Aktualisiert 03.11.2009 17:08

Kinderschänder«Super-Gau»: Offene Anstalten im Kreuzfeuer

Weil ein Kinderschänder während des Vollzugs ein Mädchen missbrauchte, kommt die offene Anstalt St. Johannes arg in Bedrängnis. «Die Fluchtgefahr wurde falsch eingeschätzt», geben nun die Verantwortlichen zu. Auch im Kanton St. Gallen hauen immer wieder Straftäter aus den offenen Anstalten ab.

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Im offenen Massnahmenzentrum St. Johannsen im Berner Seeland sitzen unter anderem 18 Kinderschänder ein. In einer Dokumentation der Anstalt steht explizit: «Auch gemeingefährliche Straftäter werden aufgenommen.» Trotzdem können sie sich dort während des Tagse frei bewegen. Im August kam es zum «Super-Gau», wie es der stellvertretende Anstaltsdirektor Thomas Ingold ausdrückt. Kinderschänder Yan I. spazierte während des Tages aus der Anstalt, schwamm durch den Zihlkanal und missbrauchte in La Neuville ein junges Mädchen. Ohne dass dies in St. Johannsen jemand bemerkte, kehrte der Insasse zurück. Ein anderer Sexualtäter flüchtete bereits im Februar 2008 und setzte sich offenbar ins Ausland ab.

In beiden Fällen hielten es die Behörden nicht für nötig, die Bevölkerung zu informieren. «Dass man uns nicht gewarnt hat, ist ein Skandal», so Karin Kissling, die mit ihren Kindern direkt neben der Anstalt in Le Landeron wohnt.

«Wir wollten nichts verheimlichen»

Im Nachhinein erscheine dieser Vorwurf angesichts des grossen öffentlichen Interesses an dem Fall verständlich, schreiben die Behörden in einer Mitteilung vom Dienstag. Es habe nie die Absicht bestanden, etwas zu verheimlichen.

Die Berner Untersuchungsbehörden betonen denn auch, dass das bernische Strafverfahren keine zwingende Information der Öffentlichkeit vorsehe.

Bei dem Fall Ende August habe man die verschiedenen Interessen abgewogen und sich auf ausdrücklichen Wunsch der Angehörigen des Mädchens gegen eine öffentliche Information entschieden.

Fluchtgefahr wurde falsch eingeschätzt

Für Anstaltsleiter Ingold liegt der Fehler nicht am offenen Vollzug selbst, sondern an der Einweisungspraxis. «Die Fluchtgefahr des Sexualtäters wurde von einer Person falsch eingeschätzt», sagte der stv. Anstaltsleiter gegenüber Radio DRS. Ob nun die Einweisungspraxis geändert werden müsse, entscheide man nicht «von heute auf morgen anhand eines Einzelfalls», sagte Martin Kramer, Chef des Kantonalen Amtes für Freiheitsentzug des Kantons Bern, dem «Bund».

Dutzende Straftäter ausgebüxt

Martin Vinzens macht sich tagtäglich Gedanken um die Fluchtgefahr von Straftätern. Der Direktor der offenen Strafanstalt Saxerriet (SG) sagt offen, dass ein Fall wie in La Neuville immer passieren könne. «Es gibt immer ein Restrisiko bei Delinquenten. Wir tragen deshalb eine Riesenverantwortung, wenn wir Straftätern Urlaub genehmigen.» Im Gegensatz zum Kanton Bern führt St. Gallen eine detaillierte Statistik über die Anzahl von Fluchtversuchen in den einzelnen Anstalten. Seit 2005 büxten in Saxerriet 39 Insassen aus. «Die allermeisten sind abgehauen, um sich illegale Drogen zu beschaffen. Meistens konnten sie innert Stunden wieder verhaftet werden», erklärt Vinzens.

Mehr Sicherheit dank Kameras

Im Massnahmenzentrum Bitzi in Mosnang (SG), wo etliche Sexualstraftäter einsitzen, sind seit der Eröffnung der Anstalt im Jahr 2007 fünf Insassen entwichen, keiner davon sei aber rückfällig geworden. Wenn diese innerhalb eines Tages zurückkehren, diszipliniere man sie intern: «Das kann vom Arrest bis zu einer Busse gehen», sagt Joe Keel, Amtsleiter des Justizdepartementes des Kanton St. Gallen. Seit der Eröffnung habe man die Sicherheitsmassnahmen im Zentrum laufend verbessert. «Es wurden etwa zusätzliche Kameras installiert, um einen besseren Überblick zu erhalten», so Keel.

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