Tabu-Bruch: SVP-Mann will Wald roden – für Einwanderer
Aktualisiert

Tabu-BruchSVP-Mann will Wald roden – für Einwanderer

Wälder sollen Städten weichen. Mit diesem Vorschlag sorgt der Berner SVP-Politiker Christoph Neuhaus für Wirbel.

von
J. Büchi

Es ist ein Tabubruch sondergleichen: Der Berner Regierungspräsident Christoph Neuhaus (SVP) will einen Teil des Waldes opfern, damit die Schweiz weiter wachsen kann. «Das Mittelland wird zum Wohn- und Arbeitsraum, für den Erholungsraum muss man aufs Land gehen», schlägt er in der «Schweiz am Sonntag» vor. Die Migration und der Geburtenüberschuss machten das zusätzliche Bauland erforderlich.

Parteikollege Albert Rösti stimmt ihm zu: «Die Waldfläche nimmt teilweise massiv zu, in den betroffenen Gebieten macht eine Rodung deshalb sicher Sinn.» Im Gegensatz zu Neuhaus will der Berner SVP-Nationalrat aber keine Trennung zwischen städtischem Wirtschaftsraum und ländlichen Erholungsgebieten. «Vielmehr muss man auch im ländlichen Raum Arbeits- und Wohnraum schaffen.» Dies würde sich auch auf die Pendlerströme günstig auswirken. «In erster Linie muss das Wachstum aber durch eine kontrollierte Einwanderung beschränkt werden», ist Rösti überzeugt. Die Masseneinwanderungs-Initiative der SVP sei dafür das richtige Mittel.

Schweiz soll nicht zu «einziger Grossstadt» werden

Eine Waldrodung zur Schaffung von Wohnraum – dies will auch Jacqueline Badran, SP-Nationalrätin und Mitglied der Raumplanungs-Kommission, nicht komplett ausschliessen. Dass sich jedoch ausgerechnet die SVP Gedanken über zusätzlichen Raum für Migranten machen soll, erscheint ihr aber unglaubwürdig: «Denen geht es um den Bau von Strassen, sicher nicht darum, Platz für Einwanderer zu schaffen.»

Als «Unsinn» bezeichnet der grüne Nationalrat Bastien Girod Neuhaus' Vorschlag. Der Wald dürfe auf keinen Fall angetastet werden. Vielmehr müsse man sich die Frage stellen, wie weit die Schweiz überhaupt noch wachsen soll. «Es kann nicht sein, dass die Schweiz zu einer einzigen Grossstadt zusammenwächst.» Girod plädiert dafür, dass die Standortpolitik grundlegend überdacht wird. «Es ist der falsche Ansatz, wenn jeder Kanton versucht, möglichst viele Unternehmen bei sich anzusiedeln.» Neben dem Wald müssten auch andere landwirtschaftlich und ökologisch wertvolle Flächen – das sogenannte Kulturland – besser geschützt werden.

Auch FDP-Nationalrat Christian Wasserfallen geht der Vorschlag zu weit. «Die Feststellung, dass das Bauland in der Schweiz knapp ist, ist zwar richtig.» Es gebe aber andere Möglichkeiten, neuen Wohn- und Arbeitsraum zu schaffen. Insbesondere müsse über eine Verdichtung in den Zentren nachgedacht werden. «Die Rodung von Waldflächen würde zu einer weiteren Zersiedelung führen», warnt Wasserfallen. Er sei erstaunt, dass der Vorschlag ausgerechnet vom Berner Regierungsrat komme – zumal dieser sich in der Debatte zum Raumplanungsgesetz noch «für das exakte Gegenteil» eingesetzt habe.

«Das Tabu hat seine Berechtigung»

Frau Allgaier, wie beurteilen Sie den Vorschlag von Christoph Neuhaus, im Mittelland Wald zugunsten von Wohnraum zu roden?

Ich finde ihn schwierig. Der Schweizerische Forstverein vertritt die Meinung, dass der Walderhalt nötig und richtig ist.

Neuhaus argumentiert aber, die Waldflächen in der Schweiz hätten zugenommen.

Tatsächlich wachsen die Waldflächen fast überall in der Schweiz – ausser im Mittelland. Die Forderung zielt deshalb genau auf das falsche Gebiet ab.

Wäre eine Rodung im Alpenraum also diskutabel?

Im Moment ist das nicht möglich. Das Bundesgesetz über den Wald ist hier sehr strikt. Möglicherweise müssen wir aber irgendwann darüber diskutieren.

Die Rodung von Wald ist ein Tabuthema – weshalb?

Der Bevölkerung ist diese grüne Oase sehr wichtig. Dort kann sie kostenlos zahlreichen Freizeitaktivitäten nachgehen. Das Tabu hat deshalb seine Berechtigung.

*Barbara Allgaier Leuch ist Vorstandsmitglied im Schweizerischen Forstverein.

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