Abstimmung : SVP-Frau streitet mit Terzos über Einbügerung
Aktualisiert

Abstimmung SVP-Frau streitet mit Terzos über Einbügerung

Sollen Ausländer der dritten Generation erleichtert eingebürgert werden? Die Terzos Noemi Caruso und Yanek Schiavone streiten mit Barbara Steinemann (SVP).

von
D. Pomper

Die Terzos Noemi Caruso und Yanek Schiavone diskutieren mit SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann über die erleichterte Einbürgerung der dritten Generation.

Frau Caruso, Herr Schiavone, Sie sind beide italienische Terzos. Warum sind Sie für eine erleichterte Einbürgerung?

Noemi Caruso: Das Einbürgerungsverfahren geht viel zu langsam. Mein erstes Gesuch wurde abgelehnt, weil ich minderjährig war. Dann bin ich umgezogen und der ganze Prozess fing wieder von vorne an. Dabei bin ich wie meine Eltern hier geboren, zur Schule gegangen und spreche perfekt deutsch.

Yanek Schiavone: Ich bin hier geboren und aufgewachsen, teile die gleichen Grundwerte wie Schweizer und unterrichte als Sekundarlehrer unter anderem Schweizer Geschichte. Ich sehe nicht ein, warum ich bei einer Gemeindeversammlung antanzen und mich beweisen soll. Die Schweiz müsste doch eigentlich stolz sein auf uns Terzos, die zum Erfolg dieses Landes beitragen.

Caruso: Ich sehe nicht ein, warum ich beim Einbürgerungstest alle Bundesräte aufzählen soll, wenn sogar Klassenkameraden diese nicht kennen. Ich habe ausländische Kollegen, die haben keine Ahnung, was die CVP ist oder wer Doris Leuthard ist. Warum haben diese Leute den Schweizer Pass und ich nicht?

Barbara Steinemann: Ich verstehe nicht, warum es für Sie beide ein Problem sein soll, vor eine Gemeindebehörde zu treten. Wie sind Sie denn zu ihrem Job gekommen? Da mussten Sie sich ja auch vorstellen. Das Einbürgerungsverfahren ist auch nicht mehr so teuer, es kostet zwischen 500 und 2000 Franken. Das muss es einem wert sein. Ausserdem erlaubt die Schweiz im Gegensatz zu vielen anderen europäischen Staaten wie beispielsweise Österreich die Doppelbürgerschaft. Terzos sind hierzulande auch durch die Doppelzählung des 8. bis 18. Altersjahres (diese Jahre werden beim Aufenthalt von Terzos doppelt angerechnet, Anm. d. Red.) schon privilegiert. Die Schweiz geht mit ihren Ausländern korrekt um.

Caruso: Die Burka-Plakate, die die SVP jetzt gemacht hat, – das entspricht nicht einem korrekten Umgang mit Ausländern. Ausserdem haben Burkaträgerinnen nichts mit uns Terzos zu tun. Oder haben Sie schon einmal eine unter 25-jährige vollverschleierte Terza gesehen?

Steinemann: Das Plakat war eine Provokation, dank dem ein Chlapf durchs Land ging. Aber jetzt diskutiert man wenigstens über diese Vorlage. Die Burka symbolisiert das vereinfachte, anonymisierte Verfahren. Man weiss nicht, wer hinter der Burka steckt.

Schiavone: Wenn ich Lügen verbreiten würde, dann würde auch ein Chlapf durchs Land gehen. Bei der SVP muss es jemanden geben, der mega gut ist mit Photoshop und Fake-News. Diese Kampagne ist einfach nicht fair gegenüber den Leuten wie uns, die gut integriert sind und die gleichen Grundwerte haben wie Schweizer.

Steinemann: Ich verstehe nicht, warum Sie sich vom Plakat angesprochen fühlen. Uns geht es in erster Linie um Folgendes: Wir wollen, dass Einbürgerungswillige auch in Zukunft von der Gemeinde oder dem Kanton überprüft werden. Neu würde ein Beamter in Bern die Akte studieren und den Pass ausstellen, sofern die formalen Voraussetzungen dafür erfüllt sind. Es würde aber nicht genügend kontrolliert, ob die Person wirklich integriert ist.

Woraus schliessen Sie das?

Aus meiner eigenen Erfahrung. Ich erinnere mich an einen jungen Mann, der in unserer Gemeinde Regensdorf den Schweizer Pass beantragte. Er hatte keine Betreibungen, bezog keine Sozialhilfe, erfüllte alle Voraussetzungen für die Einbürgerung. Doch beim Vorstellungsgespräch gab er der weiblichen Person die Hand nicht. In Bern wäre der Handschlagverweigerer wohl durchgegangen.

Caruso: Gemäss der Vorlage muss der Bund überprüfen, ob jemand integriert ist oder nicht. Er hält Rücksprache mit Kanton und Gemeinde. Neu würde einfach der Papierkram wegfallen und die Kosten gesenkt.

Steinemann: Der Bund müsste nicht Rücksprache halten mit der Gemeinde. Diese hat einfach ein Rekursrecht, wenn sie vom neuen Gemeindebürger erfährt. Ich finde allerdings nicht, dass es die Aufgabe einer Gemeinde ist, einen solchen Entscheid anzufechten. Das macht doch niemand.

Schiavone: Sie reiten auf Einzelfällen herum. Es kann sein, dass Fehler passieren. Aber das Gesetz ist so wichtig für so viele junge Menschen, die etwas zu sagen haben, die hier mitreden wollen.

Steinemann: Wir müssen verhindern, dass solche Einzelfälle zum Normalfall werden. Die vergangene Generation von Ausländern ist wahrscheinlich kein Problem. Aber heute, wo Europa mit Einwanderungsströmen zu kämpfen hat, dient eine schärfere Kontrolle unserem Schutz. Deutschland und Frankreich haben bereits das Problem, dass sie Terzos eingebürgert haben, die null integriert waren und das Vertrauen des Staates tödlich ausgenutzt haben.

Schiavone: Es ist grundsätzlich schwierig, religiös radikalisierte Jugendliche zu überwachen oder einer Radikalisierung vorzubeugen. Es kann ja auch sein, dass sich jemand radikalisiert, wenn er den Schweizer Pass schon hat. Ausserdem gehören muslimische Terzos genauso zur Schweiz wie alle anderen Terzos auch. Man darf sie nicht diskriminieren.

Steinemann: Habe ich Sie jetzt richtig verstanden? Wir sollen jemand aufgrund seiner Radikalisierung nicht anders behandeln dürfen? Wir betrachten nicht jeden Araber als potentiellen Irgendwas. Aber wir dürfen die Sachen nicht schönreden.

Die grösste Gruppe unter den Terzos sind mit 58 Prozent die Italiener. Frau Steinemann, befürchten Sie mit einer vereinfachten Einbürgerung junger Menschen wie Frau Caruso oder Herr Schiavone einen Verlust der nationalen Identität?

Steinemann: Natürlich nicht. Aber wir müssen auf die anderen 42 Prozent schauen.

Wenn also 99 Prozent der Terzos Italiener wären, würden sie die erleichterte Einbürgerung gutheissen?

Steinemann: So ist es aber nicht.

Und wenn es so wäre?

Steineman: Auch dann sehe ich keinen Vorteil darin.

Schiavone: Die Schweiz kann von uns profitieren. Wir würden schliesslich Militär- oder Zivildienst leisten.

Steinemann: Ich frage mich, inwiefern wir von dieser Familie in Basel profitieren könnten, die ihre Mädchen nicht in den Schwimmunterricht schicken wollte …

Schiavone: Das sind Einzelfälle, die in einer laizistischen Gesellschaft keinen Platz finden, weil in der Schweiz Religionsfreiheit herrscht.

Caruso: Es gibt Leute, die in meiner Anwesenheit über Ausländer herziehen. Dann schauen sie mich an und sagen: Dich meine ich natürlich nicht. Aber natürlich bin ich auch betroffen. Wir Terzos sind hier bestens integriert. Es wäre einfach nur schön und fair, wenn man uns mitreden liesse und uns nicht so viele Steine in den Weg legen würde.

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Noemi Caruso (18) und Yanek Schiavone (29) diskutieren mit SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann (40) über die erleichterte Einbürgerung von Ausländern der dritten Generation.

Noemi Caruso (18) und Yanek Schiavone (29) diskutieren mit SVP-Nationalrätin Barbara Steinemann (40) über die erleichterte Einbürgerung von Ausländern der dritten Generation.

Noemi Caruso (18) aus Sursee (LU) hat einen italienischen Pass. Ihre Grosseltern sind arbeitswegen in die Schweiz eingewandert und lebten 40 Jahre in der Schweiz, wo sie drei Kinder grosszogen. Carusos Mutter hat den Schweizer Pass nicht beantragt, weil er ihr zu teuer war. Noemi Caruso absolviert eine KV-Lehre, spricht einwandfrei deutsch und sagt: «In der Schule musste ich den Ausländern im Deutsch helfen.» Die Schweiz und Italien bedeuten ihr beide gleich viel: «Ich trage beide Länder im Herzen.»

Noemi Caruso (18) aus Sursee (LU) hat einen italienischen Pass. Ihre Grosseltern sind arbeitswegen in die Schweiz eingewandert und lebten 40 Jahre in der Schweiz, wo sie drei Kinder grosszogen. Carusos Mutter hat den Schweizer Pass nicht beantragt, weil er ihr zu teuer war. Noemi Caruso absolviert eine KV-Lehre, spricht einwandfrei deutsch und sagt: «In der Schule musste ich den Ausländern im Deutsch helfen.» Die Schweiz und Italien bedeuten ihr beide gleich viel: «Ich trage beide Länder im Herzen.»

Yanek Schiavone (29) aus Tägerwilen (TG) hat einen italienischen Pass. Er ist angehender Seklehrer und unterrichtet unter anderem Schweizer Geschichte. Seine Grosseltern wanderten in die Schweiz ein «mit dem Wunsch auf ein besseres Leben». Schiavone bezeichnet sich selber als «sehr engagiert». In seiner Jugend spielte er in Vereinen Fussball, inzwischen hat er in Afrika ein Hilfswerk ins Leben gerufen. Schiavone bezeichnet die Schweiz als «meine Heimat». Er fühle sich sowohl als Schweizer wie auch als Italiener.

Yanek Schiavone (29) aus Tägerwilen (TG) hat einen italienischen Pass. Er ist angehender Seklehrer und unterrichtet unter anderem Schweizer Geschichte. Seine Grosseltern wanderten in die Schweiz ein «mit dem Wunsch auf ein besseres Leben». Schiavone bezeichnet sich selber als «sehr engagiert». In seiner Jugend spielte er in Vereinen Fussball, inzwischen hat er in Afrika ein Hilfswerk ins Leben gerufen. Schiavone bezeichnet die Schweiz als «meine Heimat». Er fühle sich sowohl als Schweizer wie auch als Italiener.

Noemi Caruso (18) aus Sursee (LU) hat einen italienischen Pass. Ihre Grosseltern sind der Arbeit wegen in die Schweiz eingewandert und lebten 40 Jahre in der Schweiz, wo sie drei Kinder grosszogen. Carusos Mutter hat den Schweizer Pass nicht beantragt, weil er ihr zu teuer war. Noemi Caruso absolviert eine KV-Lehre, spricht einwandfrei deutsch und sagt: In der Schule musste ich den Ausländern im Deutsch helfen. Die Schweiz und Italien bedeuten ihr beide gleich viel: Ich trage beide Länder im Herzen.

Barbara Steinemann (40) ist SVP-Nationalrätin und Juristin. Steinemann ist Mitglied der Sozialbehörde Regensdorf und Mitglied bei der Tell-Museumsgesellschaft Bürglen UR. Ausländische Vorfahren hat sie keine: Es stammen alle aus dem Kanton Zürich.

Yanek Schiavone (29) aus Tägerwilen (TG) hat einen italienischen Pass. Er ist angehender Seklehrer und unterrichtet unter anderem Schweizer Geschichte. Seine Grosseltern wanderten in die Schweiz ein mit dem Wunsch auf ein besseres Leben. Schiavone bezeichnet sich selber als sehr engagiert. In seiner Jugend spielte er in Vereinen Fussball, inzwischen hat er in Afrika ein Hilfswerk ins Leben gerufen. Schiavone bezeichnet die Schweiz als seine Heimat. Er fühle sich sowohl als Schweizer als auch als Italiener.

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