Aktualisiert 06.10.2009 14:08

GenfSVP bezeichnet Ausländer als «Gesindel»

Der Bürgermeister des französischen Grenzortes Annemasse ist empört, weil seine Stadt in einem Inserat massiv attackiert wird. Eine heftige Polemik ist im Gang.

von
Catherine Bex und Rolf Maag

Nach Ansicht der Genfer SVP würde die geplante Bahnlinie zwischen Genf und Annemasse zusätzliches «Gesindel» (racaille) aus Frankreich in die Rhonestadt bringen. So steht es zumindest in einem Inserat, das gestern in der Zeitung «Tribune de Genève» veröffentlicht wurde. Christian Dupessey, der Bürgermeister der französischen Stadt, ist schockiert. «Im Namen der 30 000 Einwohner der Gemeinde fühle ich mich beschimpft. Die SVP stellt einen inakzeptablen Zusammenhang zwischen der Bahnlinie «CEVA» und der Kriminalität her.» Der Urheber der Annonce hat keinerlei Verständnis für die Aufregung. Der Präsident der Genfer SVP, Soli Pardo, sagt sogar: «Der Bürgermeister würde besser in seiner Stadt für Ordnung sorgen.» Anschliessend präzisiert er: «In diesem Inserat spreche ich nicht von allen Einwohnern von Annemasse, sondern nur von den Kriminellen.»

«Gesindel» ist nicht fremdenfeindlich

Das Wort «Gesindel» findet Pardo nicht anstössig. «Der Ausdruck ist nicht fremdenfeindlich. Er bezeichnet keine Rasse und kein bestimmtes Volk, sondern nur einen gewissen Menschentypus. Wenn Sarkozy das Wort verwendet, sieht man darüber hinweg; tut die SVP dasselbe, ist gleich Feuer im Dach.»

Bürgermeister will klagen

Bürgermeister Dupessey ist entschlossen, Klage einzureichen. «Auf eine solche Diffamierung muss ich einfach reagieren. Die Einwohner von Annemasse würden ihren Bürgermeister nicht verstehen, wenn er sie nicht verteidigen würde.» Zugleich hofft er, dass dieser Vorfall den Bau der geplanten Bahnlinie nicht gefährdet und zeigt sich sehr froh über die Unterstützung, die er von ebenfalls entsetzten Genfern erhält.

Inserat auch bei der SVP umstritten

Inzwischen wächst bei allen Parteien die Entrüstung. Auch in den Reihen der SVP vertreten einige die Meinung, ihr Präsident müsse zurücktreten, wenn er auf eigene Faust gehandelt und somit seine Kompetenzen überschritten haben sollte.

Ein Grenzfall

Darf man ein solches Inserat veröffentlichen? Der Chefredaktor der «Tribune de Genève», Pierre Ruetschi, verteidigt die Entscheidung, obwohl auch er sich vom Inhalt des Inserats schockiert zeigt. «Diese Anzeige ist an der Grenze des Erträglichen. Die SVP zeigt hier ihr wahres Gesicht. Die Quittung dafür sollte sie aber nicht von einer Zeitung, sondern vom Wähler bekommen. Meiner Meinung nach wird sich die Aktion als Bumerang erweisen, weil dadurch Streit innerhalb der Partei entsteht.»

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