Aktualisiert 09.06.2019 08:30

Kultroller unter Strom

Surren statt knattern - so fährt die Vespa Elettrica

73 Jahre nach der ersten Vespa wollen die Italiener mit einer Elektroversion durchstarten. Bei ersten Fahrten macht die «Elettrica» Spass.

von
Marco Völklein
Macht auch unter Strom Spass: Die Vespa Elettrica.

Macht auch unter Strom Spass: Die Vespa Elettrica.

Vespa

Der Motor der schweren Moto Guzzi, die gerade an der Ampel

direkt neben einem angehalten hat, blubbert vernehmlich. Sobald

die Ampel auf Grun springt, gibt ihr Fahrer kräftig Gas; mit einem eindringlichen «Wruuumm» rauscht die Italienerin davon. Man selbst dagegen kommt zwar ebenfalls rasch weg von der Ampel. Doch anders als die Moto Guzzi ist von der Italienerin unter dem eigenen Hintern allenfalls ein leises Surren zu hören. Der Vorteil der neuen Vespa Elettrica liegt somit klar auf der Hand: Die direkte Umwelt fuhlt sich durch den Elektroantrieb weniger gestört.

Mehrmals schon hatte der Vespa-Hersteller Piaggio eine elektrische Version seines von vielen als Kultmobil verehrten

Motorrollers angekundigt; auf diversen Zweiradmessen wurde

zunächst nur die Karosserie gezeigt und einige Technikdetails

verraten, seit diesem Fruhjahr nun steht die Elettrica bei den

Händlern. Und die hoffen auf grosse Nachfrage fur den kleinen

Stromer. Und diese Hoffnung ist durchaus berechtigt. Denn schon bei der ersten Ausfahrt fällt auf, wie gut gelungen die Sitzposition fur den Fahrer, einen durchschnittlich grossen Mitteleuropäer, ist. Der hat einen guten Überblick, sitzt bequem und entspannt mit angenehm angewinkelten Knien, anders als auf vielen anderen Rollern.

Kein Sportler

Hier zeigt sich die jahrzehntelange Erfahrung der Vespa-

Konstrukteure. Die Fahrleistungen erweisen sich als fur den

Stadtverkehr ausreichend, wenn auch nicht aussergewöhnlich.

Der 3,5 Kilowatt starke Motor treibt den Roller zwar gut an, andere Stromer kommen flotter voran. Was auch daran liegen durfte, dass die beiden Wettbewerber um ihre schweren Akkus herum leichte Plastikkarosserien konstruiert haben; die Vespa-Ingenieure setzen aber auch bei der Elettrica auf ein Gehäuse aus Stahlblech. Das ist hochwertiger und sieht auch edler aus.

Ein weiteres Manko, das aber alle Rollerhersteller haben: Bei

einer Höchstgeschwindigkeit von rund 45 Stundenkilometern

regeln die kleinen Stromer ab. Der Gesetzgeber lässt nicht mehr zu – zumindest dann nicht, wenn die Elektroroller mit dem gelben Kontrollschild auf die Strasse rollen. Wer also, ähnlich dem Moto-Guzzi-Fahrer an der Ampel, den Gashebel voll aufgedreht und flott von der Ampel weggekommen ist, der merkt nach kurzer Zeit einen Ruck – nämlich dann, wenn die Temposperre greift und die elektronische Tachoanzeige bei 48 km/h stehen bleibt. Immerhin: Wer die «grosse» Elettrica ohne Begrenzer und mit weissem Kontrollschild bestellt, der schafft rund 53 km/h. Der Käufer zahlt dafur aber auch 300 Franken mehr.

Akkus fest verbaut

Ein weiterer Nachteil der E-Vespa im Alltag: Die beiden Akkus

sind fest unter der Sitzbank verbaut und lassen sich nicht entnehmen. Das verleiht dem Roller zwar einen angenehm tiefen Schwerpunkt, hat aber zur Folge, dass eigentlich nur Garagenbesitzer oder Hauseigentumer mit Aussensteckdose mit der Elettrica glucklich werden. Wer in einer Etagenwohnung lebt,

muss sich erst umständlich Lademöglichkeiten suchen.

Als erfreulich realistisch erwies sich die Reichweite: Mit zwei vollgeladenen Akkus schaffte es die Elettrica meist etwa 75 Kilometer weit, ehe der Saft zur Neige ging. 
Das reicht locker für den Alltag. Also alles auf «grün» für den stromernden Kultroller– wenn da nur nicht der Preis wäre: Mindestens 6995 Franken sind im Vergleich zur Konkurrenz happig. Aber wer eine Original-Vespa fahren will, muss ja auch bei den Benzinmotoren tiefer in die Tasche greifen.

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