ermöglicht werden, ohne Medikamente und per Knopfdruck aus dem Leben zu scheiden (siehe unten). Wie der Australier, der als einer der ersten Ärzte Suizidhilfe geleistet hat, zu swissinfo.ch sagt, habe ein Gutachten die Rechtmässigkeit des Einsatzes in der Schweiz gutgeheissen.

Der Inhalt dieses Gutachtens ist jedoch unbekannt, die Rechtmässigkeit eines Einsatzes von «Sarco» ist unklar. Nitschke teilt auf Anfrage mit, dass das Gutachten zum jetzigen Zeitpunkt nicht veröffentlicht werde.

Jürg Wiler, Vizepräsident von Exit Schweiz – das keine Verbindung zu Exit International hat – sagt: «Wir verfolgen die Absichten von Herrn Nitschke mit Interesse.» Grundsätzlich sehe man «Sarco» aber nicht als Alternative zu den Freitodbegleitungen, wie sie Exit durchführe, so Wiler. «In der Schweiz hat sich die Suizidhilfe mit ausgebildeten Begleitpersonen und dem Sterbemedikament Natrium-Pentobarbital während über dreieinhalb Jahrzehnten bewährt.»

Sterben im «Plastiksarg»

Bei der skizzierten Methode von Nitschke blieben viele Fragen unbeantwortet, sagt Wiler. «Wenn ein sterbewilliger und leidender Mensch nach Einnahme des Sterbemittels NaP in einen Tiefschlaf verfällt und innert wenigen Minuten friedlich und ohne Schmerzen stirbt, kann von einem würdevollen Tod gesprochen werden. Ich persönlich stelle mir das angenehmer vor, als in einem engen und geschlossenen Plastiksarg zu sterben.»

Das von Nitschke erwähnte Rechtsgutachten werfe viele Fragen auf, sagt auch ein Sprecher von Dignitas. Er könne sich angesichts der etablierten Praxis in der Schweiz nicht vorstellen, dass eine «technologisierte Kapsel» für ein selbstbestimmtes Lebensende in der Schweiz auf breite Akzeptanz oder Interesse stossen werde.

So funktioniert der «Sarco»

Die Funktionsweise der Suizidkapsel erklärt Nitschke folgendermassen: Nachdem die sterbewillige Person in der Kapsel liegt, werden ihr eine Reihe von Fragen gestellt, um die Urteilsfähigkeit zu prüfen. Nach der Beantwortung könne die Person im Innern der Kapsel einen Knopf drücken, worauf ein Gerät den Innenraum mit Stickstoff flute und den Sauerstoffgehalt von 21 auf ein Prozent reduziere. «Die Person fühlt sich ein wenig desorientiert und kann sich auch leicht euphorisch fühlen, bevor sie das Bewusstsein verliert. Der ganze Vorgang dauert etwa 30 Sekunden», so Nitschke. Der Tod trete durch Hypoxie und Hypokapnie ein, also durch einen Sauerstoff- und Kohlendioxid-Mangel. «Es gibt keine Panik, kein Erstickungsgefühl.»

Stand heute müssen Ärztinnen und Ärzte die Urteilsfähigkeit der sterbewilligen Person bestätigen und das Medikament – Natrium-Pentobarbital – verschreiben. In Zukunft wolle er jede Art von psychiatrischer Begutachtung aus dem Prozess herausnehmen, sagt Nitschke. «Wir wollen der Person aber die Möglichkeit geben, die Methode selbst zu steuern.»

«Nähe zwischen Angehörigen fehlt»

Erika Preisig, Ärztin und Präsidentin des Vereins Lifecircle und der Sterbehilfe-Stiftung Eternal Spirit, wäre über eine allfällige Zulassung in der Schweiz «extrem unglücklich»: «Man legt sich in den ‹Behälter› rein und vergast sich selbst mit Stickstoff. Das ist gar nicht meine Sache.» Was sie jedoch am meisten störe, sei die räumliche Trennung zwischen Angehörigen und Sterbenden, sagt Preisig. «Zwischen der Medikamentenabgabe und dem Sterben sagen die Leute einander so viele schöne Sachen.» Etwa ein Mann, der seiner Frau ein Liebesgeständnis machte und ihr sagte, er würde in einem zweiten Leben garantiert wieder sie heiraten wollen.

Die Frau habe ihn daraufhin umarmt und ihm einen letzten Kuss gegeben, er sei in ihren Armen eingeschlafen. «Die Frau nimmt das mit, das ist Teil der Trauerarbeit und hilft, den Schmerz zu verarbeiten.» Beim Sarco wäre man hingegen in einer «Raumkapsel» gefangen, das Intime und Emotionale falle ganz weg, so Preisig. Die Forderung Nitschkes, Ärztinnen und Ärzte bei der Begleitung der Patienten aussen vor zu lassen, sei verheerend. «Es ist wichtig, dass eine Fachperson darauf achtet, dass der Freitod nicht im Affekt gewählt wird.»

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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