«Eintagsküken»: Superhuhn ist doch nicht so super
Aktualisiert

«Eintagsküken»Superhuhn ist doch nicht so super

Mit Hühnern, die sich für die Eier- und die Fleischproduktion eignen, lässt sich das Töten männlicher Küken vermeiden. Dafür ist deren Haltung weniger ökologisch.

von
F. Lindegger
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Das Zweinutzungshuhn (im Bild) hat sich im Versuchsbetrieb von Coop bewährt.

Das Zweinutzungshuhn (im Bild) hat sich im Versuchsbetrieb von Coop bewährt.

Coop
Dieses hat den Vorteil, dass es für die Eier- und die Fleischproduktion verwendet werden kann.

Dieses hat den Vorteil, dass es für die Eier- und die Fleischproduktion verwendet werden kann.

AP/Michael Sohn
Im Vergleich zur herkömmlichen Legehennen-Zucht müssen männliche Küken so nicht getötet werden.

Im Vergleich zur herkömmlichen Legehennen-Zucht müssen männliche Küken so nicht getötet werden.

Keystone/Gaetan Bally

In der Schweiz werden jedes Jahr rund 2,5 Millionen männliche Küken direkt nach dem Schlüpfen – meist mit CO2 – getötet, weil sie sich nicht als Legehennen nutzen lassen. Denn die heute genutzten Hühner legen entweder viele Eier oder setzen viel Fleisch an. Das Töten der männlichen Tiere in der Legehennen-Zucht wird immer wieder kritisiert. Mit dem sogennanten Zweinutzungshuhn wird dieses Töten hinfällig, denn es kann für die Eier- und die Fleischproduktion genutzt werden. Dies hat der Rasse bereits den Übernahmen Superhuhn eingebracht.

Bei Coop kann künftig Fleisch und Eier von solchen Hühnern gekauft werden. Der Detailhändler hat einen ersten Pilotversuch mit dem Zweinutzungshuhn für erfolgreich befunden. Noch ist die Menge der so produzierten Produkte verschwindend klein, mittelfristig soll die Produktion aber verdoppelt werden, wie Coop auf Anfrage von 20 Minuten mitteilt.

Effizienz ist schlechter

Das Zweinutzungshuhn hat aber einen grossen Nachteil: die Effizienz. Wie der Landwirtschaftliche Informationsdienst (LID) berichtet, benötigt das Superhuhn viel mehr Futter, um die gleiche Menge an Eiweiss zu produzieren, wie die bisher verwendeten Hühner.

«Die Effizienz ist signifikant schlechter», sagt Peter Spring, Stellvertretender Direktor der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaft (HAFL) in Zollikofen zu 20 Minuten. Pro Ei sind rund 30 bis 40 Prozent mehr Futter wie Getreide, Mais und Soja nötig als bei herkömmlichen Hennen. Im Vergleich zu Bio-Legehennen benötigten die Zweinutzungshühner im Versuch laut Coop rund 20 Prozent mehr Futter. «Neben ethischen Aspekten muss auch der Faktor Effizienz berücksichtigt werden», erklärt Spring. Ein Ei einer Zweinutzungshenne habe einen deutlich grösseren ökologischen Fussabdruck.

Problematischer Soja-Anbau

Das in der Schweiz verfütterte Soja wird fast ausschliesslich importiert, meist aus den USA, Brasilien oder China. Vor allem in Südamerika werden grosse Flächen an Wäldern für die Soja-Produktion abgeholzt. Dadurch wird auch der Lebensraum von vielen Tier- und Pflanzenarten zerstört. Indem die Tötung von männlichen Küken durch Zweinutzungshühner verhindert wird, könnte also durch die zusätzlichen Soja-Plantagen indirekt die Lebensgrundlage von anderen Tieren vernichtet werden.

Coop vertreibt die Zweinutzungshühner allerdings unter seinem Bio-Label. Das heisst, dass die Tierfutterproduktion ebenfalls biologischen Standards unterliegt und auch keine Wälder für die Soja-Plantagen gerodet werden dürfen. Das Problem des erhöhten Futterbedarfs für die gleiche Leistung bleibt aber bestehen.

Spring betont, dass es ihm nicht darum gehe, die ethischen Aspekte gegen jene der Effizienz auszuspielen. «Das Argument der Ethik für die Verwendung von Zweinutzungshühnern ist völlig in Ordnung», so Spring. Damit die Konsumenten eine informierte Entscheidung treffen können, müssten aber alle Faktoren berücksichtigt werden. Und dazu gehöre auch die Effizienz, die bisher kaum angesprochen worden sei.

Zweinutzungshuhn war die Norm

Bis zum Zweiten Weltkrieg gehörten die meisten Hühner hierzulande zur Rasse Schweizerhuhn, welches ein Zweinutzungshuhn ist. Mit dem Einsetzen der Industrialisierung der Landwirtschaft in den Nachkriegsjahren verschwand das Schweizerhuhn aber mehr und mehr. Die Stiftung Pro Specie Rara führt seit 1991 ein Schweizerhuhn-Projekt, um die Rasse zu erhalten. Inzwischen ist der Bestand wieder leicht ansteigend.

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