Syrien-Opfer: Suspekter Verein sammelt mit Schockfotos Geld
Aktualisiert

Syrien-OpferSuspekter Verein sammelt mit Schockfotos Geld

Die Gesichter sind blutig, die abgebildeten Menschen verstümmelt oder tot: Eine zwielichtige Organisation buhlt mit brutalen Bildern um Spenden für Opfer in Syrien. Es riecht nach Betrug.

von
S. Spaeth
Bewohner der Region Basel fanden Anfang Woche in ihrem Briefkasten den Spendenaufruf der Vereinigung Hilfe für Syrien in der Schweiz.

Bewohner der Region Basel fanden Anfang Woche in ihrem Briefkasten den Spendenaufruf der Vereinigung Hilfe für Syrien in der Schweiz.

Die Nachrichten aus Syrien sind eigentlich erschreckend: Die Rede ist von Massakern der Regierungstruppen an Aktivisten – und das trotz UN-Beobachtern im Land. Doch wir sind abgestumpft – oder Syrien ist einfach zu weit weg. Die Bilder der Toten zeigen uns die TV-Stationen nicht. So viel Leid wollen wir gar nicht sehen.

Mit erschütternden Bildern heischt jedoch derzeit die Vereinigung «Hilfe für Syrien in der Schweiz» Aufmerksamkeit. Auf ihrem Flyer sind tote Körper abgebildet – auch solche von Kindern: «Weil er an Protestaktionen teilgenommen hat, ist er in den Armen seiner Mutter gestorben», steht neben dem Bild eines Jungen. «Ihr wurden die Hände abgeschnitten», so der Text zu einem Foto einer Frau. Und in grossen roten Lettern schreibt die Organisation. «Die Regierungen haben uns nicht geholfen – können es die Völker?» Gleich anschliessend folgt ein Einzahlungsschein. Der Betrag von 10 Franken ist bereits eingesetzt.

Emotionale Bilder bringen am meisten Geld

Der beschriebene Flyer wurde Anfang Woche in der Region Basel in die Briefkästen gelegt. Doch die Post ist unschuldig: Weder der Gelbe Riese noch die Post-Tochter Direct Mail hat die Schock-Flyer versandt. Besonders auffällig an den Mailings: Auf dem Papier gibt es keine Kontaktinformationen zur sammelnden Organisation – und auch bei der syrisch-orthodoxen Kirche in der Schweiz kennt man den Verein Hilfe für Syrien in der Schweiz nicht, wie Pater Lahdo Dogdu mitteilt. Der einzige Hinweis ist ein Postkonto. Wer sich dahinter verbirgt, will die Post nicht bekanntgeben.

Keine Kenntnis vom Verein Hilfe für Syrien in der Schweiz hat man auch bei der Stiftung Zewo. Sie zertifiziert in der Schweiz Spenden sammelnde Organisationen. «Wenn nicht klar ersichtlich ist, wer hinter einem Sammelaufruf steckt und wozu das Geld eingesetzt wird, sollte das stutzig machen», erklärt Zewo-Geschäftsleiterin Martina Ziegerer. Die Schockbilder kritisiert Ziegerer scharf: «Damit wird zu viel Druck auf den Spender ausgeübt und die Menschenwürde wird nicht respektiert.» Ähnlich sieht es Sara Stalder von der Stiftung für Konsumentenschutz. «Die Spendensammler wissen, dass emotionale Bilder am meisten Geld einbringen», doch das sei nicht seriös. Ihr Rat: «Hände weg bei reisserisch aufgemachten Spendenaktionen!»

Trittbrettfahrer nutzen Katastrophen

Es kommt immer wieder vor, dass Trittbrettfahrer die Publizität von Unglücken und humanitären Katastrophen ausnützen, um Gelder zu sammeln und sie in die eigene Tasche stecken. Ähnliches vermutet Konsumentenschützerin Stalder auch im vorliegenden Fall. «Solche Organisationen sind oft Eintagsfliegen. Sie sammeln rasch einige tausend Franken ein und verschwinden dann wieder von der Bildfläche.»

Die Stiftung Zewo warnt auf ihrer Website vor einer ganzen Reihe von Organisationen. Die Vereinigung Hilfe für Syrien in der Schweiz ist noch nicht dabei: Man setzt schwarze Schafe erst auf die Liste, wenn zahlreiche Anfragen von verunsicherten Spendern eingegangen sind und die nötigen Abklärungen getroffen wurden. Noch ist für Ziegerer nicht sicher, dass betrügerische Absichten hinter dem Aufruf stehen. Möglich sei auch, dass Angehörige von Betroffenen Geld sammeln und ihre Identität aus Furcht vor Repression nicht bekanntgeben. Allerdings bleibt auch dann unklar, wofür die Gelder tatsächlich verwendet werden. Die Zewo rät deshalb bei mangelnder Transparenz von Spenden ab.

Caritas: Kein Einsatz von Gewaltbildern

Eine Spendenaktion zu Gunsten der syrischen Opfer führt derzeit Caritas durch. Leidet die Sammeloffensive womöglich aufgrund der Trittbrettfahrer? «Wir gehen nicht von einem Schaden aus», sagt Caritas-Sprecher Stefan Gribi. Für seine Organisation ist der Einsatz von Fotos von Gewaltopfern tabu. Man setzt auf Aufklärung und transparente Information. Caritas stellt für Syrien 100 000 Franken für Not- und Überlebenshilfe zur Verfügung und arbeitet dafür mit lokalen Partnern zusammen.

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