Widmer-Schlumpf-Nachfolge: SVP-Frauen sind gegen Herrenclub im Bundesrat

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Widmer-Schlumpf-NachfolgeSVP-Frauen sind gegen Herrenclub im Bundesrat

Nach dem Abgang von Eveline Widmer-Schlumpf ist die Chance gross, dass ein Mann sie beerbt. Die SVP-Frauen suchen nun nach einer weiblichen Kandidatin.

von
J. Büchi

Der 22. September 2010 war für Feministinnen in der Schweiz ein grosser Tag: Mit der Wahl von Simonetta Sommaruga (SP) waren die Frauen im Bundesrat erstmals in der Mehrheit. Neben ihr sassen zu diesem Zeitpunkt auch Micheline Calmy-Rey (SP), Doris Leuthard (CVP) und Eveline Widmer-Schlumpf (BDP) in der Regierung.

Diese Zeiten sind Schnee von gestern: Vor vier Jahren löste Alain Berset seine Parteikollegin Micheline Calmy-Rey ab. Am 9. Dezember ist die Chance nun gross, dass sich erneut ein Mann den freiwerdenden Sitz ergattert. Bei der SVP, die nach ihrem Rekordsieg an den Parlamentswahlen und nach dem Rücktritt von Widmer-Schlumpf mit Nachdruck einen zweiten Bundesratssitz verlangt, dreht sich das Kandidatenkarussell munter weiter – die Topfavoriten heissen Heinz Brand, Toni Brunner und Guy Parmelin. Unter den knapp 20 Anwärtern, die bisher öffentlich vorgeschlagen wurden, hat noch keine einzige Frau ihre Ambitionen angemeldet – die ehemalige Zürcher Regierungsrätin Rita Fuhrer schloss am Donnerstag eine Kandidatur kategorisch aus.

Bundesrat als Herrenclub?

Enttäuscht über den Frauen-Aderlass im Bundesrat zeigte sich Yvonne Feri. Kurz nach dem Rücktritt von Eveline Widmer-Schlumpf twitterte die SP-Nationalrätin: «Rücktritt #WidmerSchlumpf – nach Metzler nun wieder eine Frau! Ein grosser fachlicher Verlust für die Schweiz. Traurig, aber wahr.»

Auch Michael Sorg, der Sprecher der SP Schweiz, sagt: «Es wäre bedauerlich, wenn der Bundesrat wieder zum Herrenclub würde.» Bundesrätinnen dienten als Vorbild und könnten junge Frauen zu einem Einstieg in die Politik animieren. «Es würde der SVP gut anstehen, eine Frau als Kandidatin aufzustellen.» Ob eine SVP-Kandidatin für die SP wählbar wäre, hänge aber von deren politischen Positionen und nicht vom Geschlecht ab.

Die SVP schweigt

Ganz ausgeschlossen ist es nicht, dass die SVP doch noch eine Frau ins Rennen schickt: Die SVP-Frauen führen laut «Blick» derzeit Gespräche mit potenziellen Kandidatinnen. «Wir wären natürlich sehr erfreut, wenn die Partei ein Zweierticket mit einem Mann und einer Frau präsentieren könnte», sagte Präsidentin Judith Uebersax. Als Kandidatinnen in Frage kämen sowohl Quereinsteigerinnen als auch «versierte Parlamentarierinnen».

Die SVP-Frauen könnten nur den Anstoss für eine Frauenkandidatur geben, sagte Uebersax. Entscheiden würden jedoch die kantonalen Parteien. SVP-Wahlkampfleiter Albert Rösti will sich auf Anfrage nicht zur Thematik äussern. Er verweist auf den laufenden, parteiinternen Findungsprozess. «Am 20. November wird die Fraktion über Strategie und das weitere Vorgehen entscheiden. Diesem Prozess möchte ich nicht mit einer Beurteilung zu den notwendigen Voraussetzungen von Kandidierenden vorgreifen.»

Dass nur zwei Frauen in der Schweizer Regierung sitzen, war zuletzt im Jahr 2007 der Fall, bevor Widmer-Schlumpf zum Gremium stiess. Von 1848 bis 1984 wurde die Schweiz ausschliesslich von Männern regiert. Die erste Frau im Bundesrat war Elisabeth Kopp (FDP) im Jahr 1984. Eine weibliche Doppelvertretung gab es erstmals, als 1999 Ruth Dreifuss (SP) und Ruth Metzler (CVP) gemeinsam mit fünf männlichen Kollegen das Land regierten.

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