Jugendliche helfen: Suizidprävention im Netz ist ein grosser Erfolg
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Jugendliche helfenSuizidprävention im Netz ist ein grosser Erfolg

Statt an den Psychologen können sich Jugendliche mit Selbstmord-Gedanken im Internet an Gleichaltrige wenden: Das neuartige Konzept schlägt ein und wird ausgebaut.

von
sst
Suizide von Jugendlichen hinterlassen bei den Angehörigen grosse Trauer  wie hier 2012 in Taylorsville, Utah. In der Schweiz sollen nun Gleichaltrige den Selbstmord verhindern.

Suizide von Jugendlichen hinterlassen bei den Angehörigen grosse Trauer wie hier 2012 in Taylorsville, Utah. In der Schweiz sollen nun Gleichaltrige den Selbstmord verhindern.

Weil er als 19-Jähriger einen guten Freund verloren hatte, gründete der Ostschweizer Raphael Wobmann vor drei Jahren den Verein «Lebe», der sich der Selbstmord-Thematik von Jugendlichen annimmt. Vor vier Monaten hat er nun ein Pilotprojekt lanciert, das auf so viel Anklang gestossen ist, dass das Angebot bereits ausgebaut wird.

Unter dem Namen «U25-Ostschweiz» bietet sein Verein eine spezielle Art der Suizidprävention an: Fünf 19 bis 22-jährige Jugendliche kümmern sich um Gleichaltrige mit ernsten Problemen oder gar Suizidgedanken. Seit der Lancierung haben sich nun bereits 69 Betroffene über die Homepage U25-Ostschweiz.ch gemeldet. «Die Suizidprävention in der Schweiz ist ein schweres Feld, es kann noch viel gemacht werden», sagt Wobmann, der sich durch die hohe Nachfrage bestätigt fühlt. Die Hürden für die besorgten Jugendlichen seien hier viel tiefer, da sie sich anonym melden könnten und von Gleichaltrigen betreut würden. «Sie sprechen die gleiche Sprache und können sich in sie hineinfühlen, der Gang zum Psychiater braucht hingegen viel Mut», sagt Wobmann.

Liebeskummer oder Missbrauch

Ein Grossteil der 69 Betreuten seien weibliche Teenager im Alter zwischen 14 und 18 Jahren. Die Gründe dafür reichen von Schulstress über Liebeskummer bis zu Missbrauch in der Familie. «Manche sagen, sie ritzten sich, andere waren bereits beim Psychiater und fühlten sich dort nicht wohl», sagt Wobmann. Nur die wenigsten würden ihre Tötungsabsicht explizit erwähnen.

Auch für die fünf sogenannten Peerberater bedeuten die Mails eine psychische Belastung: Deshalb erlernen sie in einer 14-tägigen Schulung den richtigen Umgang in der Krisenbewältigung, erhalten Infos über psychische Erkrankungen und Methoden der Mail-Beratung. Zusätzlich treffen sich die Peerberater alle zwei Wochen in Wil SG mit ausgebildeten Sozialpädagogen und besprechen ihre Erlebnisse. «Die Jugendlichen sind top motiviert, wir müssen aufpassen, dass wir ihnen nicht zu viel zumuten», so Wobmann. Mit täglich zwei bis vier neuen Mails gibt es Arbeit genug.

«Eine Herzensangelegenheit»

Die Idee des U25 entstand vor 12 Jahren im deutschen Freiburg, wo die Jugendlichen 2013 über 6000 Mails erhielten. Dort hat auch die 23-jährige Christine Schweizer vor sieben Jahren als Peerberater angefangen: «Für mich ist es eine Herzensangelegenheit. Wenn dir jemand sagt, nur wegen dir sei er noch am Leben, dann ist das sehr wertvoll», so Schweizer. Sie hat mittlerweile ein Studium in sozialer Arbeit absolviert und leitet ab Herbst die neue Leitstelle in Rapperswil. Nun sucht Schweizer zehn neue Jugendliche zwischen 16 und 25 Jahren.

Geht es nach Wobmann, ist dieser Schritt nur der erste auf dem Weg zu einer schweizweiten Kampagne. «Bis jetzt fehlt es aber an Geld dafür», so der 31-Jährige. Die Finanzierung läuft momentan über Spenden von Stiftungen und Privaten. Die Kantone St. Gallen und Schaffhausen würden die Situation aber verfolgen und zu einem späteren Zeitpunkt einsteigen, so Wobmann.

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